Thailand braucht Touristen. Thailand wirbt intensiv um Touristen. Thailand wünscht sich Qualitätstouristen. Aber Thailand kann sich seine Touristen nicht aussuchen.
Sie kommen aus aller Welt. Oft sind sie wenig oder überhaupt nicht vorbereitet auf dieses fremde exotische Land. Einige erleben einen Kulturschock, viele andere erliegen den Versuchungen von Alkohol, Sex oder Cannabis. Das führt häufig zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Thais und Ausländern. Die meisten Urlauber verbringen ihre Ferien hier unauffällig. Aber sind sie deshalb schon die ersehnten Qualitätstouristen? Eher nicht, denn diese Gattung wird vor allem daran gemessen, wieviel Geld sie täglich in die thailändische Wirtschaft pumpt. Chinesen sind in der Regel sparsamer als Europäer. Mehrfach habe ich beobachtet, wie chinesische Familien im Hotel die Reste des Frühstückbuffets einpackten, um sie als Lunch an der Beach zu verzehren. So wird man natürlich kein Qualitätstourist. Das gilt ebenso für Europäer, die laut tönen: „Wer soviel Geld nach Thailand bringt wie ich, der kann im Urlaub machen was er will.“ Aber da irrt Mister Euro, denn die Thailändische Touristenbehörde (TAT) wirbt mit dem Motto: „Value over Volume“ (Wert über Masse). Das haben offensichtlich nicht alle Farangs verstanden, die davon ausgehen, dass hierzulande alles käuflich ist. Natürlich will man möglichst viel Geld durch sie einnehmen, aber zugleich wird erwartet, dass sie sich respektvoll an die Sitten und Gebräuche dieses Landes halten. Jeder Eklat, egal ob er von Thais oder von Touris ausgeht, ist einer zu viel. Die thailändischen Behörden wissen um die vielen Mitbewerber, die in Südostasien um westliche Touristen kämpfen und sind deshalb auf den guten Ruf des Landes bedacht. Als oberstes Gebot gilt ihnen die Sicherheit der Gäste. Alles, was diese Sicherheit stören könnte, würde man gerne lautlos entfernen, ebenso wie man die allgegenwärtige Prostitution in den Touristen-Hotspots gerne totschweigt, um das Image eines familienfreundlichen Gastgeberlandes zu vermitteln. Aber die Realität lässt sich nur schwer kaschieren, und eine freie Presse lässt sich nicht mundtot machen.
Bislang hält der Touristenstrom in Thailand an, wenn auch nicht in der gewünschten Form. „Man muss eben nehmen was kommt,“ lautet die lakonische Einsicht, und ist schon froh, wenn sich nicht allzu viele zwielichtige Gestalten unter die Touristen mischen. Thailand ist eine gastfreundliche Nation, auch wenn einigen Thais manchmal das Lächeln im Gesicht gefriert, wenn sie sehen, wie gewisse Typen sich hier aufführen. Bei aller Toleranz, aber auf diese Herrschaften würde man gerne verzichten. Die Überfälle, Diebstähle und Schlägereien, über die in den Online-Nachrichten des FARANG täglich berichtet wird, darf man aber nicht allein den Touristen in die Schuhe schieben. Einheimische sind daran ebenso beteiligt, nur kann man sie nicht einfach ausweisen wie unliebsame Touristen, die nicht begriffen haben, dass Thailand ein Königreich ist, das auf eine lange stolze Kultur zurückblickt.
Vielen Urlaubern erscheint es wie ein Paradies. Ich hoffe, dass es noch lange so bleibt, denn ich habe einen deutschen Pass, aber ein thailändisches Herz. Bin ich deshalb schon ein Qualitätstourist? Bei meinem ersten Besuch in Thailand im Jahr 1985, nachdem ich allen umliegenden Ländern einen Kurzbesuch abgestattet hatte, habe ich mich in dieses Land verliebt, wenn auch nicht ohne Brüche: Ich lernte Thais kennen, die mein Vertrauen ausgenutzt und mich betrogen haben. Aber letztendlich überwogen Einheimische, die mir mit Sympathie begegnet sind, die zu meinen Freunden wurden. Eine Frage höre ich immer wieder: Was ist für dich so bedeutsam an Thailand? Nun, das fängt schon mit dem Wetter an. Fast täglich scheint hier die Sonne, die Temperaturen hier direkt am Golf empfinde ich als höchst angenehm. Und dann liebe ich Thai-Food. Die Annäherung an die scharfen Speisen hatte damit zu tun, dass meine Geruchs- und Geschmacksnerven durch einen Unfall fast völlig zerstört worden waren. Aber die scharfen Thai-Gerichte kann ich noch schmecken und genießen. Die Freundlichkeit und die Toleranz der meisten Thais sind für mich von großer Bedeutung. Im Laufe der vielen Jahre habe ich hier mehr Beispiele thailändischer Gastlichkeit, Freundschaft, Hilfsbereitschaft und Dankbarkeit erfahren als je zuvor. Ich liebe die Ästhetik der Thais, ihren Sinn für Schönheit und Ausgeglichenheit. Ich habe Freude, wenn ich sehe, wie sie ihr Leben genießen. Sie arbeiten, essen und trinken am liebsten in Gesellschaft, sie meiden Gesprächsthemen, die zum Streit führen können und lieben Harmonie und Gelassenheit.
War es Schicksal oder Fügung, dass ich, der ernste, preußisch erzogene Farang hier in Thailand seinen Sehnsuchtsort fand?
Dieses Land hat mich verändert. Mein Leben hat neue Bedürfnisse und Ziele gefunden, die mit dem Buddhismus zu tun haben. Nein, ich bin kein Buddhist geworden, so wenig wie ich ein überzeugter Christ bin. Aber für die buddhistische Philosophie bin ich ebenso aufgeschlossen wie für die Bergpredigt im Neuen Testament. Göttlich ist für mich die Natur.
Habe ich etwas vergessen? Die Schönheit des Landes gilt es zu preisen, die goldenen Tempel und Pagoden, ganz abgesehen von den Lebenshaltungskosten, die sich weit unter denen in Deutschland bewegen. Hier können Rentner mit umgerechnet etwa 1.000 Euro sogar anständig leben.
Natürlich wäre es ein Leichtes, negative Dinge über meine zweite Heimat zu berichten, über Korruption, Kriminalität und über das Verkehrschaos, dem monatlich doppelt so viele Menschen zum Opfer fallen, wie in Deutschland pro Jahr. Ich erspare es mir, da es meiner Ansicht nach keine
Alleinstellungsmerkmale dieses Landes sind.
Mein Blick ist auf die angenehmen Seiten Thailands gerichtet. Mag sein, dass dadurch die Objektivität leidet, aber das kann meine Euphorie nicht mindern.
Wer liebt, der ist sowieso nicht zu retten.