Der Schamane hinterließ einen bleibenden Eindruck mit seiner „Magie“, obwohl man bei skeptischer Betrachtung vor allem die Zauberei mit den Puppen hinterfragen konnte. Es wäre ja auch möglich gewesen, dass sie im Vorfeld manipuliert worden sind und mit Zeitzündern versehen den „Böller“ ausgelöst haben.
Wie sie allerdings durch die Luft flogen, blieb ein aerodynamisches Rätsel und ich war nicht im Stande eine plausible Erklärung dafür zu finden.
Im Bann der Phänomene
Bei unserem nächsten Abenteuer mit dem Phänomen Schamanismus war eine Manipulation so gut wie ausgeschlossen, soweit der gesunde Menschenverstand oder wenigstens meiner dies beurteilen kann.
Auf dem Programm stand auf dringende Empfehlung des Schamanen hin der Besuch eines Resorts im ländlichen Norden von Bangkok. Was dort so passieren sollte, ließ er völlig im Ungewissen. Ich hatte meiner Frau versprochen, sie zu begleiten und war selbst neugierig, mehr über das Mysterium Schamanismus zu erfahren. Der Mann hatte allerdings vergessen anzumerken, dass wir dort das blaue Wunder erleben würden. Wunder mag übertrieben sein, aber eine rationale Erklärung für die Phänomene, die durch die Zeremonien der Schamanin und ihrer Assistentinnen vor unseren Augen zelebriert wurden, vermag ich nicht zu geben.
Endlose Fahrt durch stockdunkle Nacht
Wir erreichten das Resort am frühen Morgen nach einer endlosen Fahrt durch die stockfinstere Nacht. Es regnete die ganze Zeit über in Strömen, alle außer mir waren eingeschlafen, das Geräusch der ausgeleierten Scheibenwischer und des Motors hatte offenbar hypnotische Wirkung, die bei mir aber nicht verfing, ich sah mich von außen eingesperrt in eine Blechkiste, die unbeirrt durch ein klatschnasses Universum pflügte.
Am Zielort quälte ich mich wie gerädert und steif wie ein Stockfisch aus dem Wagen und traute meinen Augen nicht. Am Ende des Resorts ging urplötzlich eine andere Welt auf. Ein großer Teich funkelte in der Morgensonne. Den Ufern entlang reihten sich winzige, türkisblaue Holzhäuschen, die zur Hälfte auf Stelzen in das Wasser ragten und sich darin spiegelten. Der Teich war umsäumt von tropischer Vegetation in allen Schattierungen. Sie wuchs zwischen den Häusern hoch und ließ sie dazwischen wie kleine Inseln erscheinen:
Eine geschützte, private Idylle wie aus dem Bilderbuch für die Bewohner. Es war vollkommen still.
Empfang und Einführung
Zwei Thaifrauen mittleren Alters empfingen uns - die Assistentinnen der Schamanin, wie sich herausstellte. Die Begrüßung war kurz, die Frauen trugen Masken und man konnte auch so mutmaßen, dass sie nicht lächelten. Ihre feierliche Stimmung sollte wohl dem Ernst der Zeremonien angemessen sein, die sie vorbereitet hatten. Sie führten uns schweigend an einen Tisch, auf welchem mehrere zerbeulte Blechschüsseln, Wasserkaraffen und ein Sack Mehl aufgereiht waren.
Eine der Frauen bat nun um Aufmerksamkeit und gab ca. sechs Löffel Mehl in eine Schüssel, fügte Wasser hinzu und formte damit drei handliche Kugeln. Dann bat sie uns, dasselbe zu machen, die drei Kugeln auf einen Teller zu legen und mit einem anderen zuzudecken. Gesagt, getan. Eine Viertelstunde später waren die Teller für das Ritual bereit und die Assistentin bat mich, damit ins Innere der Hütte zu gehen, wo die Schamanin im Lotussitz auf dem Boden saß, umgeben von Buddhastatuen und Wandteppichen mit Szenen aus der Thaimythologie. Es duftete nach dem schweren ätherischen Ölen der Räucherstäbchen.
Rätsel ohne Auflösung
Die Schamanin bat mich mit einer einladenden Geste, mich zu ihr zu setzen und nahm den Teller mit den Mehlkugeln entgegen. Dann öffnete sie eine davon, zerkleinerte den Inhalt, als ob sie etwas darin suchen würde, legte sie zur Seite, nahm die zweite Kugel und tat dasselbe damit. Auch darin befand sich nichts, was ich hätte sehen können.
Dann nahm sie die Dritte, öffnete sie vorsichtig und ich sah darin erst etwas Schwarzes, das wie ein zertretener Käfer aussah und dann einen kleinen, blauen, ausgefransten Stofffetzen. Zu guter Letzt wurde ein winziges, ebenfalls schwarzes Etwas sichtbar, das einer zerquetschten Spinne glich. Die Schamanin sprach dazu kein Wort, sondern blieb die ganze Zeit über stumm. Tatsache ist, dass ich die drei Mehlkugeln mit dem Deckel drüber die ganze Zeit über bei mir hatte, nichts und niemand konnte sie „bearbeitet“ haben…
Nägel mit Köpfen
Als ich meine Frau fragte, was dies alles zu bedeuten hatte, meinte sie, es sei ein Reinigungsritual, das Körper und Geist vor „negativen Energien“ (bad spirits) befreien sollte, welche sich in den in den Mehlkugeln materialisiert hätten und jetzt für immer „neutralisiert“ seien. Sie selbst fand in allen drei Kugeln brandschwarze, eiserne Nägel vor, was sie keineswegs beunruhigte, sondern zu erleichtern schien. Unsere Tochter hatte sogar mehr als zehn dieser Nägel in den Mehlklumpen, war aber völlig unbeeindruckt.
Ihr Kommentar war überraschend cool und altklug. Als ich sie fragte, was sie dazu meine, sagte sie nur „Superstition“.. Woher die Fünfzehnjährige das Wort hat, ist mir ein Rätsel. Aber mir gefiel, dass sie so skeptisch reagierte. Tatsache ist aber auch hier: Sie gab das Gefäß mit den Teigklumpen die ganze Zeit über nicht aus der Hand. Fremdeinwirkung ausgeschlossen.
Über den Autor
Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.