Kurz gefragt: Wuttichai Phakchuen

HEILBRONN: Von Muay Thai hat wohl jeder Thailandfan schon mal gehört. Und verbindet damit eine wilde, zugleich aber auch geschmeidige Keilerei im Ring, mit Schlägen und Tritten. Dabei ist Thaiboxen bloß die quasi abgespeckte Version einer komplexen Form der Martial Arts, deren Wurzeln weit zurückreichen in Kultur und Geschichte des alten Siam. Unter ihrem 24-jährigen Coach Wuttichai Phakchuen (im Bild), der aus Samut Prakan südöstlich von Bangkok stammt, pflegt in Heilbronn eine Gruppe von Enthusiasten das echte „Muay Thai Boran“ aus dem Land des Lächelns. Vom gelernten Elektroniker und jungen Mastermind für traditionsbewusste Kampfsportler erfährt der Hamburger Autor René Gralla, wie sogar ein Farang zum echten Siegertypen werden kann – und warum Thailands charmante Frauen besser mit Respekt zu behandeln sind.

Martial Arts liegen voll im Trend. Sie dagegen haben sich entschieden für Muay Thai Boran: Was unterscheidet Ihr Original von modernen Nachfolgern?

Das Wort „boran“ bedeutet übersetzt „alt“ oder „traditionell“. Wir wenden Trainingsmethoden an, die sich über viele Generationen bewährt haben. Besonders wichtig ist die Aufwärmphase, die vom Geist des Buddhismus inspiriert wird, mit Konzentrationsübungen und Meditation. So stimmen wir unsere Körper auf das Kommende ein.

Wie läuft das konkret ab?

Zuerst verbeugen wir uns vor dem König, zollen ihm Respekt. Anschließend folgt das Ritual Wai Khru: das ist ein zeremonieller Tanz, der Hochachtung gegenüber Lehrern und Meistern ausdrückt. Nach dem Training – regelmäßig drei Stunden, in denen wir uns beschäftigen entweder mit Muay Thai Boran ohne Waffen oder mit Krabi Krabong aka. Daab Thai, der überlieferten Waffenkunst – meditieren wir erneut, um von der vorausgegangenen Anspannung wieder runterzukommen.

Moment mal, haben wir das richtig verstanden: Waffen gehören ebenfalls zu Ihrem Sport?

Korrekt. Ein perfekter Athlet beherrscht neben reinen Körpertechniken auch den Umgang mit Schwert und Schild oder langen Stöcken, die Speere simulieren.

Das klingt nicht ungefährlich…

Keine Sorge, da passe ich auf! Bevor Neueinsteiger zum Säbel greifen dürfen, bilde ich die Schüler intensiv an den besagten Stöcken aus. Bis sie gelernt haben, jeden Schlag abzuwehren, erst im Anschluss kommen die Kurzwaffen dran. Und ich darf Sie beruhigen: Bisher ist noch nie etwas passiert! (lacht)

Trotzdem: Warum soll das heikle Gerät unbedingt sein?

Weil Muay Thai Boran kein Selbstzweck ist, sondern Fertigkeiten vermittelt, die wichtig sind zum Überleben. Das Volk von Siam musste sich immer wieder gegen fremde Mächte verteidigen, deswegen sind von der jeweiligen Regierung beauftragte Meister seit Jahrhunderten in die Provinz geschickt worden, um die Menschen auf dem Land in die Kampfkunst einzuweihen. Damit sich die Leute im Fall einer Invasion wehren konnten, bis ihnen die regulären Streitkräfte zur Hilfe eilen würden.

Eine Verteidigungsstrategie, die zu Beginn der 2000er Dekade offenbar Thema eines Leinwand-Epos geworden ist...

...Sie meinen sicher den Film „Bang Rajan“, der die Geschichte eines gleichnamigen und fiktiven Dorfes erzählt, das den Einmarsch einer burmesischen Armee aufzuhalten versucht. Eine freie Adaption realer historischer Ereignisse aus dem 18. Jahrhundert: Tatsächlich griffen seinerzeit Truppen aus dem Nachbarstaat an und zerstörten am 7. April 1767 unsere damalige Hauptstadt Ayutthaya.

Tragen Sie auch Wettkämpfe in der martialischen Variante des Muay Thai Boran aus?

Die Waffenkunst demonstrieren wir nur auf entsprechenden Kulturveranstaltungen, zum Beispiel Thaifesten. Sportlich messen wir uns ausschließlich im waffenlosen Muay Thai Boran. Wobei wir dann allerdings höchstens in Thailand antreten, Lieblingsgegner ist die Schule Khru Praeng in Bangkok. Von der Szene in Deutschland haben wir uns mehr oder minder distanziert, weil die übrigen Anbieter, die hier Martial Arts zu pflegen vorgeben, in Wahrheit primär kommerzielle Interessen verfolgen. Während ich einen ganz anderen Ansatz habe: Manche Thais im Ausland beginnen ihre Wurzeln zu vergessen, und diese Menschen möchte ich wieder stolz machen auf das Erbe ihrer Heimat.

Und im Rahmen eines Turniers nach den Regeln des Muay Thai Boran: Welche Techniken sind erlaubt?

Schläge mit Fäusten und Kicks der Beine, außerdem Stöße mit Knien und Ellenbogen, das sind unsere natürlichen Körperwaffen. Obendrein wichtig: Gesicht und Augen sind tabu, das ist nach thailändischem Verständnis bereits eine Frage des Respekts. Und den habe ich früh verinnerlicht: Ich war um die vier oder fünf Jahre alt, als ich das erste Mal an Muay Thai Boran herangeführt wurde.

