Eurokrise und Zukunftsangst

Haben Sie noch den Durchblick? Verstehen Sie noch das Kauderwelsch, mit dem wir zugeschüttet werden, um uns möglichst doof zu halten?

Da ist die Euro-Krise, die Griechenland-Krise, die Krise der PIGS, da sind Euro-Bonds, Leerverkäufe, Resolvenz, Insolvenz und Rettungsschirme, es gibt den Hebel (bis zu einer Billion), den Haircut, Transferunion und Währungsunion, und, um es babylonisch zu vollenden, gibt es EZB, ESM, EFSM, IWF, ESM, BIP, IIF, USW, USF. Total verrückt.

Carlos hat den Durchblick längst verloren. Er fühlt sich nur noch verarscht von Politikern, denn die wissen nicht was sie tun, und sie wissen auch nicht weiter.

Misstrauen und Angst verbreiten sich

Gleiches gilt wahrscheinlich auch für Millionen Menschen weltweit und nicht zuletzt für die Rentner in Thailand, die hier leben und auf das Altersgeld angewiesen sind – so wie Carlos.

Überall verbreiten sich Misstrauen und Angst. All die Milliarden, die Griechenland sanieren sollen, werden irgendwann fehlen, um die Renten noch auszahlen zu können, befürchten viele ältere Farangs, die sich immer noch gerne an die harte D-Mark erinnern.

"Keinen Cent bekomme ich vom deutschen Staat, wenn ich morgen pleite bin", empört sich der 64jährige Unternehmer Kurt, der hier in Chonburi seit Jahren eine Werkstatt für Glasprodukte aufgebaut hat. "Aber die Griechen – nun ja, ich kann sie sowieso nicht riechen. Die haben uns nach Strich und Faden beschissen, und jetzt kriegen sie die Millionen und Milliarden in den Arsch gepustet."

Der Versuch von Carlos, mit Rentnern über ihre Altersversorgung zu sprechen, gestaltet sich schwierig, weil eigentlich jeder ein Sonderfall ist.

Peter fürchtet, dass der Euro auf Talfahrt geht, was bedeutet, dass seine Rente weniger wird.

Aber als Ingenieur hat er sich bei reichen Yachtbesitzern verdingt. Sein Nebenverdienst wird dafür sorgen, dass er auch europäische Abschläge überleben wird.

Bei Joachim ist es anders: Noch vor einem Jahr konnte er seine Rente zu einem günstigen Kurs umtauschen, der um 10% höher lag.

Carlos hat ihn gefragt, wie er dieses Minus kompensiert.

"Früher ging ich jeden Abend in ein Thai-Restaurant zum Essen. Einfach und billig. Aber das kann ich mir jetzt auch nicht mehr leisten. Jetzt bleibe ich drei Tage pro Woche daheim und koche für mich. Damit spare ich den Verlust ein."

"Was glauben Sie, wie der Euro sich entwickeln wird?"

"Da bin ich total pessimis-tisch. Irgendwann landet der Kurs bei 30.000 Baht für 1.000 Euro. Dann ist auch mein Leben hier nicht mehr möglich."

Carlos trifft eine Rentnerin, die seit vier Jahren hier lebt, nach Scheidung, alleinstehend, Rente minimal, aber zurzeit noch gerade ausreichend.

"Natürlich habe ich Angst, dass der Euro noch teurer wird", sagt sie. "Wenn ich lese, wie all die reichen Glücksritter ihr Geld ins Ausland transferieren, während wir Milliarden und Abermilliarden nach Griechenland pumpen, dann könnte ich verrückt werden."

Jeder Experte hat eine andere Meinung

Alfons, mit dem Carlos gestern sprach, kam seiner Ansicht am nächsten. Er sagte:

"Das ganze Finanzgeflecht ist total unübersichtlich. Ich verstehe es nicht. Ich weiß nicht, ob Euro-Bonds oder eine Entschuldung oder weitere Milliarden die richtige Lösung sind. Jeden Tag höre ich Wissenschaftler, Finanzexperten und Politiker, alle haben eine andere Meinung."

Das Angstgespenst geht um, und keiner weiß, wie es weiter- geht.

Carlos meint, wenn das Euro-Experiment scheitert, wäre das ein furchtbarer Rückschlag für all die demokratischen Anstrengungen der europäischen Länder. Er hatte und er hat immer auf die Vereinigten Staaten von Europa gesetzt. Allerdings mit festen Regeln und der Möglichkeit, diese auch durchzusetzen. Er ist auch heute noch davon überzeugt, dass in einer globalisierten Welt nur eine wirtschaftliche und finanzpolitische Gemeinschaft aller europäischen Länder das ausgleichende Gegengewicht zu Asien und den USA darstellen kann, auch wenn das vielen nicht gefällt, die um ihre nationale Eigenart fürchten. Die wird, die kann und die soll bestehen bleiben. Es gibt so viele Felder, auf denen die Nationalstaaten sich austoben können. Vom Bildungs- bis zum Gesundheitswesen bleibt noch genug zu tun. Aber die Vereinigten Staaten von Europa müssen kommen! Und sie werden kommen!

Um die sichere Rente macht Carlos sich deshalb keine Sorgen – jedenfalls nicht für die jetzige Rentner-Generation.

Aber danach? Seine Enkel tun ihm jetzt schon leid.

Aber die gehen gerade weltweit auf die Straßen, sagen den Banken den Krieg an und haben in der Bevölkerung volle Rückendeckung: Okkupied Wallstreet, Madrid, London, Frankfurt…

Es tut sich was. Die globale Welt ist im Wandel, weil alle wissen, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann.

Und vielleicht erreichen die Enkel ja, dass die Welt von morgen gerechter wird.

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