„Ich will Gerechtigkeit für meinen toten Sohn“

Mordfall Schwartges in Chaweng – Stillstand seit zwei Jahren

Mutter Gisela Schwartges mit Bittbriefen auf Thai, Deutsch und in Englisch. „Bitte nehmen Sie die Mordermittlungen wieder auf.“ Fotos: Gruber / Polizei / Privat
Mutter Gisela Schwartges mit Bittbriefen auf Thai, Deutsch und in Englisch. „Bitte nehmen Sie die Mordermittlungen wieder auf.“ Fotos: Gruber / Polizei / Privat

KOH SAMUI: Heute vor zwei Jahren, um 6 Uhr morgens in der Soi Green Mango in Chawengs Unterhaltungshochburg, verblutete der Düsseldorfer Gastronom Volker Schwartges (46) auf dem Parkplatz hinter der Diskothek Sound Club. Ein später geständiger Thaijugendlicher (17) schlug ihn mit vier einheimischen Freunden zusammen, traktierte den hilflosen Deutschen mit abgeschlagenen Bierflaschen. Dann sprang der Samuianer Itthison T. laut Augenzeugenberichten wie ein Kung-Fu-Kämpfer in die Luft und durchtrennte ihm mit einem Messer die Halsschlagader.

Schwartges ist seit dem 20. August 2014 tot. Die polizeilichen Ermittlungen scheinen ebenso ‚gestorben‘ zu sein. Von einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Koh Samui oder einem Gerichtsverfahren gibt es bis heute kein Lebenszeichen. 

Zwei Jahre ohne Ermittlungsinformationen:

Nach zwei Jahren quälenden Wartens geht die Mutter in die Offensive und fleht Thailands Premierminister, den Chef der Royal Thai Police und Politiker des Justiz- und Tourismusministeriums um Hilfe an. „Ich will Gerechtigkeit für mein einziges Kind“, fordert Gisela Schwartges (72) aus Düsseldorf. „Und ich will nicht, dass auf Koh Samui von diesen Tätern noch einmal eine solche Tat verübt werden kann, die unbehelligt ihr Leben weiterleben durften, aber mein Sohn nicht.“ 

Die Rentnerin aus Deutschland hat an den Junta-Chef und vier seiner Landesminister Briefe auf Thai und Englisch versandt, in denen die Tragödie um ihren Sohn detailliert geschildert wird. Sie hat die Diplomaten beider Länder gleich mit verständigt, denn weder von der Deutschen Botschaft in Bangkok noch von der Royal Thai Embassy in Berlin hat sie je Antworten erhalten. Der Fall liege in der Hoheit thailändischer Ermittler, hieß es lapidar. Auf Nachfragen wurde verzichtet, obwohl einige Zeitungen die Merkwürdigkeiten eines möglicherweise bewusst verschleppten Verfahrens wiederholt angeprangert hatten. Das Leben ging weiter. Nur nicht für Gisela Schwartges.

2011 zog Schwartges in sein Traumland:

Beisetzung von Volker Schwartges Anfang September 2014 in Chaweng. Seine Verlobte Chariya trägt traurig sein Bild.
Beisetzung von Volker Schwartges Anfang September 2014 in Chaweng. Seine Verlobte Chariya trägt traurig sein Bild.

Rückblende auf die Tatumstände und auf ein zwei Jahre andauerndes zermürbendes Katz- und Mausspiel der Thaibehörden. Volker Schwartges, in seiner Heimatstadt Düsseldorf als Gastwirt beliebt und geachtet, war im November 2011 von einem Traumurlaub auf Koh Samui so fasziniert, dass er Wochen später Hab und Gut packte und nach Thailand zog. Mit seiner thailändischen Lebenspartnerin Chariya K. (39) eröffnete er vor dem Chaweng See in der Nähe des legendären Reggae Pub die kleine ‚Bar 99‘. 

Nach Feierabend suchten Schwartges und Chariya gerne die Mädchen-Bar eines bekannten Deutschen in der Soi Green Mango auf, die mitten im exotischen Getümmel liegt und direkt neben der berüchtigten Nachtdiskothek ‚Sound Club‘. 