Von Freunden auf der Straße? Oder von Ihrem Vater?

Dafür gibt es Schulen, die finden sich quasi an jeder Ecke. Eine mögliche Alternative sind Tempel, manche Mönche bieten Kurse im Muay Thai Boran an.

Woraus ziehen die Aktiven im Muay Thai Boran ihre physische und mentale Stärke?

Für deine Heimat sollst du alles geben, jeder Thai trägt das in seinem Herzen. Niemand wird dich stoppen, wenn du bedingungslos zu deinem Land stehst.

Überzeugte Internationalis­ten dürften spätestens jetzt aber gehörige Bauchschmerzen kriegen. Benötige ich vielleicht erst einen thailändischen Pass, um mich Ihrer Muay Thai Boran-Gruppe anzuschließen?

Nein, den Ausschlag gibt eine bestimmte innere Einstellung, und die können Sie sich aneignen unabhängig davon, ob Sie nun Thai sind oder nicht. Sie müssen bereit sein, im Notfall auch Opfer zu bringen für das, woran Sie glauben, das ist der Punkt. Aus meiner persönlichen Sicht bedeutet das: Ich kämpfe für meine Familie, für Freunde in Not, für mein Land. Sie müssen sich klar darüber werden, was Ihnen wirklich wichtig ist, das macht Sie unbesiegbar. Und zu einem wahren Muay-Thai-Boran-Kämpfer!

Star in Ihrem Team ist die erst 18-jährige Niro. Trotz seiner Kompromisslosigkeit steht Muay Thai Boran auch Frauen offen?

Selbstverständlich! Frauen sind unter den Aktiven hoch angesehen. Schließlich haben in Thailand, das liegt in unserer Natur, alle stets kämpfen wollen, und niemand ließ sich zurückhalten, egal, ob Mann oder Frau. In der Konsequenz durften traditionell auch Thailands Frauen lernen, wie sie sich verteidigen können – während das in anderen Kulturkreisen eher nicht üblich war. Mit dem Ergebnis, dass ausländische Invasoren gerade auch von den mutigen thailändischen Frauen blutige Lektionen erteilt kriegten.

Deswegen darf man sich nicht täuschen lassen von Thailands heißen Mädels und charmanten Ladys?! Die sehen toll aus – aber hinter einem vordergründig sexy und verführerischen Auftritt kann sich eine ungeahnte Härte verbergen...

...richtig, und das haben die Siamesen oft genutzt in Kriegszeiten. Die Burmesen, die mehrfach in unser Land einfielen, mussten das schmerzhaft erfahren. Die Thais schickten ihre Frauen vor, mit reichlich Alkohol als trügerische Willkommensgabe an die Invasionstruppen, und die Burmesen konnten nicht widerstehen - mit der Folge, dass die fremden Soldaten am Ende alle betrunken waren. Nachts schlichen dann die thailändischen Ehemänner ins feindliche Lager ... und mit langen Messern wurden die schlafenden Burmesen erledigt.

Entgegen notorischer Vorurteile sind Thailands Frauen demnach knallhart? Und voll emanzipiert sowieso?

Genau!

Weitere Infos zu Muay Thai Boran in Heilbronn: www.muaysiamguru.com.

Zehn Gegen Eins Verliert – dank Muay Thai Boran

Vor dem Kampf erfolgt der Tanz Wai Khru, mit dem die Lehrer und Meister des Muay Thai Boran geehrt werden. Foto: epa/Narong Sangnak
Vor dem Kampf erfolgt der Tanz Wai Khru, mit dem die Lehrer und Meister des Muay Thai Boran geehrt werden. Foto: epa/Narong Sangnak
​Die Grenzen des eigenen Körpers austesten und dabei seine mentale Stärke prüfen: Das sind die Grundmotive des Muay Thai Boran, der traditionellen Martial Arts aus dem alten Siam. Die Athleten betrachten sich deswegen vor allem als spirituelle Kämpfer: Der rituelle Tanz Wai Khru zum Auftakt jeder Begegnung, mit dem Lehrer und Meister geehrt und zugleich die Angst aus dem Herzen verjagt werden soll, hat eine ähnlich große Bedeutung wie das eigentliche Duell im Anschluss.

Vom modernen Thaiboxen Muay Thai, das in der Gegenwart dank Sportfernsehen weltweit bekannt geworden ist, unterscheidet sich Muay Thai Boran bereits rein vordergründig durch die Zusatzdisziplin Krabi Krabong (anderer Name: Daab Thai), nämlich die Waffenkunst mit Schwertern, Schilden und Lanzen. Denn gerade das betreffende Krabi Krabong unterstreicht, dass im Muay Thai Boran - und insofern ganz anders als im Thaiboxen - der Wettkampfgedanke zurücktritt hinter den zeremoniellen Charakter.

Eine der größten Muay-Thai-Boran-Legenden aller Zeiten ist Nai Khanom Tom, der 1774 in burmesische Gefangenschaft geriet. Nacheinander besiegte er zehn der besten Kämpfer, die sich auf Geheiß seiner neuen Herren mit ihm messen sollten. Der burmesische König war dermaßen beeindruckt, dass er dem unbeugsamen Thai die Freiheit schenkte. Seitdem wird im Königreich Siam bis heute am 17. März der Tag des Nai Khanom Tom gefeiert.

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