Was bringt einen gutgelaunten Menschen dazu, an einem strahlenden Tropenmorgen ein Labyrinth aufzusuchen, sich darin innerhalb von ein paar Minuten in einen Zombie zu verwandeln, der im gleißenden Neonlicht einen Drahtkarren vor sich herschiebt, welcher immer wieder nach einer Seite ausschert oder urplötzlich wie ein Esel bockt und nicht mehr zu bewegen ist?
Dabei starrt er andauernd auf einen Zettel in der einen Hand, hält an und greift mit der anderen in eines der Regale, die sich beidseitig wie ein Korridor quer durch den Raum ziehen. Die Dinge, die er in den Wagen stellt, braucht er im thailändischen Alltag: Der Drahtesel wird mit den Grundnahrungsmitteln Reis, Kokosmilch und Chicken bepackt.
Bei Grün sieht sie rot
Das ist nach einer halben Stunde geschafft, weil unübersehbar auf Gesichtshöhe aufgereiht. Dann kommt der Kleinkram, die Suche nach der Stecknadel im Labyrinth. Wo zum Teufel sind die Currypaste, die Lorbeerblätter, die Zahnbürsten und die Servietten? Er schaut nach unten, dann nach ganz unten und sieht sie: Currypaste ahoi! Beim näheren Hinsehen sind es aber die falschen: Seine Frau isst nur die Rote, sie ist allergisch auf die Grüne, bringt er die Grüne nachhause sieht sie rot und rächt sich, indem sie absichtlich rohen Knoblauch zum Dinner isst…
Cannabis oder was?
Also weiter: die Lorbeerblätter. Kein Problem, sie liegen in durchsichtigen Plastikbriefchen neben der Paste. Ein Blick darauf macht aber gleich klar: Das kann es nicht sein!
Die Blätter sind schon längst keine mehr, alles verkrümelt bis zur Unkenntlichkeit. Wäre nichts angeschrieben, würde man den Inhalt für Cannabis jenseits des Verfalldatums halten. Jetzt bricht beim Zombie allmählich der Frust aus. Bleiben noch die Servietten und die Zahnbürsten? Na ja, die Alte tuts doch noch. Sie tat es noch für ein paar Wochen, denn er fand sie nie. Sie waren ganz oben im Gestell, aber gebückt wie er daher schlurfte, war es schwierig für sie, entdeckt zu werden.
Der Tempeldetektiv
Die Servietten sieht er beim Weitergehen doch noch, aber sie sehen in Thailand wie Taschentücher aus und wenn man sie aus der Folie zieht, wie gebrauchte Taschentücher.
Zu allem Überdruss steht davor auch noch ein Mann, der ein verdrießliches Gesicht macht. So sehen Tempeldetektive aus, die schon lange keinen Dieb mehr erwischt haben und um ihren Job fürchten. Das weckt auch bei einem Zombie das Mitleid. Er spielt mit dem Gedanken, die Servietten ganz offensichtlich zu klauen, damit der Mann seine Unersetzbarkeit vor der Geschäftsleitung beweisen kann. Das ist dann aber doch des Gutmenschentums zu viel.
Top, die Wette gilt
Er steuert die Kasse an. Hier darf er sich wundern: Was die Kundschaft da alles aufs Band lädt! Fast Food in kunterbuntem Plastik verschweißt rollt „very fast“ vorüber, die Kasse piepst dazu im Takt. Wie hält die Kassiererin das aus? Sie ist die personifizierte Antithese zum „Land des Lächelns“ und schiebt die Einkäufe mit unbewegter Miene vorüber. Nun, da das Ende der Tortur naht, besinnt sich der Zombie wieder auf das, was er wirklich ist, ein Mensch aus Fleisch und Blut und schließt insgeheim eine Wette mit sich selbst ab: Ich bringe die Dame zum Lachen. Wetten? Top, die Wette gilt!
Nachdem er das Rückgeld erhalten hat und sie sich bereits wieder einem neuen Kunden zuwenden will, hält er ihr ein Ticket der Thai-Lotterie entgegen. Sie schaut kurz verblüfft auf, dann auf den Ex-Zombie, um sich zu vergewissern, dass er es ernst meint und steckt den Schein dann zögernd ein. Und sie lächelt! Gewonnen! Welcome im Temple of Smile.
Aus dem Bauernkalender von 1683 Ein Besenstiel war fast am Ziel - Doch beim ersten Starversuch Von dort rief er mit letzter Kraft: |
Über den Autor
Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.