„Mir san mit em Radl do“

Unter den Radfahrern der Stadt habe ich drei verschiedene Kasten ausgemacht. An der Spitze der Hierarchie sind die Brahmanen der Straße, ehrgeizige Speedrentner, die auf aufgepimpten Fahrädern vornehmlich in den frühen Morgenstunden ihre Runden drehen. Die Räder sind federleicht, die Rahmen aus Edelmetall, die Pneus dünn als wären sie bloß Zierat, die Speichen filigran wie Spinnennetze – ein Wunder der Technik. So ein Gefährt einen Drahtesel zu nennen, wäre glatte Blasphemie.

Brahmanen der Straße

Die Männer tragen ein Outfit, das den Neoprenanzügen der Tiefseetaucher ähnelt, einfach ohne Ärmel und Hosenbeine. Der perfekt gestreamte Helm aus Carbonfasern glänzt farbenfroh im Morgenlicht und macht allen klar: Hier radelt ein Außerirdischer, nein, er radelt natürlich nicht, er fliegt! Man sieht ihn auch weniger auf den Straßen der City selbst, die Gefahr, dass er durch ein durchrostetes Metallgitter fällt und in der Kanalisation weiterfahren muss, ist zu groß. Abgesehen davon: Nur von den Ratten bewundert zu werden wäre auch nicht das Gelbe vom Ei.

Zur zweiten Gruppe gehören ältere Herren, die mit einem Zwölfgänger zufrieden sind und etwas für die Gesundheit tun möchten. Sie versuchen ohne erkennbaren Ehrgeiz gegen ihre Bierbäuche anzustrampeln und lassen es nach einer Stunde gut sein. Zuhause bei einem Humpen ist es halt am schönsten. Man treibt aber weiterhin Radsport, einfach nur noch virtuell und schaut sich die Tour de France im TV an.

Die unterste Kaste der Radler will einfach nur auf zwei Rädern von A nach B kommen. Dazu gehöre ich. Wie mein Drahtesel (!) beschaffen ist, ist ziemlich egal, Zweckmäßigkeit ist hier das Gebot der Stunde und ich teile diese Einstellung in Hua Hin vorwiegend mit den Einheimischen, aber im Unterschied zu ihnen nicht aus Not, sondern freiwillig und aus Überzeugung, weil es mir Spaß macht, aus eigener Kraft mit einfachen Mitteln von A nach B zu kommen. Es ist wie lustvolle Arbeit und man sieht das Resultat sofort: Keine Entfremdung von der Art und Weise der Fortbewegung, sondern Aneignung durch Selbstbestimmung (Von mir, nicht von Karl Marx. smiling!)

Statussymbol der Habenichtse

Ein Thai, der Fahrrad fährt, tut es hierzulande (Provinz) in der Regel nicht aus ökologischen oder sportlichen Gründen, sondern weil er keine andere Wahl hat. Das Rad ist hier das Statussymbol der Loser und wird deshalb gemieden.

Ein Beispiel: Das Büro meiner Frau liegt gute zehn Velominuten von unserem Haus in Down Town Hua Hin. Die Strecke hat ein unbedeutendes Gefälle und könnte von einem Kind mit dem Dreirad bewältigt werden. Ich wollte sie überzeugen, etwas für ihre Gesundheit zu tun und mit dem Rad zur Arbeit zu fahren. Also schenkte ich ihr eins. Sie benutzte es ein paarmal, aber es war offensichtlich, dass es ihr unwohl war damit. Mit einem Farang verheiratet zu sein und mit dem Statussymbol der Habenichtse zur Arbeit zu fahren – dieser Zwiespalt überforderte sie. Ich kaufte ihr ein Motorrad. Jetzt wird sie andauernd gefragt, wieso es kein Auto geworden sei. Ich sagte ihr, eins nach dem anderen: Motorrad, Auto, Helikopter, Privatjet, Space Shuttle. Es gibt immer Luft nach oben, alles zu seiner Zeit.

