Ein Bettler hat neuerdings den Eingang unserer Siedlung zu seinem Arbeitsplatz erkoren. Von anderen Bettlern unterscheidet er sich jedoch erheblich: Er trägt eine lange gebügelte dunkle Hose, dazu ein weißes Hemd und blank geputzte Lederschuhe. Er grüßt alle Vorübergehenden mit einem freundlichen Wai und weist mit einer bescheidenen Geste auf den vor ihm stehenden Becher.
Ich habe ihm bisher noch nie etwas gespendet. Ganz im Gegenteil zu meiner Herzallerliebsten. Sie gibt ihm jedes Mal einige kleine Scheine.
Zuhause spreche ich sie darauf an:
„Warum gibst du diesem Mann Geld, mein Schatz? Er sieht nicht so aus, als ob er es nötig hat.“
„Callolo, andere Bettler versuchen, Mitleid zu erzeugen, indem sie ihr Elend zur Schau stellen. Damit haben sie bei den Farangs ja auch gute Chancen. Aber dieser Mann hält sich an die Regeln für einen Thai: Das Auge darf nicht unnötig beleidigt werden.“
„Vielleicht braucht er das Geld überhaupt nicht, mein Schatz.“
„Dann würde er nicht betteln. Oder glaubst du, dass er sich nicht schämt?“
Ich schaue meine Herzallerliebste zweifelnd an.
„Callolo, du lebst schon so lange hier, aber verstanden hast du vieles noch nicht.“
„Was meinst du damit, mein Schatz?“
„Die einarmigen oder anderweitig behinderten Bettler, die ihre Behinderung oft nur vortäuschen, leben ganz gut von den Almosen der Farangs, denn sie versuchen mit allen Mitteln, deren Mitleid zu erwecken.
Aber das ist überhaupt nicht unser Thai-Stil. Wir Thais lieben Schönheit und Ästhetik unter allen Umständen und in jeder Form. Deshalb fühlen wir uns auch beleidigt vom Anblick halbnackter Farangs, die mit ihren dicken Bäuchen und durchgeschwitzten T-Shirts unsere Toleranz auf eine harte Probe stellen.“
„Du meinst also“, unterbrach ich sie, „ein Bettler sollte am besten im Sonntagsanzug seinem Gewerbe nachgehen?“
„Ja, Callolo, ich würde das honorieren.“
Als ich das nächste Mal unsere Siedlung verließ, sprach ich unseren Bettler an:
„Entschuldigen Sie bitte, aber Sie sehen nicht so aus, als ob Sie auf das Betteln angewiesen wären.“
Er sah mich sekundenlang schweigend an. Dann antwortete er:
„Ich habe keine andere Möglichkeit zu überleben.“
„Warum nehmen Sie keine andere Arbeit an? Sie sind doch noch nicht zu alt dafür.“
Wieder schaute er mich lange an, ehe er antwortete:
„Ich habe nach einem Unfall mein Gedächtnis verloren, mein Herr. Ich weiß heute nicht mehr, was gestern war.“
„Haben Sie keine Familie?“
„Ich weiß es nicht, mein Herr.“
„Und niemand kümmert sich um Sie?“
„Doch, ich, verehrter Herr“, antwortete er. „Ich versuche, mich durch Betteln anständig durchzuschlagen.“
Ich gab ihm hundert Baht und dachte nach über das, was er mir gesagt hatte. In Deutschland gibt es das Sprichwort „Kleider machen Leute“.
Meine Herzallerliebste sagt: „Kleider machen Geld.“
Manchmal bringt sie ihm die Reste von unserem Essen. Als wir heute früh an ihm vorbeigingen, sagte ich zu Nai:
„Schau nur, er ist heute wieder total overdressed.“
„Das ist bester Thai-Stil“, antwortete sie und drückte ihm einen Geldschein in die Hand.
Was ich heute Abend beobachtet habe, darf ich ihr gar nicht verraten. Als ich den Müll rausbrachte, sah ich zufällig, wie ein dunkler PKW vor ihm hielt. Ein junger Thai sprang aus dem Wagen und öffnete die hintere Tür, indem er sich tief verbeugte. Unser Bettler stieg ein, und sie fuhren davon.
Was soll ich davon halten? Bester Thai-Stil oder Nepp?
Zum Autor: Ein Leben für Kunst und Literatur
Carl-Friedrich Krüger, bekannt als Ce-eff, wurde in der norddeutschen Kleinstadt Bad Oldesloe geboren. Wegen besserer Bildungschancen zog er bereits in jungen Jahren nach Hamburg, wo er seine Ausbildung durch zahlreiche Jobs finanzierte. Nach seinem Ersatzdienst begann er zu schreiben: Gedichte, Satiren, Kurzgeschichten, Romane und Drehbücher. Das ZDF engagierte ihn als Redakteur, und er gründete das Kabarett „Die Poli(t)zisten“, aus dem das bundesweit bekannte Mainzer Forum-Theater UNTERHAUS hervorging. Dort leitete er viele Jahre Programme und trat mit eigenen Stücken auf. Für seine Arbeit wurde er mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Bundesverdienstkreuz. Heute lebt er als freier Autor in Deutschland und Thailand und ist Kolumnist der deutschsprachigen Zeitschrift DER FARANG.
Callolo und Nai: Geschichten einer Farang-Thai-Liebe
Mit viel Humor und Charme beschreibt Ce-eff Krüger die Höhen und Tiefen des Zusammenlebens von Thais und Farangs. Im Fokus stehen Nai und Callolo, deren Eheleben von Toleranz und Herausforderungen geprägt ist – und dennoch immer wieder ein Happy End findet.
Im ersten Buch erzählt der Autor durch eine „rosarote Brille“ von liebevollen Momenten und überraschenden Entwicklungen. Das zweite Buch beleuchtet ehrlich und humorvoll die Schwierigkeiten in einer reiferen Beziehung. Der dritte Teil „Alte Liebe rostet nicht“, exklusiv im Newsportal DER FARANG, zeigt, wie ein unerwartetes Ereignis das Leben von Carolus und Nai verändert. Alle zwei Wochen erscheint dort eine neue Kurzgeschichte.
In Thailand verfügbare Taschenbücher von Ce-eff Krüger:
- Callolo und seine Herzallerliebste (Taschenbuch, Teil 1)
- Angekommen in der Wirklichkeit (Taschenbuch, Teil 2)
- Ein Leben für Kabarett und Kleinkunst (Autobiographie)
Die Taschenbücher sind im Büchershop erhältlich und werden in Thailand versendet.
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