Honeytrap

„Honigfalle“ ist ein Begriff aus der Spionage- und Agentenwelt, der unschwer erkennen lässt, was damit gemeint ist: Erotik als Köder, mit welchem Geheimnisträger angelockt werden, um dann im stillen Kämmerlein ein bisschen zu plaudern. Sie erleichtern sich damit doppelt: Auch das Geheimnis geht flöten.

Berüchtigt waren die Agenten der DDR, die sich an Sekretärinnen in Schlüsselstellen von BRD-Institutionen heranmachten, sie sogar heirateten und damit quasi an der Quelle waren, wo die Infos von selbst sprudelten nach dem Motto: Ich habe doch keine Geheimnisse vor meinem Schatzi.

Dieses Phänomen hat sich auf einem ganz anderen, zivilen Niveau in Thailand etabliert, so dass man, ohne zu übertreiben, von einem sehr einträglichen Wirtschaftszweig reden kann.

Hier sind aber nicht einsame Sekretärinnen die Opfer, sondern pensionierte Expats, die dem Zauber der exotischen Damen erliegen und sich beeilen, ihr ganzes Hab und Gut in deren Hände zu legen, in der Hoffnung, irgendwann den Status bedingungsloser Zuwendung zu erhalten. Wenn das Geld dann weg ist, reduziert sich die „Liebe“ auf eine einfache, aber einprägsame Floskel: „Kiss, Kiss war Beschiss.“

Pension für gefallene Farangs

Die Geschichten, die sich um dieses Phänomen ranken, sind zahllos, teils tragisch, teils so absurd, dass man unwillkürlich lachen muss. Ein Bekannter, der ein Etablissement führt, das zwar nicht so heißt, aber mit dem Logo: „Pension für gefallene Farangs“ am besten umschrieben ist, weiß zu berichten:

Seppel, ein braver Dachdecker aus „Old Europe“, verbrachte seinen Urlaub im Land des Lächelns und wunderte sich, dass ihn das andere Geschlecht hier plötzlich wieder wahrnahm und nicht durch ihn hindurchblickte, als sei er schon längst gestorben oder in den Dachstuhl gefallen.

Man lächelte ihm sogar zu. Das war die Überdosis, die den Zerfall der Seppel´schen Gehirnzellen in Gang setzte und folgerichtig in eine Abwärtsspirale mündete, aus der es kein Entkommen mehr gab.

Seine dürftigen Englischkenntnisse störten die Ladies nicht, denn mehr als ein „How are you?“war auch ihnen nicht zu entlocken. Damit hatten sich aber die Gemeinsamkeiten schon ziemlich erschöpft.

Shopping, Travelling and Diamonds

Es schien sie auch nicht zu stören, wenn er seine schwieligen Pranken auf ihre sorgfältig manikürten Hände legte und vertrauensvoll ihren Blick suchte. Eine von ihnen nahm sich seiner besonders fürsorglich an und bedeutete ihm, dass Zärtlichkeiten in der Öffentlichkeit hier nicht gerne gesehen werden und dass eine Bar sowieso nicht der richtige Ort dafür sei. Das fand Seppel auch und fühlte sich Minuten später im Dachzimmer darüber wie zuhause. Ob er dazu kam, die Qualität der falschen Biberschwanzziegel zu beurteilen, darf bezweifelt werden. Soweit ging seine „Déformation professionelle“ doch nicht. Wie dem auch sei: Die Dame gab kurze Zeit später ihre Tätigkeit am Ort ihrer ersten Begegnung auf, mietete ein Haus mit Pool, erweiterte ihren Wortschatz um die Vokabeln „Shopping, Travelling and Diamonds“ und ließ durchblicken, dass sie einer Heirat nicht abgeneigt sei, allerdings müsse er ihre drei Söhne aus erster Ehe akzeptieren.

