Wenn die Diagnose kommt: Alzheimer

Das Alzheimerzentrum Baan Kamlangchay in Chiang Mai. Die persönliche Betreuung erfolgt rund um die Uhr.

Carlos hat dieses Thema schon früher einmal angesprochen. Dadurch, dass der bekannte deutsche Fußballer und Schalke 04 - Manager Rudi Assauer seine Erkrankung in die Öffentlichkeit brachte, ist dieses Thema bundesweit bekannt geworden. Margaret Thatcher, Ronald Reagan oder Walter Jens ist diese Aufmerksamkeit jedenfalls nicht zuteil geworden.

Die Welt schaut auf die Tüchtigen, auf die Erfolgreichen, auf die lächelnden Siegertypen. Verlierer haben in dieser Welt keinen Platz. Sie werden nicht gebraucht. Sie stören.

Frieder ist so ein Störer, einer, der nicht mehr lächelt. Es kam leise und geräuschlos auf ihn zu: Ein paar Erinnerungslücken, leichte Ausfälle, Namen fehlten plötzlich und Begriffe. Und dann kam die Diagnose: Alzheimer. Seitdem ist sein Leben ein Sturzflug. Noch hat er zwischendurch lichte Momente. Noch hat er genug Geld, um eine Thai-Frau zu bezahlen, die sich, so gut sie kann, um ihn kümmert. Und noch hat er ein paar Freunde, die gelegentlich nach ihm sehen.

Aber wie lange kann das noch gut gehen? Er hat keine Familienangehörigen. Er hat sich in Deutschland abgemeldet, lebt hier in Thailand von einer Rente in einem angemieteten Apartment, Frieder ist 77 Jahre alt, war Kapitän und hat in seinen guten Jahren gutes Geld verdient. Das schmilzt jetzt dahin. Und jeder, der ihn kennt, fragt sich: Wie soll das weitergehen? Hier gibt es für ihn weder ein Altersheim noch eine Versorgungsstation für Demente.

Für Carlos ist das eine unvorstellbare Situation. Hunderttausende alte Menschen aus Europa leben hier. Sie alle werden irgendwann Pflege brauchen, viele jetzt schon. Viele von ihnen werden hilflos werden, ohne Familienanhang sein und angewiesen auf fremde Hilfe.

Die Kernschmelze ist schon da

Warum begreifen die reichen thailändischen Geschäftsleute nicht, welche Einnahmequelle sie ignorieren? Stattdessen ziehen sie ein Condominium nach dem anderen hoch, die dann alle jahrelang leer stehen, unverkäuflich sind und auch keine Mieter finden.

Hier ist ein Markt, Leute! Bitte, begreift das doch endlich!

Der Schweizer, der in der Nähe von Chiang Mai ein kleines Projekt für zehn Alzheimerpatienten gegründet hat, lebt davon – nicht schlecht – und kann sich vor Anfragen kaum retten.

Wo sind die Thais, die doch angeblich ein so gutes Gespür für neue Geschäftsideen haben? Noch ein IT-Shop, noch ein Massagesalon noch ein Brillengeschäft oder eine Apotheke. Es grenzt doch schon fast an Lächerlichkeit, wie diese "Marktstrategen" sich gegenseitig das Wasser abgraben. Notwendige Investitionen in lohnende Märkte werden dabei übersehen.

Frieder ist kein Einzelfall in Thailand. Natürlich, er könnte als Deutscher jederzeit in seine Heimat zurückkehren. Er würde einen Pflegeplatz finden, und wenn sein kleines Vermögen aufgebraucht ist, dann würde er vom Staat versorgt werden. Aber dagegen sträubt er sich. Er kennt Pflegeheime in Deutschland durch Verwandte, die er früher besuchte, als sie dort eingewiesen wurden, mit oder gegen ihren Willen.

"Nein", sagt er, "dahin gehe ich nicht. Dann springe ich lieber vorher aus dem Fenster".

Sollte das die Lösung sein?

Wir brauchen dringend Altersheime für die vielen hier lebenden alleinstehenden Expats. Und wir brauchen Pflegeheime für alte Menschen, die nicht mehr in der Lage sind, ihr eigenes Leben zu gestalten. Für alte Thais ist das seltener ein Problem, da sie immer noch größtenteils in Großfamilien leben, wo für sie gesorgt wird. Aber auch hier ändern sich die Verhältnisse.

Mit Heimen allein ist es nicht getan

Es bedarf auch der Pflegekräfte, und daran wird es zunächst mangeln. Einen alten Menschen zu füttern oder auszuführen ist eine Sache, ihn bei seiner Inkontinenz und seinen Darmproblemen zu säubern eine andere. Und damit allein ist es noch lange nicht getan. Dieser alte Mensch will ja auch noch in seiner Würde akzeptiert werden. Er braucht Zuneigung und menschliche Wärme, er will in seiner ihm selbst fremden Welt ernst genommen werden, vielleicht sogar geliebt. Er möchte, dass der Rest Mensch, der noch in ihm lebt, beachtet und respektiert wird. Für das Pflegepersonal ganz sicher keine einfache Aufgabe. Es wird Zeit, mit der Ausbildung zu beginnen. Thai-Frauen sind für diese Arbeit sicher gut geeignet. Ihre natürliche Freundlichkeit, ihr Einfühlungsvermögen, die Achtung vor älteren Menschen und ihr Pragmatismus sind beste Voraussetzungen für diesen Beruf, der sicherlich auch nicht schlecht bezahlt wird.

Leider fehlt bisher das Pflegepersonal

Frieder könnte sich solch eine Pflege leisten, die vielleicht zwischen 1.500 und 2.000 Euro kosten würde. In Deutschland wäre der Preis dafür mindestens doppelt so hoch.

Wenn man nach Chiang Mai schaut, wo sich drei oder vier Pflegerinnen abwechselnd um einen Patienten kümmern, dann ahnt man, was hier möglich wäre.

Ob Frieder das noch erlebt, wagt Carlos zu bezweifeln. Aber dass dieser Markt (Carlos weiß, wie kalt dieses Wort klingt) demnächst bedient wird, daran hat er nicht den geringsten Zweifel. Wenn die Thais nicht endlich begreifen, welche Chance sie sich entgehen lassen, dann werden Ausländer zugreifen: Chinesen, Koreaner, aber auch Deutsche, Schweizer oder Briten. Und die Pflegerinnen holen sie sich dann von den Philippinen.

Es heißt so schön: Jeder Markt schafft sich seine Konsumenten. Aber in diesem Fall sind die längst da.

Carlos hofft, dass es dann nicht nur um Konsum und Verdienst geht, sondern auch darum, Nächstenliebe zu praktizieren, gleichzeitig das Karma zu verbessern und vielleicht auch darum, darauf zu hoffen, dass, wenn man selbst einmal auf diese Hilfe angewiesen sein sollte, diese auch erfährt.

PS: Falls Sie wissen, wo es Heime für demenzkranke Menschen in Thailand gibt, teilen Sie es bitte dem FARANG mit.

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