Kamikaze- Omas

Einige Verkehrsteilnehmer lassen dich spüren, dass du der Paria bist. Eine Spezies tut sich da ganz besonders hervor: die Kamikaze-Omas. Sie blochen hautnah an einem vorbei, selbstbewusste Matronen mit ausladender Körperfülle verlangen dem Motorrad alles ab. Wenn es seufzen könnte, würde es dies tun. Zwischen den Knien schaut das Köpfchen eines Enkels hervor und manchmal klammert sich ein zweites Kind auf dem Rücksitz an sie. Klar, dass die Straße nun ihr gehört und Fußgänger und Radler auf die Plätze verwiesen werden, bzw. in die Straßengräben.

Als ich einmal gedankenverloren in die Pedalen trat, hörte ich plötzlich ein Motorrad herannahen. Ein Blick in den Rückspiegel bestägte es: Eine Kamikaze-Oma war dabei, eine Attacke zu reiten. Auf gleicher Höhe angekommen begann sie plötzlich wie irre zu hupen und machte gleichzeitig einen Schwenker nach links, um in die Nebenstraße einzubiegen, wobei sie mir den Weg abschnitt. Ich machte eine Vollbremsung und streifte das Deckblech ihres Hinterrades. Sie drehte sich noch kurz um und warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. Ich wollte ihr den Vogel zeigen, aber dies hätte mich vollends aus dem Gleichgewicht gebracht.

Witziger war ein ähnlicher Vorfall ein paar Wochen später, als die Bars wegen Covid zu schließen begannen und die Damen ihr Einzugsgebiet notgedrungen ausweiten mussten. Ich wurde auf offener Straße von einem Motorrad an den Rand gedrängt und war dadurch gezwungen, anzuhalten.

Eine junge Frau zog den Helm aus, schüttelte ihr schwarzes Haar und fragte lachend:

„Where are you going?“

Ich: „….? I am going back home….?!”

Sie: „Can i come with you?”

Ich: „…Sorry…but my panlaia ( Frau) is waiting…”

– Helm auf und weg war sie!

Das war auch Kamikaze, aber wenigstens nicht lebensbedrohlich. Und noch etwas: Drahteselfahrer sind offensichtlich sexy – für Motorradfahrerinnen mit Geschmack!


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Thomas Knauer 28.09.21 18:10
Eine unterhaltsame zum Schmunzeln einladende Geschichte.
Gehör ich doch zu den Pariern unter den Fahrradfahrern, ich genieße das beschauliche Fahren durch die Landschaft und die sich oft bietenden Gelegenheiten Neues zu entdecken.
Bei nächster Gelegenheit werde ich mein E-Bike mitbringen um auch im Norden und Osten in den Bergen relativ entspannt mit dem Fahrrad die Landschaft zu erkunden.
Den sportlichen Ehrgeiz meines Bruders werde ich allerdings nicht erreichen, er ist die Strecke Kaiserslautern -Bangkok zwei Mal gefahren in den 80igern die südliche Variante und 2005 die nördliche Route.
Walter Kaderli 27.09.21 22:06
Ich lach mich kaputt
So gut beschrieben, ist einfach schön solche Geschichten zu lesen!
Musste so laut lachen wegen der Bemerkung, zuerst Motorrad, Auto, Helikopter und etc...
Fehlte nur noch der Heissluftballon!
Anbei noch eine kleine Anekdote von mir, mir hat einmal ein Farang gesagt, wenn du Fahrrad fährst befestige hinten beim Gepäckträger eine Thailändische Flagge, diese muss mindestens 50cm seitlich angebracht werden!
Auf meine Frage hin wieso denn, bekam ich folgende Antwort : Hast du schon einmal erlebt, dass ein Thailänder seine Flagge überfährt.
Ich musste schmunzeln, aber ich denke, dieser Farang hatte absolut Recht mit seiner Aussage.
In diesem Sinne, allen Fahrradfahrern viel Glück und kommt immer gut nach Hause...