Der Hexenschuss

Ich erwachte und ahnte noch gar nichts vom Unheil. Erst als ich das Bett verlassen wollte, fühlte ich einen Stich im Hohlkreuz, der nur eine Ursache haben konnte: Eine Hexe. Ein Hexenschuss also.

Ich muss aber gleich darauf hinweisen, dass meine Frau außerhalb jeden Verdachts war oder falls, dann ist sie eine hervorragende Mimin, denn sie schlief wie ein Engeltief in Morpheus Armen und so wie sie schnarcht ist es unnachahmlich, es hört sich eher wie ein Wispern an und Hexen wispern nicht. Andere Thaidamen waren am Vorabend zu Gast, aber ich konnte beim besten (schlechten) Willen keine für den Witchshot verdächtigen, denn sie waren nachweislich mit dem Motorrad gekommen und es waren weit und breit keine Besen zu sehen. Nur die schwarze Katze der Nachbarin schlich um unser Haus herum. Ich wagte nicht, den Gedanken weiterzuspinnen, Nachbarschaft ist ein kostbares Gut.

Wieso ausgerechnet ich?

Abgesehen davon konnte ich mir keinen Reim daraus machen, wieso sich die Hexe ausgerechnet mich als Opfer ausgesucht hatte. Ich habe zwar im Geiste schon manchen Scheiterhaufen für vermeintliche Hexen in meinem Bekanntenkreis errichtet, aber dann letztlich darauf verzichtet, weil Brennholz in Thailand teuer ist und Hexen nachweislich schlecht brennen, wenn man ihnen vorher nicht Branntwein á discretion angeboten hat, was ja auch in die Kosten geht. Also: Keine Hexen, keine Sündenböcke, bloß Schicksal. Aber es gibt eben hartnäckige Typen, die einen Schicksalsschlag nicht einfach hinnehmen, sondern ignorieren, so lange es geht. Dazu gehöre ich. Ich tat dies eine Woche lang mit heroischer Hartnäckigkeit, stöhnte nur, wenn es keiner hörte, fluchte bei jedem Schritt nur leise vor mich hin und ließ die Leute glauben, dass ich mich über den miserablen Wechselkurs zum Thai-Baht derart sorgte, dass ich niemand grüßte.

Schisshaas-Syndrom

Nach einer Woche war dann aber fertig lustig: Endstation Hospital, Abteilung Korti-Sohn. Hier geschah das Wunder, das für eine Seligsprechung (auch die eigene) unerlässlich ist: Ich spürte plötzlich keine Schmerzen mehr. Abgeklärtere Zeitgenossen nennen dies aber schlicht: „Schisshaas-Syndrom“, weil die Angst größer ist als der Schmerz und ihn vorübergehend verdrängt. Ich schaute mich nach einem Fluchtweg um, den mir meine Frau erfolgreich verperrte und mich in das Sprechzimmer schubste. Dort wartete ein Jugendlicher mit gegeeltem Haar, das in der Mitte des Kopfes lustig aufgezwirbelt war. Er sah aus wie ein Enkel von Papa Moll* und ich ging davon aus, dass er hier den Sessel eines Gottes in Weiß besetzte, bis Gott persönlich erscheine.

Papa Molls Enkel

Moll war aber der diensthabende Orthopäde selbst und ich beschloss, ihm die Anamnese zu erleichtern, indem ich ihm bilderreich schilderte, wie ich von einem Pappayabaum gefallen sei (ist echt wahr, aber vor zwei Jahren). Dies deshalb, weil der Vertreter meiner KK gesagt hat, dass die Kasse nur bei Unfall bezahlen würde (bei Krankheit muss man stationär eine Nacht im Spital bleiben, sonst zahlen sie nochweniger als sie sonst schon tun. Ich wollte aber nicht in einer Nacht in einem Thaispital Alkoholiker werden und zog es vor vom Pappayabaum zu fallen). Moll hat mir zwei Cortisonspritzen verpasst, obwohl nur eine gereicht hätte. Er wollte auf Nummer sicher gehen, zwei mal 4.500 Baht macht sich für das Spital besser und für ihn auch, er muss ja noch üben. Wir haben es mal zum Voraus bezahlt, die KK wird einen Teil davon nur übernehmen, wenn ich den Pappayabaum ins Büro bringe und noch einmal vor der Generaldirektion demonstriere, wie ich von ihm gefallen bin.

Nachtrag: Bevor wir das Spital verließen, fragte Moll noch, ob alles ok sei, denn nach einer Cortisonschwemme sei den meis­ten Patienten schwindlig (dizzy) und sie seien unkonzentriert und schläfrig. Als er mich fragte: „Do you feel dizzy?“, sagte ich: „Not at all“, hielt ihm meine Rechte mit gespreizten Fingern vor die Nase und sagte: „One Hand, SEVEN Fingers, all ok…“ Moll fand das auch lustig, ganz der Opa. Wenn die Kasse die Kosten übernimmt, lade ich alle Farangleser/innen zum Bier ein, das sie natürlich selber bezahlen dürfen.

*Schweizer Comicfigur

Bauernkalender von 1683

Fliegt die Hexe übers Dach,
schlagen Hund und Gockel Krach
Landet sie beim Steueramt,
ist die Wut sehr schnell gebannt


Über den Autor

Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.

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