Für den Besuch war alles vorbereitet: Lotusgebinde in verschiedenen Farben auf Tischen und Bänken, Körbe voller exotischer Früchte dazwischen, das durchgesessene Sofa war unter einem weißen Leintuch verschwunden und die Schuhe auf der Veranda waren sorgfältig zu Paaren vereint unter der Gartenbank versorgt, was jeden stutzig machen sollte, der hier ein- und ausging und sich wohl fragte, ob er sich in der Adresse geirrt habe. Kurz: Das Chaos früherer Tage in Haus und Garten war Opfer einer ordnenden Hand geworden, die sich diesbezüglich im Alltag aus Zeitgründen eher zurückhielt: Die Hand der besten Thaifrau aller Zeiten.
Ehre, wem Ehre gebührt
Dass sie sich so ins Zeug legte, musste damit zu tun haben, dass uns die Ehre eines besonderen Besuchs bevorstand: Ein Magier, ein Schamane, wurde erwartet, also ein Medium, das zwischen der Banalität unseres Daseins und den höheren Mächten dahingehend vermitteln sollte, dass wir das Bewusstsein erweitern und uns unter den Schutz eben dieser Mächte begeben konnten. Wer bin ich, dass ich dieses Privileg hätte ignorieren können?
Ok, „unser“ Schamane hatte seinen Besuch angekündigt, um unser Haus zu segnen und allfälligen bösen Geistern den Marsch zu blasen. Die Ankündigung kam etwas unvermittelt, weil er im Süden Thailands zu tun hatte und uns auf dem Heimweg aufsuchen wollte. Meine Frau kam früher nach Hause und brachte alle ihre Kolleginnen mit. Es war also ein Empfangskomitee von ca. zehn Personen vor Ort, alles Thaifrauen und ich als einziger Mann und Farang…
Ankunft des Meisters
Als der Meister mit zwei Assistenten in einem Kombi vor dem Garten hielt, war die Szenerie perfekt auf seinen Auftritt abgestimmt: Es dämmerte, die Straßenlampe warf ein fahles Licht auf die Gartenmauer, deren eiserne Gitterstäbe bis weit über den Rasen hinein irrlichterten. Vor der Veranda hatten die Damen einen Altar aufgebaut, auf welchem sich Girlanden aus Lotusblüten um Wasserkaraffen und Kandelaber voller Kerzen ringelten. Es flammte und rauchte aber auch neben dem Tisch an allen Ecken und Enden rund um die Veranda. Zahllose Räucherstäbchen glühten in die anbrechende Nacht, der Duft betörender ätherischer Öle trieb die letzten unerschrockenen Moskitos in die Flucht und mir die Tränen in die Augen. Eigentlich fehlte nur noch der Lockruf eines Käuzchens, um das surreale Bild mit dem passenden Ton zu verbinden. Im Nachhinein fragte ich mich: Was war eigentlich zuerst da, die Geister, oder das Biotop, das sie hervorbringt?
Magische Kalligraphie
Der Schamane war ein freundlicher untersetzter Thai in den Sechzigern, der sich nach kurzer Begrüßung am Altar zu schaffen machte und ein paar Utensilien auf den Tisch legte. Er begann runenhafte Zeichen mit einem breiten Filzstift auf ein Stück Papier zu zeichnen, und wickelte dann diese Schnipsel in ein Bananenblatt ein, das er vorher auch noch mit dieser magischen Kalligraphie versehen hatte. Ich schaute ihm in einiger Entfernung zu und unterhielt mich mit einem seiner Assistenten, einem großen hageren Mann mit randloser Intellektuellenbrille, der mir in passablem Englisch erklärte, dass sie eben bei Phuket „Kunden“ besucht hätten. Er erwähnte auch, dass sie sehr großen Zulauf hätten und ihnen quasi die Türen eingerannt würden. Eine Erklärung zum Tun des Meisters, das mir lieber gewesen wäre, gab er aber nicht ab und ich wollte ihn nicht dazu drängen, obwohl ich immer neugieriger wurde.
Runen und Zauber
Nach einer Weile hatte der Schamane seine Vorbereitungen abgeschlossen, stand auf und lud uns alle ein, ihm durch den Garten zu folgen. Er hielt schon nach einigen Schritten vor der großen, weißen Mauer, die uns vom Nachbarn trennen, inne und zeichnete mit energisch ausladenden Strichen jene Runen auf den Gips, die er vorher auf das Papier und die Bananenblätter gemalt hatte. Alle schauten ihm dabei schweigend zu.
Als wir wieder beim Tisch angelangt waren, blieb der er davorstehen und schien sich zu sammeln. Seine Assistenten wirkten auch konzentriert, wir warteten eine Weile stumm und plötzlich knallte es zweimal wie Peitschenhiebe durch den Garten. Die Assistenten begaben sich sofort tiefer in den Rasen hinein und begannen mit gesenkten Köpfen nach etwas zu suchen. Ich konnte mir keinen Reim darauf machen, was es sein könnte. Nach einer Weile bückten sie sich und hoben etwas auf und brachten es dem Mann. Er legte das Mitgebrachte auf den Tisch und ich ging näher heran, um zu sehen, was es war.
Materialisierte Geistwesen
Auf dem Tisch neben den kalligraphierten Bananenblätteren lagen zwei winzig kleine, etwa 10 Zentimeter große Puppen, kleine Bündel, aus denen nur ein Puppenkopf ragte und der Rest des Körpers mit verschiedenfarbigen Kleidern mumienhaft umschnürt war. Ich ahnte allmählich, wohin die Reise ging: Die Puppen sahen aus wie jene, die bei den Voodoo Ritualen benutzt werden, es handelte sich also um ein magisches Ritual, dessen Bedeutung mir nicht gleich klar wurde. Dies schien der Schamane zu ahnen, denn er sagte mir, dass die beiden Puppen die materialisierten Geister von meiner Frau und der Tochter seien, Geister mit zweifelhaftem Charakter, die hier in unserem Haus wohnhaft gewesen und nun in seiner Hand gebannt seien.
Mein Kobold ließ sich Zeit
Dann wickelte er sie in die Bananenblätter ein und schaute konzentriert und stumm in die Nacht . Es stellte sich heraus, dass er darauf wartete, dass sich auch „mein“ Kobold mit dem entsprechenden Knall materialisieren würde, aber der schien es nicht eilig zu haben aus seinem Versteck zu kommen. Vielleicht tat er sich an meinem Cognac gütlich, die Flasche schien mir schon lange an Schwindsucht zu leiden. Da war natürlich jeder jeder verdächtig, außer ich selbst natürlich…
Wir blieben eine gute Weile im Garten stehen und plötzlich knallte es über unseren Köpfen. Le voilà enfin. Aber: Die Suche nach der Puppe zog sich in die Länge, es wurde nochmals spannend, aber dann bückte sich einer der Assistenten hinter einem Strauch und ging mit der Puppe zum Meister Er legte sie zu den anderen beiden auf den Tisch:
Sie war wie die anderen in der Struktur, das Gesicht ähnlich, aber die Kleidung war anders. Mein Kobold trug einen lila Rock, nicht einen beigefarbigen wie die beiden anderen. Das Oberteil war fast weiß. Es war schwierig, diese Puppen als materialsisierte Ungeister zu sehen, aber die Gesichter wirkten doch auf eine Art unwirklich, ja die ganze Zeremonie befremdete mich. Es war unheimlich.
Über den Autor
Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.