Was ist bloß los mit meiner Herzallerliebsten? Ich verstehe sie immer weniger. Klar, ich weiß um ihre ständige Angst vor dem Älterwerden. Aber deshalb all diese Verrücktheiten? Vor einem Jahr ist sie in einen Volleyball-Club eingetreten, hat aber die Probezeit nicht überstanden. Danach rannte sie dreimal wöchentlich ins Fitness-Studio, und jetzt erfahre ich so nebenbei, dass sie sich im Box-Club angemeldet hat.
„Schatz, kannst du mir bitte erklären, was das soll? Du bist über vierzig Jahre alt. Übrigens ...“
„Übrigens brauchst du mich nicht an mein Alter zu erinnern, Callolo“, unterbricht sie mich. „Du bist auch kein Jungspunt mehr.“
„Das weiß ich, mein Schatz, aber ich habe auch nicht die Absicht, ein Box-Champion zu werden. Bitte, erkläre mir, warum ...?“
„Warum? Warum? Erstens ist Muay Thai ein altes thailändisches Kulturgut, das es zu erhalten gilt. Zweitens ist es gut für die Selbstverteidigung, und drittens hält der Sport mich jung und meinen Körper elastisch.“
„Das verstehe ich ja, aber ausgerechnet Muay Thai?“
„Callolo, du verstehst weder uns Thailänder noch mich. Genau diese Sportart verlangt Selbstüberwindung und sorgt für Selbstachtung und Selbstvertrauen.“
„Als ob du davon nicht schon genug hättest, meine liebste Gattin. Wann soll es denn losgehen?“
Umgehend verfällt sie in die altbekannte Demutshaltung.
„Callolo, ich bin schon seit drei Monaten dabei“, sagt sie leise.
„Und davon erfahre ich erst jetzt?“
„Bisher war es ja nur Bewegungstraining, aber jetzt wird es ernst. Zu meinem Geburtstag nächste Woche wünsche ich mir von dir ein Paar Boxhandschuhe.“
Was soll ich Ihnen sagen? Sie hat sich wie immer durchgesetzt und hat bekommen, was sie wollte. Sie ging regelmäßig zum Training, und ich muss zugeben, sie wurde von Mal zu Mal ausgeglichener und weniger launisch. Von Kurzschlusspanik konnte keine Rede mehr sein, alles war wieder ganz harmonisch.
Aber es war voraussehbar, dass es nicht so bleiben würde.
„Callolo, nächsten Freitag bestreite ich meinen ersten öffentlichen Show-Kampf.“
„Na, dann wünsche ich dir viel Glück.“
„Bitte, Callolo, das ist für mich eine große Sache. Ich kämpfe gegen Joy Kamiosriya, sie ist fünfzehn Jahre jünger als ich und hat die gleiche Gewichtsklasse. Wir sind gut befreundet und bemühen uns gegenseitig, dass wir uns nicht verletzen. Ich möchte, dass du und Chrissi dabei seid, bitte, Callolo.“
Als ich unseren Sohn von den Ambitionen seiner Mutter berichtete, wurde er traurig und wirkte wie ein Häufchen Elend.
Dann eilte er zu ihr und bettelte: „Mama, bitte nicht boxen. Ich mag nicht, wenn du dich mit anderen Frauen schlägst.“
Nai nahm Chrissi in die Arme und ging mit ihm in den Garten. Sie erklärte ihm lang und breit, warum sie sich für den Boxsport entschieden hatte, warum er gut für sie und ihre Ausgeglichenheit ist und dass sie es auch für ihn macht, damit er stolz auf sie sein konnte. Sie schaffte es wirklich, ihn zu überzeugen. Ja, jetzt wollte er sie boxen und siegen sehen.
Freitag, der Dreizehnte, kam. Mir schwante nichts Gutes. Aber meine Herzallerliebste nahm das Datum als gutes Omen und verließ uns schon hochmotiviert um die Mittagszeit.
Die Arena füllte sich ab 18 Uhr. Ich wunderte mich über die vielen Leute und war froh, dass wir noch zwei freie Plätze in der dritten Reihe fanden. Der erste Kampf des Tages fand zwischen zwei etwa fünfzehnjährigen Knaben statt. Das Zeremoniell drum herum kannten wir ja schon von einem früheren Besuch, an den wir keine guten Erinnerungen hatten. Die Stimmung in der großen Halle war gut, die Spannung fast wie bei einer Profiveranstaltung.
Dann wurde der Kampf Nai gegen Joy aufgerufen. Sie wirkte bei der Vorstellung im Ring fröhlich und winkte nach allen Seiten.
Außer ihren Boxhandschuhen trug sie einen Kopfschutz und Schienbeinschoner, die für Amateure vorgeschrieben sind. Chrissi saß mit offenem Mund aufgeregt neben mir und schlug mir beim ersten Schlagabtausch begeistert auf meine Knie: „Ich glaube, die Mama wird gewinnen.“ Ja, es sah gut für sie aus. Sie konnte einige saubere Schläge platzieren und traf ihre Gegnerin mehrmals mit den Ellenbogen in die Seite. Auch ihre Beinarbeit war perfekt. Ich war sehr überrascht und sah sie schon als Siegerin. Aber in der 3. Runde traf sie ein Schlag mitten ins Gesicht. Sie strauchelte. Aus ihrer Nase rann Blut. Nur der Gong rettete sie. Joy wurde zur Siegerin erklärt. Chrissi war enttäuscht und meinte: „Papa, ich finde trotzdem, dass Mama die bessere Kämpferin war.“
Später fuhren wir zusammen heim und feierten zu Hause mit einigen Bekannten den ersten öffentlichen Kampf meiner Herzallerliebsten. Obwohl sie nicht gewonnen hatte, waren wir alle sehr stolz auf sie.