Der Geisterglaube hat über viele Jahrhunderte das Leben der Thailänder geprägt. Als der Buddhismus hier Einzug hielt, verband er sich mit dem alten animistischen Glauben. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Geister sind überall, im Haus, im Garten, im Baum, in der Türschwelle und natürlich im Geisterhäuschen, in dem die Thais sie bewirten, um sie gnädig zu stimmen.
Fettnäpfchen für Farangs sind überall ausgelegt. Der Besitzer des Gästehauses, der Sie vom Flugplatz abgeholt hat, stellt Sie seiner Famile vor. „Ach wie süß, die Kleine“. Sie streicheln der Tochter des Hauses freundlich übers Haar. „Sie ist so niedlich.“ Sie sehen nicht, wie Ihre Gastgeber förmlich erstarren. Aber die sagen nichts, denn sie sind tolerant und schreiben diesen Ausrutscher Ihrer Unerfahrenheit zu. Sie wussten nicht, dass für die Thais der Kopf das Heiligste des Menschen darstellt und die Haare deshalb von Fremden niemals berührt werden sollten.
Als Sie später gefragt werden, wer Ihnen den Weg zum Strand gewiesen hat, zeigen Sie auf den Thai-Gärtner. Das gehört sich überhaupt nicht. Nur Polizisten zeigen mit dem Finger auf den Missetäter, wenn ein Pressefoto gemacht wird. Am Strand liegt schon ein weiteres „Fettnäpfchen“ für Sie bereit: Als Sie aus dem Wasser kommen und zu Ihrem Badetuch laufen, steigen Sie über einen im Weg liegenden Thai hinweg. Das ist natürlich grob unhöflich.
Ein Tempelbesuch hat auch seine Tücken für Newcomer. Zum Glück hat jemand Sie im letzten Augenblick darauf hingewiesen, dass Sie vor dem Betreten des Heiligtums ihre Schuhe ausziehen müssen. Aber als Sie sich vor dem Buddha auf den Boden setzen, um ihn andachtsvoll zu betrachten, strecken Sie ihm ihre Füße entgegen. Ein absolutes „No go!“ Die Füße sind unrein, gelten als der niedrigste Teil des Menschen. Und die strecken Sie Buddha entgegen? Das ist wirklich der Gipfel!
Hüten Sie sich auch davor, Mönchen Geld zu geben. Trotz böser Unregelmäßigkeiten in letzter Zeit in höheren buddhistischen Kreisen, werden Mönche immer noch als Respektpersonen angesehen, da sie Buddha auf Erden vertreten. Sie zu beleidigen oder anzugreifen wird fast ebenso hart bestraft wie Kritik an der Monarchie. Und der Eiertanz um die Fettnäpfchen geht weiter. Nach einigen Tagen haben Sie in der Nacht-Bar ein hübsches junges Thai-Mädchen kennengelernt. Sie gehen mit ihr aus, ins Restaurant, ins Kino, und auf dem Heimweg überkommt es Sie: Sie umarmen die Schöne und drücken Ihre Lippen auf den Mund der heiß begehrten Frau. Das ist skandalös. Sexuelle Annäherungen in der Öffentlichkeit leisten sich höchstens Straßenköter.
Der Aberglaube ist in Thailand so tief und weit verbreitet, dass selbst alte Einwohner nicht alle Regeln kennen. Farangs dürfen sich deshalb auch darüber hinwegsetzen, denn man wird vermuten, dass Sie davon keine Ahnung haben und ohne böse Absicht handeln.
Aber wer sich auf eine Buddha-Figur setzt oder stellt, um sich fotografieren zu lassen, findet für diesen Frevel kein Verständnis bei den Thais. Er kann dafür bestraft oder des Landes verwiesen werden. Bei den Thais hat er jedenfalls jeden Respekt verloren.
Thailand ist unter der dünnen Schicht scheinbarer Modernität ein konservatives, nationalistisches Königreich, das auf Hierarchien aufbaut. Jeder hat in der Gesellschaft seinen festen Platz, ist sich seines sozialen Status bewusst und weiß genau, wie er sich gegenüber Höhergestellten zu benehmen hat. Farangs werden die thailändische Mentalität nie völlig verstehen – so wenig wie die Thais aus den Langnasen jemals schlau werden.
Aber mit Freundlichkeit, Höflichkeit und Respekt ist jeder Tourist hier gerne gesehen und wird seinen anfänglichen Kulturschock schnell überwinden.