Als meine Herzallerliebste vor einigen Tagen morgens aufstand, wirkte sie verstört.
„Ich habe kaum geschlafen, Callolo,“ sagte sie, „lauter schlimme Träume. Ich muss mich neu sortieren.“ Sie zog sich an und verschwand.
Da ich ihre Launen und gelegentlichen Anfälle kenne, machte ich mir weiter keine Sorgen. Mir war nur aufgefallen, dass sie Chrissi überhaupt nicht beachtete, der ihr erstaunt nachschaute.
„Papa, wo ist Mama?“ fragte er immer wieder.
Was sollte ich ihm Antworten?
„Die Mama hat schlecht geschlafen. Sie muss sich erholen. Sie ist bald wieder hier.“
Ich machte für uns das Frühstück, wärmte den Rest der Reissuppe von gestern auf, gab dem Kleinen Obst, Nüsse und Chips, kümmerte mich um die Tiere und brachte Chrissi schließlich ins Bett, da meine liebe Frau bis zum Abend immer noch nicht wieder aufgetaucht war.
Um 22 Uhr kam sie heim und wollte sofort im Schlafzimmer verschwinden.
„So nicht, mein Schatz,“ sagte ich. Jetzt will ich wissen, was los ist.“
Sie sah mich verzweifelt an. Dann brach es aus ihr heraus:
„Chrissi ist nicht unser Sohn.“
Sie setzte sich und begann bitterlich zu weinen. Schluchzend fuhr sie fort:
„Callolo, ich habe allen Frauen, denen ich heute begegnet bin, ins Gesicht geschaut. Jede hätte seine richtige Mutter sein können. Ich bin es nicht.“
Ich goss zwei Gläser Wein für uns ein und setzte mich neben sie:
„Mein Schatz, wir haben Chrissi adoptiert. Er ist unser Sohn. Was ist denn passiert? Warum zweifelst du plötzlich daran?“
„Ich weiß es nicht, Callolo. Im Halbschlaf habe ich geträumt und sah viele Frauen, die sich auf Chrissi stürzten und behaupteten, er sei ihr Sohn. Schließlich hat eine mir den Jungen aus den Armen gerissen und ist mit ihm davongeeilt.“
„Komm, trink einen Schluck Wein, mein Schatz, und vergiss deinen Alptraum,“ sagte ich und reichte ihr ein Glas: „Zum Wohle, und auf eine glückliche Zukunft mit unserem Sohn.“
Wir redeten noch eine Weile, und ich versuchte, sie auf andere Gedanken zu bringen, indem ich ihr Glas erneut füllte und plötzlich zu singen begann, obwohl bisher alle und jeder mir bestätigt hatten, dass ich mit meinem Gesang ganze Wolfsrudel in die Flucht schlagen könnte:
„Herzilein, du,musst nicht traurig sein.
Ich weiß, du bist nicht gern allein,
und schuld ist doch nur der Wein.
Und du sagst sicher:
Spatzilein, ich werd' dir noch einmal verzeihn.
Die Hauptsache ist, du kommst heim.
So kann doch nur ein Engel sein.“
Nein, meine Herzallerliebste ist nicht geflüchtet. Es ist mir sogar geglückt, ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, bevor wir uns zum Schlafen legten.
Am anderen Morgen besuchte ich einen mir bekannten Psychiater, der auch Nai schon mehrmals untersucht hatte. Er sagte zu mir, nachdem ich ihm den Vorgang geschildert hatte:
„Eine typische Panik-Attacke. Dieses Phänomen der plötzlichen Ablehnung ist gar nicht so selten, wie Sie vielleicht glauben, Khun Carolus. Es ist etwa so zu verstehen wie eine Transplantation. Manchmal stößt der Körper das fremde Organ ab. In diesem Fall sehe ich eine vorübergehende Entfremdung, wie wir sie besonders häufig bei sehr sensiblen Frauen beobachten, deren Gefühlswelt oft schwankt. Ich denke, in einigen Tagen wird Ihre Frau dieses Problem überwunden haben.“ Er gab mir einige Tabletten für meine Herzallerliebste mit, und ich ging beruhigt heim.
Zwei Tage später war der Geburtstag der Königin, der in Thailand auch als Muttertag gefeiert wird. Ich kaufte einen Blumenstrauß, den Chrissi ihr am Morgen überreichte:
„Herzlichen Glückwunsch, liebe Mama. Ich habe dich ganz doll lieb.“
Ich denke, in diesem Augenblick kehrte ihre Liebe zu Chrissi zu ihr zurück. Sie drückte den Kleinen an sich und sagte: „Ich liebe dich auch, mein Sohn.“ Und zu mir sagte sie:
„Ich war irgendwo anders unterwegs,Callolo, meine Gedanken haben mich auf eine schreckliche Reise durch eine dunkle Welt geschickt. Zum Glück ist dieser Horror jetzt vorbei.“
Unser Familienleben ist wieder perfekt.
Zum Autor: Ein Leben für Kunst und Literatur
Carl-Friedrich Krüger, bekannt als Ce-eff, wurde in der norddeutschen Kleinstadt Bad Oldesloe geboren. Wegen besserer Bildungschancen zog er bereits in jungen Jahren nach Hamburg, wo er seine Ausbildung durch zahlreiche Jobs finanzierte. Nach seinem Ersatzdienst begann er zu schreiben: Gedichte, Satiren, Kurzgeschichten, Romane und Drehbücher. Das ZDF engagierte ihn als Redakteur, und er gründete das Kabarett „Die Poli(t)zisten“, aus dem das bundesweit bekannte Mainzer Forum-Theater UNTERHAUS hervorging. Dort leitete er viele Jahre Programme und trat mit eigenen Stücken auf. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz. Heute lebt er als freier Autor in Deutschland und Thailand und ist Kolumnist der deutschsprachigen Zeitschrift DER FARANG.
Callolo und Nai: Geschichten einer Farang-Thai-Liebe
Mit viel Humor und Charme beschreibt Ce-eff Krüger die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens von Thais und Farangs. Im Fokus stehen Nai und Callolo, deren Eheleben von Toleranz und Herausforderungen geprägt ist – und dennoch immer wieder ein Happy End findet.
Im ersten Buch erzählt der Autor durch eine „rosarote Brille“ von liebevollen Momenten und überraschenden Entwicklungen. Das zweite Buch beleuchtet ehrlich und humorvoll die Schwierigkeiten in einer reiferen Beziehung. Der dritte Teil „Alte Liebe rostet nicht“, exklusiv im Newsportal DER FARANG, zeigt, wie ein unerwartetes Ereignis das Leben von Carolus und Nai verändert. Alle zwei Wochen erscheint dort eine neue Kurzgeschichte.
In Thailand verfügbare Taschenbücher von Ce-eff Krüger:
- Callolo und seine Herzallerliebste (Taschenbuch, Teil 1)
- Angekommen in der Wirklichkeit (Taschenbuch, Teil 2)
- Ein Leben für Kabarett und Kleinkunst (Autobiographie)
Die Taschenbücher sind im Büchershop erhältlich und werden in Thailand versendet.
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