Ein Schmelztiegel enthemmter Partystimmung. Dort tanzen neben internationalen Touristen gerne auch lokale Jungganoven. Alkohol und Drogen gehören zum erweiterten Nachtmenü. Vor allem thailändische Besucher sind nicht selten bewaffnet. Personenkontrollen unterbleiben in diesem Milieu. Die Besitzer kontrollieren alles selbst. Auch diejenigen, die eigentlich dafür bezahlt werden, thailändisches Gesetz durchzusetzen.

Was genau kurz vor Sonnenaufgang an diesem Mittwochmorgen direkt am Eingang des Lokals PB Lounge passiert ist, rekonstruierten später die Ermittler der Kriminalpolizei Chaweng-Bophut. Schwartges soll ausfällig geworden sein, als er Jugendliche auf dem Parkplatz sah, die auf seinem Kleinmotorrad lümmelten. Die Eskalation folgte und sie endete tödlich. Zunächst war im Polizeibericht von drei Tätern die Rede, in einem später veröffentlichten Report dann von fünf Personen. Diese hätten, so die Auswertungen von Videokameras, den Deutschen tätlich angegriffen, ihn mit Fäusten und Füssen niedergeschlagen, bei ihrem Kampf abgebrochene Bierflaschen benutzt und am Ende ein mitgeführtes Messer mit einer 14 Zentimeter langen Klinge. Dieses gehörte Itthison T., dem inselbekannten Anführer einer lokalen Jugendbande.

Alles deutete auf normale Mordermittlung hin:

Zunächst deutete nach dem Mord nichts darauf hin, dass es keine gesetzliche Aufarbeitung geben könnte. Stolz präsentierten die Polizeiermittler thailändischen und englischen Lokaljournalisten drei Täter, die am Mittag des gleichen Tages im Hauptquartier in Chaweng vorgeführt wurden. Alle drei hätten gestanden, erklärte Polizeioberst Satit Prom-uthai, und die Samui Times, die angesehene Bangkok Post und auch das Magazin DER FARANG druckten wenig später die Erfolgsgeschichte einer aufgeklärten tödlichen Gewalttat gegen einen Ausländer deutscher Nationalität.

Danach scheint sich thailändische Ermittlungsrealität mit der Leichtigkeit der Schwerkraftaushebelung bestehender Gesetzlichkeiten verselbständigt zu haben. Erst Wochen später erfuhren die erstaunten Reporter, die hartnäckig an diesem Mordfall kleben geblieben waren, dass alle mutmaßlichen Täter noch am Tag des Verbrechens auf freien Fuß gesetzt worden waren. Keiner von ihnen saß jemals – wie mehrfach auf Nachfrage fälschlich mitgeteilt – im Provinzgefängnis Koh Samui ein. Die Nachforschungen wurden insbesondere dadurch erschwert, weil alle drei zum Tatzeitpunkt Jugendliche waren und auch in Thailand unter besonderem Persönlichkeitsschutz stehen. Genau genommen waren Itthison T. und seine polizeilich protokollierten Mitschläger (15/16) ohne die Auskunftswilligkeit der Justiz nie journalistisch zu greifen.

Polizeiakten, die nie fertiggestellt worden sind?

Wiederholte Fragen an den leitenden Oberstaatsanwalt Paibul Achawanantakul zum Stand der Mordermittlungen erbrachten stets ein gleichlautendes Antwortszenario: Die vorgelegten Ermittlungsakten im Fall Schwartges seien unvollständig, erklärte Paibul zwei Monate nach dem Mord, dann nochmals am 17. November 2014 – an dem Tag, an dem die gesetzliche Abgabefrist für die Polizeiakten ablief. Er habe eine Verlängerung eingeräumt, sagte der Oberstaatsanwalt dann und im April 2015, kurz vor seiner Versetzung in eine andere Provinz, dass die vollständige Akte Schwartges noch immer nicht prozesstauglich eingereicht worden sei. 

