Ich brauche nur einmal mit offenen Ohren über den Nachmarkt zu flanieren oder mich in der Nähe eines Stammtisches aufzuhalten, schon habe ich Dutzende Vorurteile aufgeschnappt: Franzosen sind die besten Liebhaber, Deutsche sind pünktlich und fleißig, Engländer haben den Humor in den Genen und die Thailänder sind faul.
Ganz unabhängig davon, dass solche Pauschalurteile niemals richtig sein können, oftmals verwandeln sie sich schon in kürzester Zeit ins Gegenteil. Dann heißt es: Franzosen besaufen sich täglich, Deutsche sind rassistisch, Engländer langweilige Stoffel und Thailänder freundlicher als alle anderen.
Woher stammen diese Vorurteile? Tratsch, Missgunst und Lügen sind ihr Humus, Bequemlichkeit, Dummheit und Gerüchte lassen sie wachsen, und wenn am Ende Streitereien oder gar Kriege daraus hervorgehen, dann trifft daran niemand eine Schuld. Ich kenne keinen Menschen ohne Vorurteile und nehme mich dabei nicht aus.
Vor vielen Jahren, als ich noch als Redakteur im ZDF gearbeitet habe, setzte ich mich erfolgreich dafür ein, dass ein Auslandsurlaub als Bildungsreise anerkannt wurde. Später musste ich einsehen, dass viele dieser Reisenden zurückkehrten und ihre Koffer mit Vorurteilen vollgestopft hatten. Vorurteile haben eine lange Lebensdauer. Dazu gehört es, Frauen ihrer Rechte zu berauben: Sie sind für Führungspositionen nicht intelligent genug. Sie haben nichts als ihr Aussehen, ihre Schönheitspflege und ihre Klamotten im Kopf. Sie können weder einparken noch ausparken und was man an derlei Unsinn sonst noch zu hören bekommt.
Noch schlimmer sind Ausländer und Asylanten dran: Sie nehmen uns die Arbeit weg. Sie wollen nur an unser Geld. Sie untergraben unsere Religion. Sie wollen alle Deutschen abschaffen und sich an deren Stelle setzen. Diese Dummheiten lassen sich seitenweise fortsetzen. Die Bayern machen sich gern über die Preußen lustig, die Mainzer über die Wiesbadener und die Düsseldorfer über die Kölner. Das sagt nichts aus über die Preußen, über die Mainzer oder die Kölner, wohl aber über das Überlegenheits- gefühl derer, die so denken oder so reden.
Inzwischen beginnt man, Vorurteile ernster zu nehmen. Political Correctness verlangt, Schwarze nicht länger als Menschen zweiter Klasse zu bezeichnen, Schwule nicht länger als abartig, und antisemitische Aussagen gelten nicht länger als freie Meinungsäußerung sondern werden strafrechtlich verfolgt.
Oftmals werden Vorurteile verbreitet die sich als Hinterlist erweisen:
Der Krieg im Irak, bei dem es in Wahrheit um Öl ging, wurde dadurch gerechtfertigt, dass angeblich Giftgase gelagert und an Atomwaffen für einen Angriffskrieg gearbeitet wurde. Die Zigarettenindustrie hat viele Jahre geleugnet, dass Nikotin süchtig macht und gesundheitsschädlich ist, um den Absatz nicht zu gefährden. Aus dem selben Grund wurde Coca Cola als gesundes Erfrischungsgetränk beworben. Immer noch bestreiten hohe Politiker, Wissenschaftler und Industriekapitäne den gefährlichen Einfluss der Abgase auf unser Klima, weil sie sich nicht an den Kosten für die Reduzierung der Giftstoffe beteiligen wollen. Und meine Tante Gertrud, die mich sehr geliebt hat, lachte mich als Kind immer aus, wenn ich von der ersten Mondlandung der Amerikaner sprach: „Das ist doch alles nur Propaganda, mein Junge, die Amis wollen damit nur ihre Führungsmacht demonstrieren.“ Doch wie lassen sich Vorurteile und ihre Komplizen – Gerüchte, Fakes und Lügen – bekämpfen? Ausrotten wird man sie nie, das ist auch gar nicht erstrebenswert. Aber Neugierde, Zweifel und alles zu hinterfragen sind Möglichkeiten, der Wahrheit näher zu kommen.
Am Stammtisch werden Sie sich dadurch keine Freunde machen, auch nicht in Thailand. Das habe ich mehr als einmal erlebt. Hilfreich war es, als mir in dieser Situation ein Witz einfiel: Ich hatte eine Currywurst bestellt und musste lange, sehr lange darauf warten. Dann rief ich laut durch das Lokal. „When I become my sausage?“ Alle lachten und die Stammtischhelden waren mit mir versöhnt, sagte ihr Vorurteil ihnen doch, dass meine Sprachkenntnisse höchst mangelhaft waren.
Ich will diese Kolumne mit einer Geschichte beenden, die mir nicht gerade zur Ehre gereicht, aber dieses Thema treffend beleuchtet:
Es war Anfang der Achtziger Jahre. Ich saß in einem Restaurant, als eine ältere Frau, gefolgt von einem Tross junger Frauen, den Speiseraum betrat. Ich sah sie, hörte sie reden und wusste sofort Bescheid: Ein überhebliches altes Klatschweib, herrschsüchtig, egoistisch, intolerant und voller Vorurteile.
Irgendwie kamen wir ins Gespräch. Ich konnte ihr nicht ausweichen, ohne unhöflich zu werden. Sie war aufdringlich, schmeichelte mir, lud mich ein und versuchte, so viel wie möglich über mich zu erfahren. Sogar Freunde fragte sie über mich aus. Über gemeinsame Bekannte sprach sie verständnisvoll. Aber ich durchschaute sie. Das war eine typische Masche. Sie wollte Vertrauen aufbauen, um dann den Hammer ihrer Vorurteile umso härter auf mich sausen zu lassen. Ich blieb vorsichtig, hatte mit Typen ihrer Art schon meine Erfahrungen gemacht. Über sich selbst gab sie nur wenig preis, und was sie erzählte, erschien mir höchst zweifelhaft.
Ihr Vater sei ein österreichischer Großindustrieller gewesen, ließ sie nebenbei fallen, ihre Mutter eine französische Opernsängerin und ihr Mann ein Arzt, der bei einer Safari in Afrika von einer Giftschlange tödlich verletzt worden war. Nichts Greifbares, nichts Nachvollziehbares, nur aufgeblasene Klischees. Und als sie von meiner Krebsdiagnose hörte, war mir klar: Jetzt hatte sie genug Material zusammen, um ihre Anhänger mit Tratsch über mich zu füttern.
Sie besuchte mich im Krankenhaus, suchte wahrscheinlich nach weiteren Informationen. Sie bot mir aufdringlich ihre Hilfe an, brachte mir
Bücher und Leckereien, sogar einen neuen Schlafanzug mit. Als es mir immer schlechter ging, kam sie schon morgens, fütterte mich und blieb bis zum Abend. Das ging so viele Wochen, bis man mich als geheilt entließ. Veronika wurde zu meiner besten Freundin, herzensgut, großzügig, tolerant und völlig selbstlos. Aber das war mir ja schon von Anfang an klar gewesen.