Wenn ein Mensch von seiner beruflichen Tätigkeit in den Rentnermodus wechselt, wird er in gewisser Weise neutralisiert und steht nun da, wie der Kaiser ohne Kleider. Ob er nun Konzernboss oder Straßenwischer war, verliert rasch an Bedeutung, denn man gehört nun zum alten Eisen und rostet schön demokratisch gemeinsam vor sich hin. Der Herr aus der Chefetage mag sich noch vornehm Privatier nennen und pro forma im Verwaltungsrat sitzen, aber Status war gestern.
Was jetzt noch zählt ist nur noch die Art und Weise, wie souverän man mit dessen Verlust umgeht. Nichts ist kürzer als die Distanz vom Pensionär zum Pensionarren.
Der Bariton, der aus der Kälte kam
Sven, ein freundlicher Hüne aus Malmö, den ich zufällig bei einem Kochkurs in Hua Hin traf, trauert immer noch seiner „verpatzten“ Karriere als Bariton in einem Ensemble der Staatsoper nach. Beim Zurüsten des Tom Yum Kung zog er melancholisch, aber mit einer Prise Selbstironie, folgendes Fazit aus seinem Berufsleben:
Ich hatte eine bessere Stimme als viele meiner Kollegen, sie war kräftiger und voluminöser, aber ich hatte trotzdem weniger Erfolg. Meine Nerven spielten mir einen Streich. Das Lampenfieber überfiel mich vor jedem Auftritt wie ein heimtückischer Dämon, der sich einen Spaß daraus zu machen schien, mich in Schockstarre zu versetzen. Vor jeder Premiere hatte ich Durchfall, obwohl ich tagelang nichts mehr gegessen hatte und auch nichts hinuntergebracht hätte, denn mir war andauernd speiübel.
Schmetterlinge im Bauch
Damals lief man noch nicht zum Psychiater und ich hoffte, es würde mit der Zeit besser. Es wurde aber nicht besser. Während der Probezeit und in den Ferien nahm ich zu, während der Spielzeit ab. Mein Lampenfieber war unheilbar, der Dämon ließ sich nicht exorzieren. Die Regisseure und Intendanten wussten das und so blieb ich während meiner ganzen Laufbahn im Chor. Niemand wollte einen Bariton mit Schmetterlingen im Bauch als Solisten. Trotzdem liebte ich meinen Beruf. Ich sang gerne und die Welt der Oper faszinierte mich schon in der Jugendzeit.
Sänger? Und sonst nichts?
Menschen, die nichts von Musik verstehen, ist dies schwer zu vermitteln. Mein Zahnarzt fragte mich einmal, was ich von Beruf sei und als ich antwortete: „Sänger“, sah er mich erstaunt an, stellte den Bohrer ab und wartete, weil er dachte, ich wolle noch etwas sagen. Ich wusste aber nicht, was ich noch hätte sagen sollen, und wartete auch. Dann räusperte er sich und fragte: „Sänger? Und sonst nichts?“
Vielleicht hatte er Angst, dass einer, der bloß singt, die Rechnung nicht bezahlen kann und hat deshalb vorsichtigerweise schon mal den Bohrer abgestellt. Ich erklärte ihm, dass Sänger ein vollwertiger Beruf sei und dass man dabei auch den Mund öffnen müsse wie bei ihm, aber dass dabei Kunst herauskomme und dass es Menschen gebe, die bereit seien, dafür Geld auszugeben. Er nahm das hin und bohrte weiter.
Erfolglos auf Freiers Füssen
Richtig schwierig wurde es für mich aber erst, als mich ein Mädchen seinen Eltern vorstellen wollte. Ich wusste nicht, ob ich gleich sagen sollte, dass ich Sänger sei, oder nur, dass ich bei der der Oper arbeite, in der Hoffnung, dass keine weiteren Fragen folgten und das Thema vom Tisch sei.
Am Tisch war es aber das einzige Thema, das den Vater interessierte:
„Was sind Sie von Beruf, junger Mann?“
„Ich arbeite bei der Oper.“
„Aha,“ sagte der Mann und schaute mich plöztlich interessiert an.
„Dann sind Sie also ein ähm...Kom...Kompo...“
„Nein, kein Komponist,“ sagte ich hastig, „ich singe, was ein anderer komponiert und geschrieben hat.“
„Aha…“ sagte der Vater wieder, „wieso komponieren Sie nicht selbst?“
Ich: „Weil ich Sänger bin, nicht Komponist, ich singe im Chor.“
Er: „Sie singen also nicht allein?“
Ich: „Nein, ich bin Bariton im Opernchor.“
„So…“ schloss der Mann und fasste zusammen:
„Sie singen also bei der Oper, Sie komponieren aber keine und singen können Sie auch nicht allein...?!“
Spätes Glück in Thailand
Ich habe das Mädchen nie wieder gesehen. Sie soll später den Sohn eines Melkmaschinenfabrikanten geheiratet haben. Inzwischen lebe ich seit sechs Jahren in Thailand und bin glücklich mit einer Thai verheiratet. Mein Schwiegervater im Isaan war einverstanden, vermutlich weil es hier keine Melkmaschinenfabrikanten gibt…
Aus dem Bauernkalender von 1683 Hockt der Jäger auf dem Sitz, |
Über den Autor
Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.