Über Mauern

Eigentlich wollte ich hier die Geschichte der Großen Mauer erzählen, aber das hätte vorausgesetzt, dass ich monatelang in dicken Wälzern Daten und Belege hätte sammeln müssen. Womöglich wäre ein Aufenthalt in Beijing in muffigen Archiven erforderlich gewesen, nur um dann festzustellen, dass das Thema für eine Kolumne doch eine Nummer zu groß ist.

Auch hörte ich mit meinem geistigen Ohr die Leser/-innen schimpfen: „Was will er jetzt noch mit der Großen Mauer? Davon versteht er doch gar nichts, er ist ja schließlich kein Japanologe oder so. Soll er doch über seine Gartenmauer schreiben, Schuster bleib bei deinen Leisten!” Ja, ja, ist ja gut, dann halt über unsere Gartenmauer.

Also, sie ist ca. zwei Meter fünfzig hoch und schirmt uns von drei Seiten ab, wie das in den Resorts so üblich ist. Hinter der Rückwand beginnt ein verwildertes Niemandsland, da wimmelt es von allerhand Getier und vor allem von Schlangen, die es nach schweren Regenfällen auf zu neuen Ufern drängt. Da sei die Mauer vor! Sie erfüllt auch leidlich ihren Zweck, nur hin und wieder schafft es eine über die Blätter der Bananenstauden in den Garten und muss die Konsequenzen mit dem Hund ausmachen. Bisher hat der Hund noch immer gewonnen. Hoffentlich bleibt es so, wir wollen kein Reptil mit aufgeblähtem Bauch im Gras entdecken, das nicht einmal bellt, wenn Besucher kommen.

Die Mauer zu unserer Linken trennt uns von freundlichen Nachbarn, die so erschreckend ruhig sind, dass wir nun unseren eigenen Krach aushalten müssen, eine zwiespältige Erfahrung. Früher war es anders, da wohnte dort eine Familie mit einem Jugendlichen, der kurz nach der Dämmerung gerne seinen schweren Töff aufheulen ließ. Ich überlegte, was man dagegen tun könnte, da Reklamieren nicht so mein Ding ist. Ich war drauf und dran ihm vorzuschlagen, doch um sechs Uhr morgens mit seinem Gefährt durch unseren Garten und die Blumenbeete zu pflügen, einfach so aus Spaß. Ich würde das Ganze dann filmen und auf YouTube stellen, als Happening für alle Beteiligten. Leider ist es nicht mehr dazu gekommen, unsere jetzigen Nachbarn haben das Haus gekauft und der junge Mann röhrt nun andere Leute aus dem Schlaf. Vielleicht macht er doch noch Karriere als „Roarfluencer“.

Kein Reptil mit aufgeblähtem Bauch

Aber zurück zu unseren Nachbarn. Da man nichts von ihnen hört, schaut man intensiver hin, wenn sich etwas bewegt. Ich sah am frühen Morgen eine Ratte über die Mauer huschen, aber es war gar keine, sondern eine optische Täuschung. Der Nachbar ist sehr groß gewachsen und lief offenbar auf einer Plattform hinter der Wand hin und her. Ich habe nur seine grauen Haarbüschel über die Mauer wandern sehen und für eine Ratte gehalten. Natürlich blieb dies mein Geheimnis, nicht etwa, weil der Mann es falsch verstehen könnte, sondern weil es übel auf mich selbst zurückfallen könnte und meine Frau dann täglich fragen würde: „Wie gehts deiner Ratte, hast du sie heute schon gesehen?”

Die Phantomratte

Auch die Gefahr für weitere verhängnisvolle Missverständnisse wäre durchaus gegeben gewesen. Da der Nachbar zufällig der Chef des Unternehmens ist, in welchem sie arbeitet, wäre sie versucht gewesen, ihm meine Beobachtung stark vereinfacht so mitzuteilen: „My husband has seen a rat this morning, but it was you.“

Die Mauer zu unserer Rechten weiß auch nicht so recht, weshalb sie da ist. Das Haus dahinter wird hin und wieder an Expats aus aller Welt vermietet und man kann die Nationalität über die Gerüche aus der Küche zuordnen, weil man die Leute kaum zu Gesicht bekommt. Riecht es nach Tom Jung Kung ist alles klar, da schwingt eine Thailady den Kochlöffel, Saucen mit europäischer Note kann ich weniger gut zuordnen, aber bei Bolognese oder Fondue bourginonne ist auch alles klar.

Die Mauern selbst trennen aber nicht nur, sie können auch selbst als Requisiten für ungewöhnliche Dramen dienen:

Katzentennis

Einmal sah ich zwei Katzen auf der Gartenmauer sitzen. Sie saßen sich in kurzer Entfernung gegenüber und zwischen ihnen lief eine Maus hin und her, die jedes Mal einen Klaps bekam, wenn sie in die Reichweite der Pfote einer der beiden geriet, wobei sie zusammenzuckte und kaum hörbar piepste. Es sah aus, als würden sie mit ihr Tennis spielen, der schmale Grat der Mauer war die Spielfläche, die Pfoten der Katzen die Schläger und die Maus der Ball. Links schlug Nadal auf, rechts Federer.

Sie schienen sich bei diesem grausamen Spiel köstlich zu amüsieren. Die Maus wurde aber sichtlich müde und verharrte immer länger am Mauerrand, um Atem zu schöpfen. Auf ihrem Fell breiteten sich dunkle Flecken von Angstschweiß aus. Die Katzen warteten geduldig, putzten sich in der Zwischenzeit gelangweilt das Fell und begannen das Spiel wieder von vorn, wenn die Maus sich regte und zu fliehen versuchte. Ob Nadal oder Federer dem Drama ein Ende setzte und sich als Sieger mit der Beute davon machte, blieb mir verborgen. Als einziger Zuschauer verabschiedete ich mich vor dem Spielende ging zu Bett und hoffte im nächsten Leben nicht als Tennismaus geboren zu werden.


​Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Martin Gralk 09.06.21 02:51
Ich persönlich
mag die Geschichten von Khun Reszek und Callolo.

Diese Stories sind wahrscheinlich nicht immer wahr, doch sie sind nicht so verbissen. Manfrau kommt in TH leichter durchs leben, wenn manfrau die Dinge nicht so ernst nimmt.

Dank an die beiden Herren.