Meine Herzallerliebste ist jedes Mal entzückt, wenn Julian uns besucht. Er ist ein wohlhabender Österreicher. Wir haben uns durch die Schule und über Chrissi kennengelernt. Er besitzt eine kleine Yacht, und ich vermute, Nai ist scharf darauf, dass er uns zu einer Seefahrt einlädt. Bisher wartet sie aber vergeblich darauf.
Ich rate ihr, sich im Pool auf eine Luftmatratze zu legen, das fühlt sich genauso an wie auf einer Yacht.
„Callolo, verspotten kann ich mich selbst“, antwortet sie und schmollt.
John ist stolzer Besitzer eines motorisierten Segelflugzeugs. Durch ihre Arbeit im Rathaus hat Nai seine Bekanntschaft gemacht. Er hat uns schon mehrmals besucht, und dabei haben wir eine Reihe gemeinsamer Interessen entdeckt. Aber mir ist längst klar, warum meine Herzallerliebste immer wieder auf ein Treffen mit John drängt: Sie hofft darauf, dass John sie oder uns zu einem Trip mit seinem Flugzeug einlädt.
„Mein Schatz“, sage ich zu ihr, „träume doch einfach, dass du fliegst. Das ist genauso schön und kostet nichts.“
Solche Ratschläge machen sie wütend: „Mein lieber Callolo, es ist beschämend, dass du mir nichts anderes anzubieten hast als Träume.“
Ich weiß, dass meine Herzallerliebste aus einfachen Verhältnissen stammt und reiche Leute ihr imponieren. Wahrscheinlich hat sie zu viele von diesen Soap-Operas im Fernsehen gesehen, wo alle in Glamour und Luxus leben. Sie ist einfach neidisch und hadert mit ihrem Schicksal.
Vergeblich mahne ich sie: „Schatz, du hast doch alles, was du brauchst. Es geht dir besser als den meisten Menschen in diesem Land. Weshalb kannst du dich nicht damit abfinden, dass andere Leute mehr haben als wir?“
„Ich weiß es nicht, Callolo. Es gibt so vieles, was ich noch erleben will und so vieles, wonach ich mich sehne.“
Langsam dämmert mir, dass sie mich für einen Versager hält, der nicht in der Lage ist, ihre Bedürfnisse zu erfüllen. Damit bringt sie mich auf die Palme.
Gestern war wieder so ein Tag. Beim Frühstück brach es plötzlich aus ihr heraus: „Callolo, die Wohlers nebenan haben ein neues Auto. Können wir uns nicht auch endlich einen neuen Wagen leisten? Aber bitte eine Nummer größer und besser.“
Das brachte das Fass in mir zum Überlaufen. Ich wurde zornig:
„Mein Schatz, wenn es dich zurückzieht zu euren Reisfeldern und zu euren Büffeln im Isaan, dann pack’ deinen Koffer und reise ab. Ich habe deine Unzufriedenheit einfach satt.“
Dann verließ ich unser Haus, um mich zu beruhigen. Ich traf mich mit Martin und einigen anderen Freunden. Wir tranken zusammen einige Flaschen Bier. Erst am Abend kam ich heim.
Meine Herzallerliebste kam mir lächelnd und mit verführerischem Augenaufschlag entgegen: „Ich entschuldige mich, Callolo. Du hast ja so recht. Ich habe dich, und mehr brauche ich gar nicht.“
Ich war höchst verwundert.
Mal abwarten, wie lange diese Einsicht anhält.