«NZZ»: Harmonische Fotos lösen keine Nervosität auf
ZÜRICH: Nach Spekulationen über einen Wechsel an der Spitze der Bundesregierung haben Kanzler Friedrich Merz und der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Hendrik Wüst (beide CDU) ihren Zusammenhalt demonstriert. Dazu heißt es am Dienstag in der «Neuen Zürcher Zeitung»:
«Ein gemeinsamer Gang, Posen für Fotos, demonstrativ entspannte Augenblicke vor den Kameras - Hendrik Wüst und Friedrich Merz zeigen am Montag im sauerländischen Meschede, dass hier selbstverständlich alles in bester Ordnung ist: Niemand hat die Absicht, den Bundeskanzler zu ersetzen.
Berliner Gerüchte über Machtfragen sind nichts Besonderes. Die deutsche Hauptstadt produziert täglich politische Projektionen, Intrigen und Gedankenspiele, die von der Wirklichkeit von Politik und Verfassung weit entfernt sind, wie auch in diesem Fall. Bemerkenswert ist, dass sich Spekulationen über eine mögliche Ablösung des Bundeskanzlers tagelang halten konnten, obwohl es bis heute keinen Hinweis darauf gibt, dass Wüst, der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, irgendein Interesse an einem solchen Szenario hätte.
Die Macht politischer Bilder ist groß. Aber harmonische Fotos von einer Parteiklausur lösen keine Nervosität auf, die längst aus dem Inneren der Partei kommt. Von außen betrachtet gab es nämlich gar kein Problem. Die Unsicherheiten, die die CDU permanent wieder einfangen muss, produziert sie selbst. Der Bundeskanzler und Parteivorsitzende trägt dafür die Verantwortung.»
«Handelsblatt» zu junge Generation/KI-Arbeitswelt
Trotz Fachkräftemangel scheint der Zugang zum Arbeitsmarkt in manchen Bereichen schwieriger zu werden - gerade für diejenigen, die erst am Anfang ihrer Karriere stehen.
Darauf deuten aktuelle Daten hin. (.) In sogenannten "KI-exponierten Berufen" ist die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen seit Ende 2022 um rund 13 Prozent zurückgegangen. Bei älteren Beschäftigten bleiben die Zahlen dagegen stabil oder steigen sogar. Die Forscher führen dies darauf zurück, dass erlerntes theoretisches Wissen leichter durch KI ersetzt werden kann als langjährige Praxiserfahrung. Auch Unternehmen rechnen mit tiefgreifenden Veränderungen. (.) Skepsis gegenüber den Folgen der Technologie ist kein Zeichen von Fortschrittsfeindlichkeit. Sie hilft vielmehr, einen Wandel kritisch zu begleiten, dessen Geschwindigkeit seine Richtung oft überholt. Oder anders gesagt: Eine Generation, die nicht weiß, welchen Platz sie in dieser "schönen neuen Arbeitswelt" haben wird, hat jedes Recht, misstrauisch zu bleiben.
«Frankfurter Allgemeine Zeitung» zu Selbstbestimmungsgesetz
(.) Die Möglichkeit eines Geschlechtswechsel durch einfache Erklärung übersieht vollkommen, dass unsere Rechtsordnung an das Geschlecht teils einschneidende Folgen knüpft.
(.) Wenn nun drei Bundesländer den Vorstoß wagen, das Selbstbestimmungsgesetz zu ändern, um Missbrauch zu verhindern, so ist das rührend, geht aber an der Sache vorbei. Denn das Gesetz geht eigentlich davon aus, dass man einen Geschlechtswechsel gar nicht missbrauchen kann. (.) Die gesamte Regelung, die immerhin evaluiert wird, gehört in dieser Form abgeschafft. Es ist nämlich nicht so, dass alle gleich sind. Es ist auch nicht so, dass alle gleich gemacht werden können. Davon geht nicht nur unsere gewachsene Rechtsordnung aus. Auch sie beruht auf einer Schöpfung, die uns natürliche Grenzen setzt.
«Sme»: Zu hohe Ansprüche hemmen Lust an Elternschaft
BRATISLAVA: Die slowakische Tageszeitung «Sme» schreibt am Montag zu möglichen Ursachen für niedrige Geburtenraten in Europa:
«Gute Eltern zu sein, ist heutzutage anspruchsvoll und stressig. Einerseits geht es (...) um eine mit einem Wohnungskauf vergleichbare finanzielle Investition - und für so ein großes Projekt muss man erst das Geld verdienen. Zugleich aber widmen richtige Papas und Mamas heute ihren Nachkommen nicht nur Geld, sondern auch viel Zeit, und sie ermöglichen ihnen ein vielseitiges Entwicklungsprogramm. (...)
Abgesehen von Geld und Zeit geht es aber auch um eine schwere geistige und emotionale Arbeit. Kinder sind längst nicht mehr etwas, das ganz natürlich heranwächst, sondern sie sind zu einer Art seltener Orchideen geworden, die man stetig bewässern muss. Aufopferung ist ein unvermeidlicher Bestandteil der Elternschaft (...) und jede Familie baut sich ihr ganz individuelles Bewässerungssystem - und das bedeutet wenige Kinder und trotzdem viel Stress. (...)
Aber auch Orchideen kann man zu viel gießen. Ein Kind, das kein Ganzjahresprojekt mit Entwicklungsprogramm sein muss, ist weniger erschöpfend. Und eine Familie, die nicht um jeden Nachkommen ein individuelles Bewässerungssystem bauen muss, traut sich eher ein zweites Kind zu.»
