Eis essen in Hua Hin

Ich las die Zeitung in einem Café in Hua Hin und blickte hin und wieder auf, wenn die Türe ging und jemand eintrat. Meist wandte ich mich gleich wieder der Lektüre zu, doch diesmal war es anders.

Eine junge Thai blieb kurz im Türrahmen stehen, schaute sich suchend um und ging dann mit beschwingtem Schritt auf den einzigen freien Tisch auf der gegenüberliegenden Seite zu. Sie hatte halblanges, schwarzes Haar, ein wachsbleiches Gesicht und trug ein Kleid aus giftgrüner Seide, auf welchem winzige feuerrote Drachen tanzten.

Feuerrote Drachen

Der Kellner hinter dem Tresen hielt einen Moment inne beim Aufschäumen des Kaffees und schaute ihr mit offenem Mund nach, bis sie sich gesetzt hatte. Sie öffnete eine violette Ledertasche, zog mit spitzen Fingern einen kleinen Rundspiegel heraus und betrachtete sich kurz darin. Der Spiegel reflektierte für den Bruchteil einer Sekunde das Licht von der Decke auf ihr Gesicht, wobei sie kurz blinzelte und ihn wieder verschwinden ließ.

„Einen Kaffee und ein Vanilleeis, bitte,“ rief sie dem Kellner zu, der sich ihr bis auf ein  paar Schritte genähert hatte. Sie sagte es sehr bestimmt und deutete ein Lächeln an. Ich blätterte in der Zeitung und las ein paar Sätze. Im TV über dem Tresen lief eine Hundeshow, außer gelegentlichem Bellen und der Stimme der Moderatorin, die die Tiere temperamentvoll beschrieb, war es still. Der Kellner brachte den Kaffee und das Eis. Sie schaute kaum auf und begann sogleich zu essen.

Die Eisprinzessin

Sie hielt den zierlichen Dessertlöffel mit drei Fingern in der Hand und umspielte das Eis, bis sich eine winzige Menge auf dem Löffelrand befand, balancierte es behutsam bis auf Augenhöhe, betrachtete es sekundenlang, wie man ein seltenes Insekt betrachtet, öffnete langsam ihre dunkelgefärbten Lippen und ließ es sanft auf die Zunge gleiten, bevor sie es schluckte. Dann senkte sie die Hand bis zur Tischkarte und blickte gedankenverloren an die gegenüberliegende Wand, als sähe oder erwarte sie von dort etwas, das ihre volle Aufmerksamkeit erfordere.

Der Eisbrecher

Plötzlich trat ein glatzköpfiger, dicklicher Mann an ihren Tisch, nickte ihr kurz zu, ergriff zögernd den anderen Stuhl und setzte sich. Sie schaute ihn an, wie sie vorher die Wand angeschaut hatte, so als wäre sie weit weg und das Eis nur ein Vorwand, der sie daran erinnern sollte, dass sie mitten in der Stadt in einem Café saß. Der Kellner kam. Der Mann hielt die Dessertkarte in der Hand, zeigte mit dem Finger darauf und brummte etwas. Als er wegging hielt er die Karte fest und tat, als würde er darin lesen. Nach einer Weile kam der Kellner zurück und stellte ein Glas mit mehreren Eiskugeln vor ihn hin. Der Mann räusperte sich, zog den Stuhl mit einem Ruck näher an den Tisch und ergriff den Löffel wie man eine Waffe ergreift. Er senkte den Kopf über das Eis, stach mit einem Löffel hinein, zerteilte die Kugeln in drei, vier Stücke und schob sie in rascher Folge in den Mund. Die Frau blickte auf und sah ihn erstaunt an. Nach kurzem Zögern legte sie den Löffel auf den Tisch und lehnte sich zurück. Ihre Augen schienen immer größer zu werden, die Lippen öffneten sich leicht, sie sah aus wie überraschtes Kind.

Unter Hypnose

Je länger sie in dieser Haltung verharrte, umso schneller schien der Mann zu essen. Die Eisstücke auf dem Löffel wurden immer größer, seine Hand begann zu zittern. Als ein großes Stück vom Löffel zurück in den Becher fiel, hielt er kurz inne, hob den Kopf, sah ihr in die Augen ohne sie wirklich zu sehen, setzte das Glas ohne zu zögern an die Lippen und schlürfte es geräuschvoll aus.

Ein unheimlich starker Abgang

Dann erhob er sich mit einem Seufzer, nickte der Frau mit einem verlegenen Lächeln zu und war genauso schnell verschwunden, wie er gekommen war. Kurze Zeit später trat der Kellner hinzu und fragte, wo der Mann denn geblieben sei. Sie zuckte bloß mit den Schultern. „Aber…” Er zeigte mit beiden Händen auf den leeren Eisbecher und hob theatralisch die Arme in die Höhe an, womit er wohl sagen wollte, dass der Mann gar nicht bezahlt habe. Die Frau öffnete die Tasche und nahm einen zierlichen schwarzen Geldbeutel heraus, auf dem winzige Glasperlen glitzerten. „Hier,“ sagte sie und streckte dem Kellner einen Geldschein zu. „Das sollte für beide reichen, den Rest können sie behalten.“ Dann stand sie auf und eilte dem Ausgang zu. Beim Vorübergehen streifte ihr Ärmel meinen Tisch und der süßliche Duft eines Veilchenparfüms wehte herüber.

Aus dem Bauernkalender von 1683

Ein Huhn war plötzlich sehr benommen
und suchte nach dem Grund
Wie konnte es nur soweit kommen,
es fühlte sich doch kerngesund?

Dann schaute es den Bauern an,
der über ihm ein Messer schwang
Aha! Jetzt war ihm sofort klar,
dass seine Zeit gekommen war

Dann lag sein Kopf schon auf dem Boden,
der Rest ein bisschen weiter oben
Es kam noch einmal kurz zu sich
und dachte nur: Ich räche mich!


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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