Niemand hat je einen Sonnenauf- oder untergang gesehen. Das ist spätestens seit Galileo ein Fakt und für die katholische Kirche mit 400 Jahren Verspätung auch. Also: Die Erde geht auf und unter, da sind wir auf sicherem Grund. Bloß in unserer Wahrnehmung ist es natürlich umgekehrt.
Hier kommen die Flacherdler ins Spiel. Es handelt sich dabei um eine Bewegung, vorab in den USA, deren zentrale Aussage darin gipfelt, dass die Erde nicht kugelförmig und rund sei, sondern flach, eine Scheibe. Sie appellieren einfach an den „ gesunden“ Menschenverstand und sagen: Schau doch aufs Meer, ist ja bis zum Horizont alles flach oder steig auf einen Berg und schau in die Welt. Vor dir breitet sich eine Ebene mit Höhen und Tiefen aus, aber in der Totale ist der Planet eben eben. Nur Verschwörungstheoretiker sehen das anders.
Einsteins Wiedergänger
Ich wollte es genauer wissen und wandte mich an meinen Schwiegervater, einen einfachen Reisbauern aus dem Isaan, der nach vier Jahren die Schule verlassen musste, weil es keine fünfte Klasse gab und er auch gar keinen Unterricht mehr brauchte, wie die folgenden Beispiele beweisen:
Er war keinen Augenblick lang verlegen, nahm zwei Reiskörner in die Hand und sagte: „Schau, dies sind zwei verschiedene Reissorten, die eine ist rundlich, gehört also zur Sorte Rundkornreis, das andere ist eher flach, also ein Flachkornreis. Die beiden Sorten bilden den Makrokosmos in mikrokosmischer Form spiegelbildlich ab, deshalb muss die Erde logischerweise ein Kompromiss davon sein, sie ist rund UND flach, also eine Ellipse.“
Ich schaute ihn voller Bewunderung an für diese erstaunliche Auslegung.
Er bemerkte es und meinte nur: „Ach, halb so wild, das wird bei uns schon in der Primarschule gelehrt, ist doch Kinderkram.“
Ich schluckte leer, von dieser Seite hatte ich das thailändische Schulsystem noch nicht kennengelernt. Ich brauchte seine Aussagen auch nicht zu überprüfen. Für mich ist mein Schwiegervater ein Wiedergänger Einsteins. Er hat mir einmal auf ähnlich anschauliche Weise die Relativitätstheorie erklärt, aber obwohl Kinderkram war sie immer noch zu kompliziert für mich. Er brauchte einfach zu viele Reiskörner – für jede Galaxie eines – um mir die Sache zu erklären und schob sie in Lichtgeschwindigkeit hin und her.
Dies erklärt einmal mehr, wieso er der unumschränkte Boss des Clan ist und ich wohl immer ein farangsches Anhängsel bleiben werde, das vor allem deshalb geduldet wird, weil es oft so naive Fragen stellt und ihm Gelegenheit gibt, sein universales Wissen unter Beweis zu stellen und dem Schwiegersohn aufzeigen kann „wo der Bartel in Thailand den Most holt“.
Präsident um jeden Preis
Aber die Flacherdler machen mir in anderer Hinsicht Hoffnung. Ich wollte schon immer Präsident werden, egal von was, ich stellte mir einfach vor, wie toll es wäre, wenn hinter meinem Rücken getuschelt würde: „Psst, da kommt der Präsident“ und man sofort Haltung annehmen oder bei Streitfragen by the way erwähnen würde: „Ich habe eben den Präsidenten gesprochen, er ist ganz meiner Meinung…“
Ich ließ dann auch nichts unversucht, um es zu werden und fragte bei den UBS an. Ohne Erfolg natürlich, denn sie haben herausgefunden, dass meine Schwarzgeld-Konti schon längst überzogen sind und dass sie eher an Alice Schwarzer gedacht hätten, da ihr Schwarzgeldkonto noch im Plus und es sowieso Zeit für eine Frau sei.
Blieben noch die Zeugen Jehovas. Sie lehnten dankend ab mit dem Hinweis, dass Gott ihr Präsident sei und dass sie keinen weiteren neben ihm dulden würden, aber es sei gerade eine Stelle als Wachturm-Verträger frei und falls ich Lust hätte… Ich habe die Mail nicht zu Ende gelesen.
Chef der Flacherdler Internationale?
Ich wage jetzt noch einen letzten Versuch und bewerbe mich bei den Flacherdlern. Mir ist zu Ohren gekommen, dass sie ein ziemlich bunter Haufen sind und dringend eine ordnende Hand brauchen, die bereit ist durchzugreifen, die Organisation ideologisch festigt und auf Vordermann bringt. Meine Chancen stehen gut, denn ich habe der Bewerbung einen Auszug aus einem Verhör von Galileo durch die heilige Inquisition aus dem Jahr 1633 beigelegt, in welchem er unter Androhung einer peinlichen Befragung (Folter) bestätigte, dass es sich die Sonne anders überlegt habe und wieder um die Erde kreise.
Um das Dokument für die Flacherdler aussagekräftiger zu machen, habe ich im Latein des 17. Jahrhunderts hinzugefügt, dass er auch den (Erd-)Ball flach gehalten habe. Jeder hat doch bei einer Bewerbung schon ein bisschen geschummelt. Also: Wenn ich erst Präsident bin, werde ich selbst bestimmen, wie flach sie ist und das wird natürlich vom Lohn abhängen. Wenn sie kein bisschen rund sein darf, wird es teuer werden. Erst kommt die Kohle und dann der sauglatte Beweis (frei nach Bert Brecht).
| Aus dem Bauernkalender von 1683 | |
| Ist der alte Bauer krank, hilft ihm nur ein Hexentrank Drum lässt man von dem Scheiterhaufen eine von den Hexen laufen | Sie kann den Trank dann zubereiten und auf dem Besen weiterreiten Dabei ist aber zu erwägen, ihn noch zeitig anzusägen |
Über den Autor
Khun Resjek lebt mit seiner thailändischen Frau und Tochter in Hua Hin. Seine Kolumne „Thailand Mon Amour“ illustriert auf humorvolle Weise den Alltag im „Land des Lächelns“ aus der Sicht eines Farang und weist mit Augenzwinkern auf das Spannungsfeld der kulturellen Unterschiede und Ansichten hin, die sich im Familienalltag ergeben. Ein Clash der Kulturen der heiteren Art, witzig und prägnant auf den Punkt gebracht.