Recherchen unserer Zeitung beim Provinzgericht Koh Samui förderten bis zum heutigen Tag kein Aktenzeichen eines Gerichtstermins zu Tage. Das mag in mangelhafter Kommunikation begründet sein, doch eine Mitarbeiterin desselben Gerichts ließ unterschwellig anklingen, dass sie bei einem solch spektakulären Fall durchaus etwas von einem Verfahren hätte mitbekommen müssen.

Da die Recherchen unserer Redaktion einige bedrohliche Telefonate südthailändisch klingender Anrufer zur Folge hatten, mit der unmissverständlichen Aufforderung, weitere Fragen zu unterlassen, verstummte seit einem Jahr auch die einseitige Dialogbereitschaft des FARANG und der englischsprachigen Onlinezeitung Samui Times. Erst vorgestern, am 18. August 2016, erhielt ein thailändischer Reporter der Zeitung Phuket Gazette bei der Polizei Chaweng-Bophut die Auskunft, die Ermittlungsakte Schwartges sei schon lange und fristgerecht bei der Staatsanwaltschaft Koh Samui abgegeben worden. Den Termin konnte der Polizeibeamte nicht nennen.

Von der Staatsanwaltschaft steht eine Antwort auf die Recherche-Bemühung der Phuket Gazette noch aus. Ob zwei Jahre nach einem Mord ein neuer Oberstaatsanwalt alte Akten des Jahres 2014 aus dem Keller holt – diese Frage stellen sich die wenigen Menschen, die noch an diesem Fall Interesse zeigen.

Ein letzter Appell gegen das Vergessen:

Letzter Besuch von Schwartges mit seiner Verlobten in Düsseldorf, nur wenige Wochen vor seiner Ermordung auf Samui.
Letzter Besuch von Schwartges mit seiner Verlobten in Düsseldorf, nur wenige Wochen vor seiner Ermordung auf Samui.

In Düsseldorf hat 24 Monate nach dem gewaltsamen Tod in Koh Samuis Soi Green Mango nie die Beerdigung dieser Schicksalsfrage zur Diskussion gestanden. Freunde von Volker Schwartges und insbesondere seine Mutter Gisela zermarterten sich fast täglich ihre Köpfe darüber, was bei diesen Ermittlungen so falsch gelaufen sein kann und ob heute in Thailand überhaupt noch jemand Interesse an einer gerichtlichen Aufarbeitung habe. Gisela Schwartges trägt eine simple Erklärung für ihren ungebrochenen Kampfgeist vor: „Mein einziger Sohn ist tot und vielleicht im Himmel, aber ich lebe seither in der Hölle.“ 

Bei einer privaten Runde mit den Freunden Volkers kam allen gemeinsam die Idee, als letzten Fallschirm die Reißleine Öffentlichkeit zu ziehen. Ende Juli 2016 erstellten Gisela Schwartges und zwei enge Freunde in Düsseldorf eine Adressatenliste, sie schrieben Briefe in drei Sprachen an involvierte Ministerien und Behörden in Thailand und Deutschland. Neben dem Premierminister Prayuth Chan-o-cha und Thailands oberstem Polizeichef General Chakthip Chaijinda finden sich sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel und Außenminister Frank Walter Steinmeier auf ihrer Versandliste.

Die Bittbriefe um eine Wiederaufnahme der Ermittlungen sind seit 1. August raus. Mit mehreren deutschen und englischsprachigen Zeitungen wurden Berichte vereinbart. In einer konzertierten Aktion soll die Geschichte dieses Mordes genau jetzt noch einmal lebendig werden und mit ihr die bleierne Ermittlungsrealität und die Erinnerung daran, dass auf Koh Samui ein Mensch aus Fleisch und Blut gestorben ist und keine Randfigur einer Horrorgeschichte. 

