Utopien dauern etwas länger

Utopien dauern etwas länger

Noch kuschen die Kinder vor der Macht der Lehrer, bleiben unterwürfig und gehorsam. Aber das wird nicht so bleiben. Foto: bj

Thailand gehört zu den sogenannten Tigerstaaten, deren oberstes Ziel es ist, in die neue, in die moderne Welt aufzusteigen, möglichst Aufnahme in der Ersten Welt zu finden. Dieser Utopie hängt das Land schon seit vielen Jahren an. Aber jetzt musste die Regierung zugeben, dass die Wachstumsziele von jährlich fünf Prozent die der 10. nationale, ökonomische und soziale Entwicklungsplan seit sechs Jahren vorgegeben hatte, seit sechs Jahren nicht erreicht worden sind. Ausreden dafür gibt es reichlich und sind im Dutzend billiger zu haben.

Und jetzt? Bei genauem Hinsehen tun sich überall Defizite auf. Carlos meint, den Vogel hat dabei der Parlamentsabgeordnete der regierenden Puea Thai-Partei abgeschossen, Sunai Jalphongsathorn, der die jungen Frauen im Isaan aufgefordert hat, sich einen reichen Farang zu angeln, der dafür sorgen wird, dass es ihnen besser geht.

Das große Los ist zumeist etwas bejahrter

Carlos war gerade außer Landes und hat nur nebenbei davon erfahren.

Carlos glaubte das zuerst nicht. Das konnte doch nur ein Witz sein - oder? Nein, es war leider so. Unfassbar, aber wahr.

Carlos erinnerte sich gleichzeitig an die Armut in Deutschland nach dem letzten Weltkrieg. Die jungen deutschen Damen, die sich für Seidenstrümpfe, Schokolade und Zigaretten mit den Besatzern einließen, wurden als Ami-Liebchen oder Niggerhuren bezeichnet. Sie wurden verachtet. Vielleicht beneidete der eine oder andere sie um die Geschenke, die sie erhielten, aber in der Gesellschaft galten sie als Ausgestoßene.

Dann kehrten die Soldaten in ihre Heimat zurück, und ihre Geliebten, die hier in Deutschland blieben, hatten mit ihren oft dunkelhäutigen Babys nichts zu lachen. Was damals die Besatzer in Europa waren, sind heute die Expats und Langzeittouristen in Thailand. Die jungen Damen kommen vorwiegend aus dem armen Nordosten des Landes, aus dem Isaan. Und oft kommen sie mit dem Segen der Eltern in die südlichen Touristenzentren, um hier ihr Glück zu machen. Glück zu machen heißt hier Geld zu verdienen oder das große Los zu ziehen. Das große Los ist in der Regel schon etwas bejahrter, heißt Jean, Franz, Heinz oder Lars und kommt meistens aus Europa.

Diese Glücksritter sind gut betucht oder zumindest ausreichend finanziell ausgestattet, um einem armen Thai-Mädchen das Paradies vorzugaukeln. Dann kommt es für die Thailadies darauf an, aus dieser Liaison eine feste Beziehung zu machen, das heißt so viel wie daraus einen dauerhaften Finanzstrom herzustellen. Wenn es dem Mädchen gelingt, den Farang in ihre Heimat, zu ihrer Familie zu locken, dann ist der Sieg schon nahe, und das ganze Elend wird sich auflösen. Denn nun hat der verliebte Farang nicht nur seine Mai oder Ling oder Noy am Hals, sondern die ganze Familie, genauer die Großfamilie, denn die erwartet, künftig von dem Schwiegersohn nach besten Kräften unterstützt zu werden. Das ganze Dorf beneidet diese Familie, und kämen jetzt nicht bald ein Kühlschrank, ein Fernseher, ein Motorrad ein Auto oder ein neues Haus, dann würde diese Familie ihr Gesicht verlieren - was etwa vergleichbar wäre mit einem verlassenen deutschen Mädel nach dem Krieg mit seinem Negerbalg.

Und diese Art der Geldbeschaffung scheint ja auch einigen Großkopferten in diesem Land als Ausweg aus der wirtschaftlichen Misere zu gefallen.

Dass ihr Vorschlag nahe an der Prostitution angesiedelt ist, die in Thailand verboten ist, scheint sie nicht weiter zu beunruhigen. Statt eine gescheite Altersvorsorge aufzubauen oder eine Krankenversicherung, die diesen Namen verdient, empfehlen sie, sich einen ausländischen Versorger anzulachen. Entsetzlich!

Sie selbst haben damit ja keine Probleme, denn sie sind hochbezahlte Beamte und verfügen darüber hinaus über Hosen, in die ihre privaten Schneider hundert Taschen eingenäht haben, die offen sind sowohl für Thais als auch für Farangs.

Angeblich hat die Regierung viele Missstände inzwischen erkannt und will die Bildungschancen der ärmeren Schicht auf dem Lande verbessern. Der Plan dafür ist allerdings mehr als bescheuert. Während ein Großteil des jährlichen Budgets in Höhe von 400 Milliarden Baht für die Schüler bereitgestellt wird, sollen stattdessen die Gehälter der Lehrer eingespart werden sowie die Betriebs- und Instandhaltungskosten der Schulen. Dabei sind die schlecht ausgebildeten Lehrer auf dem Lande hier so miserabel bezahlt, dass sie jedem schlechten Schüler eine gute Note geben, wenn sie dafür von den Eltern geschmiert werden. Sind das die Perspektiven für die Zukunft?

Carlos liebt dieses Land und seine Menschen, die immer noch dumm gehalten werden, die immer noch nicht wissen, warum es so ist. Immer noch kuschen die Kinder vor der Macht der Lehrer, bleiben unterwürfig und gehorsam. Aber das wird nicht so bleiben.

Kreativität & Bildung anstatt Prostitution

Carlos wünscht diesem Land Prosperität und eine Zukunft aus eigener Kraft, eine Entwicklung, die auf der Bildung der Jugend aufbaut, auf Kreativität und auf Produktivität besteht.

Und während er noch davon träumt, kommt eine gutaussehende junge Frau auf ihn zu und sagt zu ihm: "Hallo, Sir, I want to stay with you." Und da wird Carlos schlagartig klar, dass seine Utopie von einem neuen, sich frei entwickelnden und selbstbestimmten Thailand wohl noch etwas länger dauern wird.

Der Tiger auf dem großen Sprung landet wahrscheinlich zuerst im Bett der Farangs.

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