Träume

Träume

Ich träumte, ich hätte einen Wunsch frei, einen einzigen Wunsch. Um mich zu entscheiden, brauchte ich nur wenige Sekunden: Ich verordnete der Welt Frieden, andauernden Frieden. Aber als ich erwachte, musste ich erkennen, dass mein hoffnungsvoller Traum eine hoffnungslose Illusion gewesen war.

Kriege überall auf der Welt, und die Gefahr ist groß, dass daraus ein neuer Weltenbrand entsteht. Warum haben die Menschen, die letztlich über Krieg und Frieden entscheiden, immer noch nicht begriffen, dass Kriege immer nur zum Tod und zum Verderben ganzer Völker führen? Auch im eigenen Land.

„Nie wieder Krieg!“ diese Forderung, von aufrechten Pazifisten seit Hunderten, seit Tausenden Jahren immer wieder lautstark erhoben, wird mit einem zynischen Lächeln beantwortet: „Wir haben die Waffen. Wir haben die Macht. Wir werden sie einsetzen, und wir werden siegen.“

Was sind das für Siege, die auf den Gräbern der gefallenen Soldaten und Zivilisten gefeiert werden? Die Angehörigen der Opfer bereiten schon den Rachefeldzug vor. Eine Spirale der Gewalt schraubt sich immer höher. So wie die Waffen, die immer präziser, raffinierter und tödlicher werden, die längst in der Lage sind, die ganze Welt auszulöschen. Die Gefahr ist inzwischen zur Realität geworden. Die Länder rüsten wieder auf. Man redet schon von der letzten entscheidenden Schlacht. Was wird sie entscheiden? Den Untergang der Welt oder die Vorbereitung zum allerletzten Krieg?

Vor zwei Nächten war mein achtjähriger Enkel mitten in der Nacht aufgewacht und weinend in mein Schlafzimmer gekommen. Ich nahm ihn in die Arme. „Was ist denn geschehen, mein Schatz?“ Er drückte sich fest an mich, und ich spürte, dass er am ganzen Körper zitterte. „Opa, müssen wir bald alle sterben, wenn der Krieg zu uns kommt?“ Ich streichelte ihn und wischte ihm die Tränen ab. „Der Krieg ist weit weg, mein Schatz, er wird nicht zu uns kommen,“ versuchte ich ihn zu beruhigen. „Aber ich habe im Traum Drohnen und Flugzeuge und Bomben über unserem Haus gesehen.“ Er begann wieder zu weinen. Ich sagte: „Das war ein böser Traum. Der wird niemals wahr.“ Dabei sah ich, dass er mir nicht glaubte. Er merkte meiner Stimme an, dass ich meinen eigenen Worten nicht traute.

Am Abend zuvor hatten wir mit der ganzen Familie die Nachrichten im Fernsehen angeschaut, das die schrecklichen Bilder vom Krieg in der Ukraine, im Gaza-Streifen, im Sudan und im Kongo zeigte. Eine Parade des Grauens. Mein kleiner Enkel hatte mit entsetzten Augen gesehen, wie Bomber ihre tödliche Fracht abwarfen, wie Häuser einstürzten und weinende Menschen mit kleinen Kindern im Arm auf der Flucht waren. Er hatte mich stumm angesehen, war dann aus dem Zimmer gestürmt und hatte sich im Bad eingeschlossen. Ich hörte sein Wimmern, bat ihn herauszukommen und brachte ihn ins Bett. Ich habe ihn getröstet und gestreichelt bis er endlich eingeschlafen war. Aber die furchtbaren Bilder waren ihm in seine Träume gefolgt.

Jetzt stand er weinend und zitternd an meinem Bett. Ich zog ihn unter meine Decke und legte die Arme beschützend um ihn. „Ich will nicht schlafen, Opa,“ sagte er, „ich will, dass es keine Kriege mehr gibt. Ich will nicht, dass kleine Kinder sterben müssen, weil die großen Menschen sie mit ihren Bomben umbringen.“

Er wand sich aus meinen Armen, stieg aus dem Bett und wischte sich mit einem Taschentuch, das ich ihm gegeben hatte, die Tränen ab. Dann stand er vor meinem Bett, entschlossen und bewegungslos wie ein Denkmal und sah mich an:

„Opa, eigentlich ist es doch ganz einfach alle Kriege zu beenden. Wenn doch die meis­ten, die allermeisten Menschen den Frieden wollen, dann müssen sie sich nur zusammenschließen und Kriege verbieten. Wenn dann ein Land einen Krieg beginnt, werden alle anderen Länder dafür sorgen, dass er sofort beendet wird.“

Großartig, wie er das formuliert hatte. Lächelnd nahm ich ihn in meine Arme. „Eigentlich,“ sagte ich, „hast du völlig recht, und wenn du groß bist, dann wirst du dich mit allen Kindern vereinigen, die heute unter den Kriegen leiden, und dann macht ihr zusammen endlich den ewigen Frieden.“

Mein kleiner Pazifist nickte zufrieden: „Ja, genau so machen wir das, Opa.“ Er stieg zu mir ins Bett. Wir schliefen beide sofort ein und träumten uns den ewigen Frieden herbei.

Überzeugen Sie sich von unserem Online-Abo:
Die Druckausgabe als voll farbiges PDF-Magazin weltweit herunterladen, alle Artikel vollständig lesen, im Archiv stöbern und tagesaktuelle Nachrichten per E-Mail erhalten.

Sind Sie bereits Online-Abonnent? Lesen Sie die vollfarbige PDF-Ausgabe DER FARANG.