«La Stampa»: Netanjahu nutzt besonderes Zeitfenster im Libanon
TURIN: Zum jüngsten Vorrücken der israelischen Armee im Libanon schreibt die italienische Zeitung «La Stampa» am Montag:
«Der Vormarsch steht im Zusammenhang mit dem größeren regionalen Kontext, der (Israels Regierungschef Benjamin) Netanjahu ein Zeitfenster eröffnet hat, das wertvoller ist als jedes diplomatische Abkommen: die Möglichkeit, Israels Nordgrenze neu zu definieren, solange die iranische Abschreckung geschwächt ist, bevor die Verhandlungen mit Teheran abgeschlossen werden und bevor die internationale Gemeinschaft ihre Aufmerksamkeit wieder auf diese Front richtet.
Die Bulldozer arbeiten schnell, und die Karten werden Woche für Woche neu gezeichnet. Die Strategie besteht darin, eine gefestigte territoriale Präsenz zu schaffen, dass jedes zukünftige Abkommen von dieser Präsenz als vollendeter Tatsache ausgehen müsste. (...)
Eine Kontrolle (über das Vorgehen Israels) fehlt, weil diejenigen, die sie ausüben könnten, sich entschieden haben, dies nicht zu tun. Die Regierung von (US-Präsident Donald) Trump ist mit Verhandlungen mit Teheran beschäftigt und benötigt Netanjahu als funktionalen Verbündeten. Das bedeutet, im Südlibanon zu tolerieren, was man in Beirut angeblich nicht sehen möchte. Doch die Unterscheidung zwischen dem Südlibanon und Beirut ist genau jene Art von Grenze, die dieser Krieg bereits mehrfach als bedeutungslos erwiesen hat.
Netanjahu muss zugleich eine innenpolitisch immer instabilere Koalition zusammenhalten: Der rechte Flügel seiner Regierung würde ihm ein Ende der Operationen als Kapitulation auslegen, während die Opposition ihm vorwirft, nicht genug zum Schutz der Gemeinden in Nordisrael zu tun. Der Krieg im Libanon ist deshalb auch - wie so oft - ein innenpolitischer Krieg, der auf fremdem Territorium ausgetragen wird.»
«NZZ»: Eine zerrissene FDP kämpft gegen die Bedeutungslosigkeit
ZÜRICH: In einer Kampfabstimmung um den Bundesvorsitz der FDP hat sich der bisherige stellvertretende Parteichef Wolfgang Kubicki gegen die Europaabgeordnete Marie-Agnes Strack-Zimmermann durchgesetzt. Dazu heißt es am Montag in der «Neuen Zürcher Zeitung»:
«Kubicki übernimmt damit nicht nur eine Partei, die gegen die Bedeutungslosigkeit ankämpft, sondern die auch politisch zerrissen ist. Brücken zu seinen Kritikern zu bauen, gehörte bislang nicht zu den größten Stärken des wortgewaltig auftretenden Norddeutschen. Doch jetzt wird er es tun müssen.
Zu seiner ersten Einsicht als Parteichef wird auch gehören, dass er die Stimmung unter den Mitgliedern möglicherweise unterschätzt hat. Offenbar war der Unmut darüber, dass Kubicki zuletzt als alleiniger und damit alternativloser Kandidat dastand, bei einigen größer als gedacht. Hinter den Kulissen formierte sich Widerstand, nicht nur bei Strack-Zimmermann. (.)
Der öffentlich ausgetragene und nur mühsam befriedete Richtungsstreit fällt zusammen mit einer schweren Krise der Liberalen. Viele Wähler sind unsicher, wofür die FDP steht. Nach dem Aus bei der Bundestagswahl war auch am Parteitag die Unsicherheit zu spüren. Es wird sich zeigen, ob Kubicki beruhigend auf die Partei einwirken kann. Er beschwor zwar die liberalen Werte wie wirtschaftlichen Wettbewerb, Meinungsfreiheit und starke Bürgerrechte. Eigene Projekte stellte er aber nicht vor.»
«The Times»: Kampf gegen Ebola muss intensiviert werden
LONDON: Die Londoner «Times» kommentiert am Montag den Ebola-Ausbruch in der Demokratischen Republik Kongo:
«Dies ist der 17. Ebola-Ausbruch in dem Land seit der Entdeckung des Erregers vor 50 Jahren, doch noch nie hat sich die Krankheit so rasch ausgebreitet wie jetzt. In Brasilien wurden bereits zwei Verdachtsfälle festgestellt. Uganda hat seine Grenze zur Demokratischen Republik Kongo geschlossen. Für Zentralafrika und darüber hinaus sind die wirtschaftlichen Folgen düster. (.)
Es gibt jedoch eine Hoffnung, die - wie schon beim Covid-Ausbruch - maßgeblich von Oxford ausgeht. Auf der Grundlage ihrer Pionierarbeit während der Covid-Pandemie entwickeln Forscher dort einen experimentellen Impfstoff, der innerhalb von zwei bis drei Monaten für klinische Studien bereit sein könnte. (.)
Diese Reaktion der Wissenschaft ist unerlässlich, doch es ist noch weit mehr erforderlich. Regierungen und Behörden müssen ihre Bemühungen koordinieren, eine schnelle Finanzierung medizinischer Hilfsmaßnahmen sicherstellen und rasch genügend Personal, Fachkräfte und Freiwillige mobilisieren, um die Ausbreitung der Epidemie zu stoppen.»