Vom Ähm zum Sir – eine Karriere

Der Wolkenbruch kam gerade recht. Ich hatte einen Zahnarzttermin im Krankenhaus und fragte mich, wie ich dort mit dem Velo einigermaßen unbeschadet hinkommen sollte oder ob sich die Sache von selbst erledigt, wenn die Sintflut mich zusammen mit den Zahnschmerzen wegspült.

Die Aussicht, von Noah mit an Bord genommen zu werden, war jedoch minimal, denn bekanntlich sollte nur den Gerechten der Welt dieses Privileg zuteil werden – Gerechten und den Viechern paarweise. Zu beiden konnte ich mich beim besten Willen nicht zählen. Es blieb also nur noch Hilfe zur Selbsthilfe und Improvisation. Ich beschloss deshalb kurzerhand, die Kleider und Schuhe in einen Plas­tiksack zu stecken und nur mit Shorts und T-Shirt bekleidet, barfuß in die Pedale zu treten.

Gelbwesten in Hua Hin?

Beim Überstreifen einer gelben Pelerine kamen mir kurz Zweifel: Könnte die Polizei dies etwa als versteckte Provokation auslegen? Die Proteste der Gelbwestenbewegung in Frankreich waren mir noch in guter Erinnerung und ich hätte mich leicht dem Verdacht ausgesetzt, mit revolutionären Absichten ins Stadtzentrum zu radeln. Denn in Thailand können schon kleinere Miss­verständnisse zu einem Intermezzo auf der Polizeiwache führen, inklusive erkennungsdienstlicher Behandlung. Mir war aber nicht an Umsturz gelegen, sondern ich war bloß damit beschäftigt, einen Absturz auf das glitschige Terrain zu vermeiden und meine Zahnschmerzen loszuwerden.

Es fühlte sich an wie eine Fahrt durch einen Wasserfall, begleitet von einem Inferno aus Blitzen und Donnerhall, das mir wie ein tropisch scharfes Stakkato über den Rücken zu rollen schien.

Als ich am anderen Ende der Stadt – sprich beim Spital –  ankam, machte der Parkwart große Augen. Eine gelbe Pelerine auf Rädern? Dazu barfuß? Was zum Teufel...?

Der Mann war sichtlich überfordert.

Ich zog die Kapuze herunter, zeigte auf die Parklücke hinter ihm zwischen zwei Motorrädern und grinste ihn an.

Er schien erleichtert, trat einen Schritt zur Seite, wies mich mit einer Handbewegung ein und stotterte: „..Sawadee... ähm... hello...!“

Bis dahin war ich der „ähm“, das sollte sich aber noch ändern.

Empfangsdamen mit Stil

Ich zog die Pelerine aus und die Sandalen an, nahm den Plastiksack mit den Kleidern und ging zur Rezeption am Eingang, wo mich die Empfangsdamen musterten.

Nie hätten sie sich anmerken lassen, was sie von diesem tropfenden Tropf in T-Shirt und Shorts hielten. Doch ich war mir sicher, dass sie unter den Masken lächelten.

Ähm: „Good morning, I have an appointment at the dentist clinic...“

Eine der Damen warf einen Blick in den PC, fragte nach Name und Termin und sagte dann: „Ähm..., yes... Mister..., it‘s in the first floor...“

Immerhin war ich jetzt ein „Mister“, mein sozialer Aufstieg war nicht mehr aufzuhalten.

Ich ging in die Toilette und zog mich um: Weiße lange Hose, blaues Hemd. Alles ein bisschen zerknittert, wie es dem englischen Adel beliebt.

Dann machte ich mich auf den Weg zur Klinik. Der Plas­tiksack wollte nicht so recht zum Aufzug passen, deshalb rollte ich ihn so ein, dass es aussah, als wäre er ein Regenschirm. „Very british“ eben!

Ich erreichte den Empfang der Dental Clinic. Auch dieser Schalter war mit zwei Damen besetzt. Sie unterbrachen sofort ihre sichtlich angeregte Unterhaltung und riefen gleichzeitig: „Good morning, Sir!“

Na, wer sagt's denn?!

Schwer bewacht zum Cashier

Da es in den Privatkrankenhäusern in Thailand üblich ist, die Rechnung gleich im Anschluss an die Behandlung zu begleichen, wird sie jeweils noch am Tresen des Departements ausgestellt und man darf dann in Begleitung eines Spital-Polizisten zum Cashier vortreten. Diese Vorsorge wird allen Patienten zuteil, damit „Ähms“, „Misters“ oder „Sirs“ nicht in Versuchung geraten – natürlich absichtslos und irrtümlich – ohne zu bezahlen durch den Hinterausgang das Weite zu suchen.

Der Parkwart schien mich beim Ausgang zu erwarten, machte den Wai, deutete eine kurze Verneigung an und zog beflissen mein Velo aus der Parklücke. Vermutlich wollte er Abbitte für das „Ähm“ bei der Ankunft leisten. Er lächelte und sagte irgendetwas auf Thai, was von mir großzügig übersetzt etwa so lauten könnte:

„Haben Ihre Lordschaft eine angenehme Behandlung genossen?“


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Ole Bayern 23.07.21 23:40
Sehr schön zu lesen.....
..... eine schöne und nette Geschichte mit Wirklichkeit ... und sehr gut geschrieben ....einen großen Daumen HOCH und Dankeschön hierfür Herr Resjek .

VG Ole
Martin Gralk 23.07.21 23:10
Mon Velo, Mon Amour
Bravo, M. Resjek. Ich beneide Sie um Ihren Mut mit dem Velo durch HH zu fahren.

Ansonsten zeigt Ihr Blog was in der Gesellschaft Sache ist: Wichtig ist nicht das Sein, sondern der Schein. Das gilt nicht nur, aber besonders im Thai-Land.