Akzeptieren? Die drei Teenager tobten schon seit Anbeginn im Haus herum. Ihre Zuneigung zum Stiefvater maß sich daran, ob er sie im Konkurrenzkampf mit den Nachbarsbuben um das neueste Motorrad, das geilste iPhone und die schicksten Klamotten unterstützte, oder sie hier als geiziger Rabenvater hängen ließ.

Seppel konnte eins und eins zusammenzählen und heiratete. „So eine Chance kommt nie wieder,“ ließ er Freunde und Verwandte wissen.

Der Gnade Gottes empfohlen

„Was meint er wohl damit?“, fragten sich diese, als er ihnen seine Frau auf der Hochzeitsreise in der Heimat vorstellte. Seine betagte Mutter beschloss, keine Meinung zu haben, aber mit einem Blick auf Seppels Ehefrau entschied sie, von nun an täglich und nicht nur am Sonntag in die Frühmesse zu gehen und ihren Seppel der Gnade Gottes zu empfehlen.

Wieder zurück in Thailand, begann seine Frau über Kopfschmerzen zu klagen. Es wurde ihr – wie sie sagte – im Haus alles zu viel. Wie durch ein Wunder fand sie einen Ausweg. Am Stadtrand fand sie ein hübsches Gartenhaus, das sich bestens dafür eignete, dem häuslichen Betrieb hin und wieder zu entfliehen.

Seppel fand Gefallen an dieser Idee. Man mietete sich ein, genoss die sanfte Brise, die vom Meer her über die Palmenhaine strich und die Migräne auf wundersame Weise ins Nirwana blies. Die Brise war aber nur die halbe Medizin.

Die andere Hälfte blieb Seppel verborgen und kam immer dann zur Anwendung, wenn er in seiner alten Heimat auf Besuch war und sich seine Frau in die Behandlung athletischer Naturheilpraktiker begab, welche offenbar über übernatürliche Kräfte verfügten, von welchen er nur träumen konnte.

„Am Ende warfen ihn seine Söhne und seine Frau aus dem eigenen Haus,“ schloss der Mann seinen Bericht. „Jetzt ist er bei uns und lebt von seiner Rente. Sein ganzes Vermögen ist weg, 12 Millionen Bath in vier Jahren, damit hält er den Rekord unter den Pensionären...“


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Ling Uaan 15.02.21 14:22
Süßes Gift
Wir hatten einen Monteur der nach vielen Jahren Auslandseinsatz schon immun war gegen das süße Gift. Dennoch hat es auch ihn erwischt. Eines Nachts lernte er zwei Landsleute in Bangkok kennen, verstand sich sofort mit ihnen, sie machten ihm die Idee einer gemeinsamen Bar schmackhaft und schwärmten über die enormen Verdienstmöglichkeiten.
So flog er nachhause, kündigte, hob sein ganzes Geld ab, übergab die 200+ Tausend DM seinen neuen „Geschäftspartnern“ in Bar und sah sie danach nie wieder. Ein paar Wochen später hat er dann wieder in der Firma angeheuert.
Norbert Schettler 14.02.21 11:52
Inzwischen sollte
doch jeder Seppel mit ein wenig Verstand (der allerdings im Angesicht von so viel Schönheit und Paradies nicht immer aktiviert ist) über die "Eigenarten" hier im Lande informiert sein.
Die beste Frau der Welt, Herr Diezi, findet der Seppel natürlich viel eher und leichter als das Reisfeld am Ende der Welt. Aber Sie haben Recht, das Glück und die andere Wahrheit gibt es mit Sicherheit auch.
Heinz Diezi 13.02.21 20:37
Danke
wie immer sehr gut und unterhaltsam die Wahrheit geschrieben. Da ist aber noch eine andere Wahrheit, es gibt auch Damen die den einen oder anderen Farang von weitem gesehen haben, einer Arbeit nachgehen wo es keinen Farang gibt, für die Kinder und Eltern gesorgt haben bis die Kinder selbständig waren und die Eltern gestorben sind. Ein einfaches Häuschen und ein wenig Reisland am Ende der Welt haben. Wenn man denn so einfach leben will kann man mit Glück die beste Frau der Welt finden.