HOKUSPOKUS

Entschuldigung, wenn ich es so deutlich sage: Meine Alte spinnt. Gerade habe ich erfahren, dass sie regelmäßig eine sogenannte Hellseherin aufsucht, die ihr Geschichten über mich erzählt, an die sie dann auch glaubt. Kein Wunder, dass sie zu Hause nur noch Trübsal bläst. Die Frau, die auf einer Matte vorm Eingang zum Tempel sitzt, nennt sich Elvira, ist übergewichtig, etwa 60 Jahre alt und versucht, den Eindruck zu vermitteln, im Einklang mit den Geistern zu leben. In meinen Augen eine geldgeile Betrügerin. Ich besuche sie anonym, sie kennt mich nicht und weiß nichts von mir.

"Bitte nehmen Sie Platz. Ich werde Ihnen Ihr Schicksal voraussagen", sagt sie, "zuvor bitte ich um den Kostenbeitrag von 500 Baht." "Ist das nicht etwas überteuert?" frage ich.

"Nein", antwortet sie, "ich gebe den größten Teil weiter an die Geister, die mir helfen, Ihre Zukunft zu erkennen." "Clever", sage ich zu mir und fühle mich in der Einschätzung dieser Frau voll bestätigt.

Dann fragt sie mich, woher ich komme, seit wann ich hier in Thailand lebe, wie alt ich bin und ob ich verheiratet sei.

Natürlich sage ich ihr nicht die ganze Wahrheit. Jetzt soll sie mir mal einiges erzählen, und das tut sie dann auch. Während sie eine Kerze anzündet und die Karten mischt, sagt sie den ersten Satz, der mich fast umhaut:

"Sie sind ein ganz besonderer Mensch." Das ist wirklich ihrem Preis angemessen. Dann sagt sie: "Sie sind Ausländer mit einem Hang nach Thailand." Ich kann ihr nicht widersprechen. "Sie werden bald eine Thailänderin kennen lernen, die Ihnen sehr nahe kommt." Okay, das wäre hier ziemlich wahrscheinlich, wenn ich nicht schon verheiratet wäre. Ob sie sonst noch was auf Lager hat für die 500 Baht? Ja. "Gehen Sie nie an einem Montag zum Friseur oder zur Maniküre."

"Warum?" "Der Montag ist für Sie ein gefährlicher Tag. Aber hier sehe ich etwas sehr Positives: Sie werden Ihre Thai-Freundin heiraten und mit ihr zwei Kinder haben, einen Jungen und ein Mädchen."

"In meinem Alter?" "Ja, Sie werden sehr alt und die Hochzeit Ihrer Kinder noch selbst miterleben." Als ich meiner Herzallerliebsten erzählte, was diese selbsternannte Hellseherin mir prophezeit hatte, war sie doch mehr als erstaunt. Und als ich ihr dann vorschlug: "Ja, dann lass uns mal damit beginnen, einen Sohn und eine Tochter zu zeugen", war sie völlig "neben der Kapp." "Aber deine Hellseherin…", sagte ich.

"Callolo, seit gestern habe ich eine neue."

"Und was hat die gesagt?"

"Sie verlangt doppelt so viel Geld wie Khun Elvira, aber sie sagt, umso mehr kann sie mir helfen zu einem glücklichen und erfüllten Leben."

Mir kommt dieser Hokuspokus langsam zum Hals hoch. Ich unterdrücke gerade noch, was ich dazu sagen wollte, aber als ich meinen Freunden am Stammtisch diese Geschichte erzähle, bekomme ich zur Antwort: "Aber das kennen wir doch auch von unseren Frauen. Die haben nichts anderes im Kopf als ihre Gespenstergeschichten. Die spinnen, alle, ohne Ausnahme.

Du wirst Dich daran gewöhnen müssen, Carolus."

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