Nur wenige Menschen bevorzugen die Einsamkeit. Die meisten sehnen sich nach einer guten Beziehung, nach einem Freund oder einer Freundin, um mit ihnen eine angenehme Lebenszeit zu verbringen.
Wer bei dieser Suche erfolglos bleibt, der versucht es häufig ersatzweise mit einem Tier, einem Hund oder einer Katze. In meinen Augen ist das ein höchst unzureichender Ersatz. Ein Hund kann sehr wohl zum besten Freund seines Besitzers werden, aber er ist und bleibt ein Tier, auch wenn einige Hundehalter behaupten: „Seit ich die Menschen kenne, liebe ich meinen Bello.“ Klar, Bello sagt nichts, fragt nichts und klagt nicht. Er braucht nichts als sein Futter, ist brav, folgsam und rührt mit seinem treuen Hundeblick das Herz seines Besitzers. Mir könnte er keinen menschlichen Freund ersetzen.
Viele meiner Bekannten sagen gedankenlos „mein Freund“ oder „meine Freundin“ und meinen damit doch nur Leute, mit denen sie nicht mehr verbindet als ein paar Begegnungen in der Kneipe oder zufällige Treffen im Urlaub. Ein Freund ist mehr, viel mehr. Schon im Plural genannt verliert sich sein Wert. Ein echter Freund ist ein Unikat, ein teurer und kostbarer Diamant. Von Albert Einstein ist der Satz überliefert: „Wahre Liebe ist selten – wahre Freundschaft ist noch seltener.“ Damit ist nichts gesagt gegen Freundschaftskreise oder besser ausgedrückt gegen Bekanntenkreise, die sich häufiger treffen und mit denen man gerne seine Freizeit verbringt. Sie gehören zu einem geselligen Leben dazu und bereichern es.
Aber die große, die einmalige Freundschaft zu einem Menschen, die vielleicht aus langer Gemeinschaft gewachsen ist oder aus seelischer Übereinstimmung, die keinen Zweifel zulässt, die Vertrauen und Geborgenheit schenkt, Sicherheit und Kraft verleiht, die aus einem guten Menschen einen besseren macht, weil jeder Freund seinen Freund übertreffen möchte an Zuneigung, Herzlichkeit und Güte, die ist mit nichts zu vergleichen.
„Wem der große Wurf gelungen eines Freundes Freund zu sein...,“ heißt es in Friedrich Schillers Ode „An die Freude“. Und von Friedrich Rückert ist dieser Vers überliefert: „Dein wahrer Freund ist, wer dich sehen lässt deine Flecken und sie dir tilgen lässt, eh‘ Feinde sie entdecken.“ Aber nicht jedem ist dieses Glück vergönnt. Als ich meinen Lebensfreund zum ersten Mal sah, wusste ich im selben Augenblick: Ja, das ist er. Und er war es und blieb es, bis sein Tod uns vor einigen Jahren trennte. Ich hatte Glück, habe einen neuen selenverwandten Freund getroffen und sage deshalb mit einem alten, abgewandelten Werbespruch: „Wenn einem so viel Gutes widerfährt, das ist schon ein herzliches Dankeschön wert.“
Wahlverwandtschaften haben mit Freundschaften viel zu tun. Dieser Begriff wurde durch den 1809 von Johann Wolfgang von Goethe veröffentlichten Roman „Die Wahlverwandtschaften“ allgemein bekannt. In all seinen Werken erwies der deutsche Dichterfürst sich als weltoffen und den Menschen zugewandt. Das bronzene Denkmal auf dem Theaterplatz in Weimar zeigt die beiden bedeutendsten deutschen Dichter ihrer Zeit, Goethe und Schiller als Freunde vereint. Es war aber keine Liebe auf den ersten Blick. Dennoch entstand zwischen ihnen eine der produktivsten Freundschaften der Literaturgeschichte, die bis zum Tod von Friedrich Schiller andauerte.
„Freunde sind die Entschuldigung Gottes für die Familien.“ So lautet ein bekanntes Sprichwort, das ich durchaus nachvollziehen kann. Der Grund dafür ist, dass meine letzten Familienangehörigen, meine Geschwister sich als Nazis geoutet haben. Das war für mich unfassbar, ein Schock. Mit denen wollte ich nichts zu tun haben. Ich habe die sogenannte Familienbande zertrennt und mir meine Freunde selbst ausgesucht. Das sind meine Wahlverwandten, meine Ersatzfamilie.
Ob hier in Thailand oder in Deutschland, überall habe ich Menschen kennengelernt, die äußerst sympathisch sind, mit denen ich seit vielen Jahren einen vertrauensvollen Kontakt pflege. Andere waren nur habgierig, versuchten schon am ersten Tag unserer Bekanntschaft mich anzupumpen oder erzählten Geschichten, die sich schnell als Märchen entpuppten. Da hilft nur eine schnelle Trennung. „Sage mir, mit wem du gehst, und ich sage dir wer du bist.“ Viele Menschen leben zusammengepresst in der Zwangshaft ihrer Familie und wissen nicht, wie sie sich aus diesem Elend befreien können. Dabei ist die Lösung ganz einfach: Sie heißt Freundschaft, weil Freundschaft alles schafft. Natürlich kenne ich auch Familien, die sehr liebevoll und harmonisch miteinander umgehen. Manchmal habe ich mich dabei ertappt, dass ich neidisch auf sie war.
Aber dann erlebte ich einen späten glücklichen Höhepunkt meines Lebens: Vor einiger Zeit habe ich meinen langjährigen Jugendfreund und seine Familie adoptiert. Christian ist wesentlich jünger als ich. Wir haben über viele Jahre zusammen gearbeitet, wir sind zusammen gereist und sind uns dabei immer näher gekommen. Ich war sein Trauzeuge in Thailand und Pate seiner beiden Söhne, die mich heiß und innig lieben, so wie ich sie. Jetzt habe ich wieder eine richtige Familie, eine Familie, die ich selbst gewählt habe.
Ein Hoch auf die Wahlverwandtschaften!