Mein „bester Freund“ (Satire)

Mein „bester Freund“ (Satire)

Er schwächelte schon seit einiger Zeit, aber damit konnte ich leben. Jetzt hat er seine aktive Unterstützung völlig eingestellt. In meiner Hose rührt sich nichts mehr. Da bleibt mir nur eines, und das habe ich heute endgültig vollzogen: Ich habe ihm meine Freundschaft gekündigt.

„So nicht, mein Freund,“ sagte ich zu ihm, „gerade in Notzeiten beweist sich wahre Freundschaft. Aber was machst du? Du verlässt mich, während ich hilflos nach Stecken und Stab suche.“

Er wirkte zerknirscht, wurde immer kleiner unter seinem weichen Hut. Trotzdem raffte er sich zu einer Verteidigungsrede auf, ohne sich dabei aufzurichten:

„Du bist ungerecht,“ sagte er, „undankbar und vergesslich. Seit deiner frühen Jugend war ich immer für dich da. Aber eigentlich war ich – in deinen Augen - nie dein Freund, eher so etwas wie ein leitender Angestellter, von dem ständige Dienstbereitschaft gefordert wurde. Während du es dir gut gehen ließest, mit schönen Frauen gefeiert hast, gute Speisen und dem Wein zugetan warst, musste ich in Dauerbereitschaft für dich sein. Hast du jemals daran gedacht, dass ich mit meinen engsten Verwandten Tag und Nacht an der Arbeit war, um millionenfach zu produzieren, was du sinnlos verschleudert hast? Oh nein, der Herr hat gefeiert und dabei schon sein nächstes Abenteuer im Auge gehabt.“

„Genug!“ schrie ich, „was maßt du dir an? Wer ist hier der Koch, und wer ist der Kellner? Außerdem hast du in all den Jahren mit mir doch auch deinen Spaß gehabt.“

„Das glaubst auch nur du,“ erwiderte er ziemlich erbost, „Wie oft war ich am Rande der totalen Erschöpfung. Das hat dich niemals interessiert. Ich musste permanent in Einsatzbereitschaft sein und weiter schuften auf Gedeih und Verderb.“

„Nun mach mal halblang, mein lieber Johannes...,“

Er unterbrach mich kichernd: „Das mach ich doch schon lange.“

Ich wurde wütend: „Quatsch nicht dazwischen, wenn ich über Probleme spreche, die mein Leben vom Kopf auf die Füße stellen.“

„Du meinst, von unten nach oben,“ schnitt er mir erneut das Wort ab. „Das wird auch höchste Zeit. Vielleicht bequemst du dich mal, nachzurechnen, wie viele Jahre ich ohne Dank und Salär für dich im Einsatz war, sozusagen als Pfadfinder – allzeit bereit.“

Ich sprang auf, das heißt, ich versuchte aufzuspringen, aber mein Rücken...

Trotzdem entgegnete ich mit voller Überzeugung: „Du hast nichts anderes getan, als deine verdammte Pflicht und Schuldigkeit zu erfüllen. Ich war dir immer ein guter Kamerad. Ich habe dich gepflegt, behütet und vor Krankheiten bewahrt. Und wie behandelst du mich jetzt im Alter, wo ich dich am meisten vermisse? Mit totaler Arbeitsverweigerung. Du bist ein Abtrünniger geworden, ein Verräter nach all den guten Jahren, die wir gemeinsam erlebt haben.“

Ich war verwundert, dass er diesmal den Mund hielt. Hatten meine Argumente ihn überzeugt von seiner Treulosigkeit?

Aber dann hörte ich leise Schnarchgeräusche.

Er war eingeschlafen.

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