Die Redaktion des FARANG schließt sich dieser Kampagne gegen das Vergessen heute, zum 2. Todestag von Volker Schwartges, an. Mutter Gisela Schwartges appelliert insbesondere an die thailändischen Politiker und Justizbehörden: „Nichts wird meinen Sohn wieder lebendig machen. Aber vielleicht können Sie einer Mutter in Deutschland helfen und all seinen Freunden, die sich seit dem 20. August 2014 fragen, weshalb auf Koh Samui offensichtlich Mörder beschützt und Opfer vergessen werden.“

Das Verwirrspiel der Behörden:

Inoffizielle Übersetzung des Berichts der Polizeidirektion Bo Phut
durch die Thailändischen Botschaft in Berlin im November 2014:

[...] Auf Ihre Frage, warum die Staatsanwaltschaft von Samui die Klage noch nicht beim Gericht eingereicht hat, lässt sich wie folgt beantworten: Die Staatsanwaltschaft hat zusätzliche Ermittlungen angeordnet. Diese Ermittlungen sind von den Zuständigen durchgeführt worden. Momentan befindet sich die Klage bereits zur letzten Prüfung bei der Staatsanwaltschaft von Samui. Die Anklagen für folgende Personen sind wie folgt:

Herr Itthisorn T., 17 Jahre alt, wurde mit vorsätzlicher Tötung belastet. Außerdem wurde er des grundlosen Besitzes eines Messers im Wohngebiet bzw. im öffentlichen Bereich beschuldigt.[...] 

Herr Wisrut S., 18 Jahre alt, wurde mit Körperverletzung mit physikalischen und mentalen Folgen belastet. Er wurde von Mitschuld an der vorsätzlichen Tötung entlastet.

Herr Kulthorn N., 16 Jahre alt, wurde mit Körperverletzung mit physikalischen und mentalen Folgen belastet. Er wurde von Mitschuld an der vorsätzlichen Tötung entlastet.

Herr Kornvichit Th., 16 Jahre alt, wurde mit Körperverletzung mit physikalischen und mentalen Folgen belastet. Er wurde von Mitschuld an der vorsätzlichen Tötung entlastet.

Herr Volker Schwartges, deutscher Staatsangehöriger, wurde von körperlicher Verletzung mit physikalischen und mentalen Folgen entlastet, weil er verstorben ist.

Die Polizeidirektion Bo Phut hat am 11. November 2014 das Ermittlungsprotokoll an die Staatsanwaltschaft weitergeleitet.

(Ankerkung der Redaktion: Diese Angaben entsprechend nach heutigen Ermittlungsstand nicht der Realität. Vom Abschluss polizeilicher Ermittlungen oder der Aufnahme eines Gerichtsverfahrens ist nichts bekannt.)

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Jack N.Kurt Leupi 22.12.16 17:49
Justice
Es nützt leider alles nichts ,das Recht auf seiner Seite zu haben , wenn eine "ungerechte" Justiz über Gerechtigkeit entscheidet !
Jack N.Kurt Leupi 22.12.16 17:49
Urlauber ausreisen /Herr Michele Tedesco
Das wäre konsequent ! Aber das einzige Konsequente der Menschheit ist , die ewige Inkonsequenz !
Michele Tedesco 23.08.16 09:20
Was ich nicht verstehen kann ist warum die Mutter nicht ihre Telefon Nummer freigibt so das vielleicht jemand helfen kann. Wenn die Opfer Hilfe brauchen so müsse Sie auch kontaktiert werden können. Nur Polizei und Co. Kann nicht immer helfen.
Volker Chanthathai 21.08.16 10:46
Die Mutter haette vom ersten Moment Nebenklage erheben muessen. Idealerweise mit einem Anwalt aus Bangkok. So wird das nichts.
Jürgen Franke 20.08.16 23:19
Lieber Jack
nicht alles was konsequent ist, ist auch realisierbar. Ich gehe aber davon aus, dass hinter unserem Rücken sich in dieser Angelegenheit mit Sicherheit einige abspielt, was nicht unbedingt in allen Einzelheiten gleich veröffentlicht wird. Ich muss heute leider zugeben, dass mich weder der Vorfall in seiner Brutalität überrascht, noch das Verhalten der Polizei danach. Die Primitivität einiger Jugendlichen überrasche mich jeden Tag aufs neue. Ob im Straßenverkehr oder in den Geschäften.