Leben in Thailand

Seit über zwanzig Jahren lebe ich hier. Zwischendurch bin ich immer wieder mal nach Deutschland geflogen. Jetzt habe ich mich entschlossen, das demokratische Königreich Thailand als meine neue Heimat zu betrachten, das sich aus den aktuellen Ost-West-Konflikten weitgehend heraushält.

Deutschland werde ich nicht mehr besuchen, da es dort keine direkten Familienangehörige mehr gibt. Das bedeutet aber auch, dass ich mir im hohen Alter eine neue Krankenversicherung suchen muss, was sich als äußerst schwierig herausgestellt hat. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern ist es problemlos hier zu leben. Die Rede ist von Pattaya, der Stadt in der ich lebe. Diese extreme Stadt hat den Ruf, ein Sündenbabel zu sein. Mag sein, für Leute, die als Sextouristen hierherkommen. Aber wer nur ein ruhiges und angenehmes Leben führen will, findet hier alles, an was er sich in Europa gewöhnt hatte. Die Infrastruktur stimmt. Es gibt Wasser und Strom, gute Krankenhäuser und Supermärkte, die auf internationale Kundschaft ausgerichtet sind.

Die Strände könnten sauberer sein, auch das Meer, aber die Massagen auf dem warmen Sand tun gut und sind unschlagbar günstig. Ein bestimmtes Grundeinkommen oder der Nachweis einer hohen sechsstelligen Bank­einlage genügen, um jährlich ein neues Visum zu bekommen. Hinzu kommt, dass man sich alle drei Monate bei der Immigration melden muss. Dafür braucht man sich, im Gegensatz zu Deutschland, nicht zu integrieren, keine Sprachkenntnisse nachweisen und kann so leben wie man will. Sofern die Finanzen ausreichen, lebt es sich hier sehr gut, auch wenn der Umtauschkurs sich zu unseren Ungunsten verändert hat und die Preise unverhältnismäßig gestiegen sind. Die Thailänder kennen, soweit ich es beobachten konnte, keinen Rassismus. Sie sind freundlich gegen jedermann, sofern man ihnen freundlich begegnet. Der Buddhismus hat sie Toleranz gelehrt. Das Wetter ist für Europäer höchst angenehm und das Nahrungsangebot umfassend. Hier leben Menschen aus aller Welt, deshalb wird auch jeder Expat hier Freunde finden. Ohne sie wäre es hier schwierig, denn Einsamkeit oder Alleinsein macht krank. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Gemeinschaften, die sich zum Essen zusammenfinden oder hinterher irgendwo etwas trinken und sich austauschen, gesünder sind und länger leben. Es lebt sich hier stressfrei, vorausgesetzt, man ist finanziell abgesichert.

Die Abwertung des Euro gegenüber dem Baht hat leider schon viele Rentner gezwungen, dieses Land wieder verlassen zu müssen. Viele haben neue Destinationen gefunden, wo die Lebenshaltungskosten günstiger sind. Von anderen weiß ich, dass sie krank nach Thailand kamen und inzwischen wieder völlig fit sind, was dem angenehmen Klima geschuldet ist. Auch ich kam mit Rückenschmerzen nach Thailand. Kurze Zeit später waren sie verschwunden. Gestern hatte ich die Freude, einen interessanten Schweizer kennenzulernen. Über Stunden haben wir uns über spannende Themen unterhalten und gingen danach beide froh und innerlich bereichert nach Hause. Immer wieder erlebe ich hier Glücksmomente, die in Deutschland höchst selten waren. Sei es auf Reisen durch das Land, wo man nicht nur außergewöhnlich schöne Gegenden, sondern auch besondere Menschen kennenlernt, die sich durch große Gastfreundschaft oder durch seltene Begabungen auszeichnen. Natürlich begegnen einem auf Reisen auch immer wieder Menschen, die in großem Elend leben. Mit einer kleinen Spende kann man diese Leute und sich selbst beglücken. Und was stört dich an Thailand, werde ich hin und wieder gefragt. Ehrlich gesagt, da muss ich lange nachdenken. Klar, es gibt hier einige Themen, über die man sich als Ausländer besser nicht äußern sollte. Aber das ist für mich kein Störfaktor. Eigentlich ärgere ich mich nur über den miserablen Umtauschkurs. Als ich vor vielen Jahren nach Thailand kam, konnte ich sogar von den Bankzinsen leben. Davon kann man heute nur noch träumen. Zum Glück erlaubt meine Rente mir, hier unabhängig zu leben und auch noch ein wenig dazu beizutragen, dass es anderen etwas besser geht.

