In der Tiefe des Raumes

Es gibt in Hua Hin noch ein paar wenige Schumacher und Schneider, also Handwerksbetriebe, die sich vorwiegend auf Reparaturen spezialisiert haben. Das ist in einer Wegwerfgesellschaft mit rasch wechselnden Moden ein täglicher Kampf ums Überleben, der auch nur noch von älteren Unentwegten ausgefochten wird, weil ihnen gar nichts anderes mehr übrigbleibt.

Die Kundschaft ist dann auch eher im Pensionsalter und hält den Kontakt zu den Inhabern wohl eher aus Nos­talgie oder einfach, weil sie sich von Kleidungsstücken und Schuhen nicht so leichtfertig trennen können und beim Kauf eher auf Qualität als auf „Sexyness“ geachtet haben.

Dandyschuhe

Ich habe schon mehrmals neue Hemdkragen einsetzten und hin und wieder den Hosenbund ausweiten lassen, weil die letzte Diät wieder in die Hosen ging. Auch meine weißen Dandyschuhe aus echtem Saffianleder passen nicht mehr so recht ins Erscheinungsbild eines angegrauten Pensionärs, aber ich brachte es nicht übers Herz, sie fortzuwerfen. BeTaZ, die beste Thaifrau aller Zeiten, ermunterte mich, sie auffrischen zu lassen, denn sie fand, dass ich damit mindestens zehn Tage jünger aussehen würde, womit sich unser Altersunterschied für jeden sichtbar entscheidend verringern ließe. Durch ein so schmeichelhaftes Argument motiviert, machte ich mich auf den Weg zum Schuhmacher, der mitten in der Stadt vor seinem Laden sitzt und unter freiem Himmel arbeitet.

Zeit ist relativ

Er warf einen kurzen Blick auf die Schuhe, nahm sie zur Hand, fuhr beinahe zärtlich mit dem Finger über das Leder, betrachtete die schadhafte Stelle genauer und nickte. Über die Kosten zu reden, wäre unangemessen gewesen, das war offensichtlich und entgegen der Landessitte.

Nun blieb noch die Dauer der Arbeit zu klären, ich hielt drei Finger hoch und sagte: „Sam wan?“ (Drei Tage) Er nickte wieder. Der Deal war perfekt. Ich ließ dann ein paar Tage mehr verstreichen, weil Zeit in Thailand ein sehr relativer Begriff ist. Aus drei Tagen können rasch fünf werden. Wer schon nach der vereinbarten Zeit aufkreuzt, muss mit Verwunderung rechnen: Das war ja alles nicht so gemeint, „mai pen rai“ (ist doch egal). Auch nach fünf Tagen war ich noch zu früh dran, aber „prung nii“ (morgen) sei alles erledigt.

Abenteuerliche Kreationen

Ok, dann halt morgen. Ich war da, der gute Mann lächelte mich an und sagte etwas zu seiner Frau, worauf sie im Laden verschwand. Laden ist vielleicht ein großes Wort, es war eher ein fensterloser düsterer Schuppen, der von unten bis oben mit Ledersachen vollgestopft war. Sie griff dort in eine Tüte voller Schuhe und zeigte sie mir paarweise vor, aber meine waren nicht dabei. Sie verschwand immer tiefer in diesem Labyrinth und kam mit Taschen voller Stiefel, Sneakers, Loafers in allen Formen und Farben zurück. Ohne Erfolg. Ich folgte ihr nun in die Tiefen des Raumes, vorbei an abenteuerlichen Kreationen aus Krokodilleder und Nachbildungen der Ungeheuer selbst, um vielleicht auf gut Glück auf meine exotischen Treter zu stoßen. Nada, eher hätte mich dort ein echtes Krokodil gefressen.

Abschied ohne Wiederkehr

Nach einer guten halben Stunde gab ich auf. Die Schuhmachers blickten mich ratlos an, aber es gab keinen Grund, ihnen etwas vorzuwerfen. Es war höhere Gewalt im Spiel, meine Schuhe hatten sich gewissermaßen selbst entsorgt. Wer konnte ihnen das verübeln, nachdem sie monatelang unter meiner Missachtung gelitten hatten? Oder es war irgendein Dämon im Spiel, der sich in diesem Schattenreich am hauchzarten Leder der Farang-Schuhe gütlich tat?

Als ich mich verabschieden wollte, kam ein anderer Kunde auf einem Roller heran. Es stellte sich heraus, dass er auch seine Schuhe abholen wollte. Die Frau des Schuhmachers trat ein paar Schritte zurück, zog einen Plastiksack unter dem Arbeitstisch ihres Mannes hervor und begann darin zu wühlen. Dann nahm sie einen weiteren und noch einen und noch einen…

Am Ende verschwand sie schulterzuckend in den Tiefen der Höhle wie zuvor. Ob, wie und wann sie wieder herausgekommen ist, steht in den Sternen. Vielleicht hat sie nur EINEN der erwarteten Schuhe gefunden, was aber immerhin ein fünfzigprozentiger Erfolg wäre…

PS: Gerechterweise muss ich noch erwähnen, dass ich einige Zeit später einen Anruf von den Schuhmachers bekam. Die Schuhe seien gefunden worden, ich könne sie gerne abholen… Ende gut, alles gut.

Aus dem Bauernkalender von 1683

Im Kamin glüht eine Glut
die außer Glühen gar nichts tut
Sie scheint sich damit abzufinden
zu mehr will sie es nicht mehr bringen

Wo andere sich mit Taten rühmen
will sie einfach nur noch glühen
So strahlt sie dich im Winter an
und wärmt dich mehr als Tatendrang


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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