Ein Genie in Hua Hin

Wenn man in D-A-CH eine Werk- und Reparaturwerkstätte für Motorräder betritt, riecht es dort genauso penetrant nach Altöl, Schmierfett und Benzin wie in Thailand.

Der Unterschied besteht vor allem in der Art und Weise, wie das Zubehör im Raum verteilt ist. In DACH ist alles wohlgeordnet, die Räder, Felgen und Pneus hängen nach Größe und Qualität sortiert an der Wand, Boxen und Schubladen mit Ersatzteilen sind den Wänden entlang aufgereiht und mit großen Buchstaben beschriftet. Mitten im Raum arbeiten Mechaniker in Overalls an Motorrädern, die teilweise aufgebockt auf metallenen Gestellen lagern. Hier wird nicht montiert, geschweißt und la­ckiert, hier wird operiert am Patient Motorrad.

In unserer Nachbarschaft bietet sich bei unserem Thaimech mit seiner Werkstatt ein vollkommen anderes Bild. Bevor man überhaupt etwas von der eigentlichen Garage sieht, muss man durch einen Töfffriedhof mit Bergen von alten Pneus und Ersatzteilen wie durch ein Labyrinth auf das Haus zugehen, immer in die Richtung wo man den Eingang vermutet.

Im Labyrinth

Vor der offenen Türe in eine rußverschmierte Höhle kniet der Chef und einzige Angestellte vor einem Motorrad auf dem Boden. Sein Gesicht ist meist ölverschmiert, zwischen den Lippen glimmt eine Zigarette und den Overall glaubt ihm keiner mehr, er sieht eher aus wie das glänzende Fell einer schwarzen Katze, die eben aus einem Tümpel gestiegen ist.

Der Chef ist ein ausgesprochen freundlicher Mensch. Er empfängt mich immer mit einem breiten Lachen, steht auf und begrüßt mich, wie einen alten Freund, obwohl ich kein großer Kunde bin und nur hin und wieder mit meinem Velo bei ihm aufkreuze, denn er macht da keinen Unterschied, ob Velo oder Töff ist egal, dem Kunden muss geholfen werden.

Der Geniestreich

Ein Mensch, der sein Fahrrad schiebt, ohne je aufzusitzen, muss ein Problem haben, das man nicht lange erklären muss. Das war uns beiden klar und nach einer kurzen Prüfung meinte er, dass er einen neuen Pneu bestellen muss und ich am nächsten Tag wieder vorbeikommen solle. Am folgenden Tag ging ich wieder hin und sah, dass gerade ein Kunde mit einer großen BMW bei ihm war. Er zeigte immer wieder auf seine Maschine, redete auf Englisch auf ihn ein, und suchte in seinem Gesicht nach Anzeichen dafür, dass er ihn verstanden habe. Der Chef sagte nichts, beugte sich seitlich hinter den Motor, fuhr mit den Fingern über eine Stelle, die ich nicht einsehen konnte, stand auf, eilte in die Werkstatt und kam mit einem Metallteil zurück, das er mit zwei Zangen in eine bestimmte Form drehte, dass es wie ein Bolzen aussah, den er hinter dem Motor einfügte und mit zwei drei Hammerschlägen befestigte.

Nobelpreis oder Zigarette?

Der Fahrer setzte sich auf das Motorrad, drehte ein paar Runden um die Werkstatt, hielt an, zeigte mit dem Daumen lachend nach oben, drückte dem Chef ein paar Baht-Noten in die Hand und brauste davon. Der Chef ist ein Genie und jeder im Quartier weiß das. Er besitzt einen angeborenen Röntgenblick für technische Kalamitäten und kommt zur Sache, noch ehe der Kunde sich versieht. Dafür brauch er keine Hightech-Werkstatt. Er erledigt schweigend seinen Job, ohne je die Zigarette aus dem Mund zu nehmen. Für mich ist er der Einstein unter den Töff-Klempern dieser Welt. Wenn man ihm dafür den Nobelpreis in der einen Hand und in der anderen eine Stange Zigaretten zur Auswahl anbieten würde, braucht es wenig Fantasie, um zu wissen, wofür er sich entscheiden würde.

Aus dem Bauernkalender von 1683

Sitzt im Hinterhof ein Drachen
muss man nicht mehr Feuer machen
Man hängt dann einen Suppentopf
dem Ungeheuer vor den Kopf
Will der Bauer einen Braten
muss man auch nicht lange warten
Er sollte aber nicht vergessen,
dass Drachen diesen auch gern fressen
-ok-


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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Peter Stirnemann 29.07.25 17:46
Genie
Ich kenne diese Werkstatt. Ich kann nur sagen genau so ist es. Ich bin mal vorbei gelaufen und staunte nur über das( wirwar). Aber der Mann sahr sehr vertraundswürdig aus.

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