Wenn ich sehe, wie viele junge Menschen hier auf der Straße leben und, um zu überleben, sich selbst verkaufen müssen, dann weiß ich, in diesem Land stimmt irgendetwas nicht. Sozialhilfen sind hierzulande so gut wie unbekannt. Neben großem Reichtum ist hier die größere Armut unübersehbar, die dazu führt, dass Eltern ihre Kinder in die Touristenstädte schicken, um den Lebensunterhalt der Familie zu sichern. Für eine bestimmte Art von Touristen bedeutet das: hier findet auch der hässlichste Topf noch einen hübschen jungen Deckel. Ja, bei genauem Nachdenken ist dies der Punkt, der mich hier am meisten stört. Auch die allbekannte Korruption trägt zu diesem Übel bei. Ob sich das in Zukunft ändern wird? Ich habe meine Zweifel, denn dieses System hat sich – wie ich vermute – in den Genen der Thais inzwischen fest verankert. Es wird überall praktiziert und ist kaum zu übersehen, zumal man als Ausländer davor ja auch nicht gefeit ist. Ich will hier auf Beispiele verzichten, weil jeder, der schon länger in diesem Land lebt, dies persönlich erfahren hat.

Dennoch ist und bleibt Thailand für mich das Land, von dem ich immer geträumt habe. Bevor ich hier sesshaft wurde, habe ich alle angrenzenden Länder über mehrere Monate besucht, beobachtet und analysiert. Danach wusste ich, Thailand ist mein persönliches Elysium. Millionen anderer Touristen aus aller Welt scheint es ähnlich zu gehen. Von meinen Freunden in Deutschland werde ich beneidet. Ja, ich genieße mein Leben hier und hoffe zugleich, dass die meis­ten meiner Leser dieses Gefühl teilen und sie vor schlechten Erlebnissen verschont bleiben, so wie ich. Kriminelle Delikte haben sich in den letzten Jahren leider vermehrt. Gründe dafür sind hauptsächlich die illegalen Drogen und die Notwendigkeit, sich auf verbrecherische Weise die Mittel dafür zu beschaffen. Wenn man dann noch darüber nachdenkt, wie viele junge Leute, alkoholisiert oder von Drogen betäubt, auf ihren hochgetunten Motorrädern durch die Stadt düsen, um vielleicht einem tödlichen Unfall zu erliegen, bekommt die Freude an diesem Land möglicherweise trotz allem einen Knacks. Man muss die Tatsache, dass es hier jährlich mehr Unfalltote gibt als in ganz Europa, ausblenden, weil sonst andere Gedanken die Oberhand gewinnen könnten. Nein, auch dadurch werde ich meine Freude, in diesem Land leben zu dürfen, nicht zerstören lassen. Thailand bedeutet übersetzt „Land der Freien“, und genauso fühle ich mich hier.

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Jürgen Franke 10.01.20 23:35
Herr Krüger, da ich Ihren Ausführungen
grundsätzlich zustimme, erlaube ich mir, bezüglich Ihrer Krankenversicherung lediglich den Hinweis, sich mit der GROBALITY in Verbindung zu setzen. Auch wenn man sich heute noch gesund fühlt, kann sich dieser Zustand schnell ändern. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen noch eine schöne Zeit.
Heinz Matijischin 10.01.20 16:16
Auf den Punkt !!!
Die beste Beschreibung des Landes und des Lebens hier, die ich je gelesen hab !!!!!!!
Thomas Knauer 10.01.20 04:07
Gut geschrieben, Thailand kann dem Paradies schon sehr ähnlich werden. Es sind halt immer individuelle Abwägungen was für einem selbst wie wichtig ist. Das einzige wo ich nicht mit ihnen übereinstimme ist ihr Statement über Rassismus. Den gibt es sowohl institutionell als auch zwischen den einzelnen Bevölkerungsgruppen und Schichten.
Norbert Schettler 06.01.20 00:37
So ist es
Man kann sofort merken, das Sie schon lange in diesem Lande leben, Ce-eff. Ob in Pattaya, Phuket, im Norden oder im Isaan, jeder da, wo er sich wohl fühlt. Das Paradies ist es für mich nicht (gibt es das noch irgendwo?), bin aber sehr froh, hier zu leben.
Michael Meier 06.01.20 00:36
@ H.Bosing
Ganz ihrer Meinung . Endlich mal jemand der in diesem Forum etwas Positives schreibt. Mir geht´s genau so !