Ich begegnete ihr an der Beach. Sie saß auf einem Badetuch im Sand vor einem aufgeklappten PC. „Kannst du mir bitte Feuer geben?“ Sie hielt mir ein Zigarette entgegen. „Sorry, ich bin Nichtraucher. Aber ich besorge dir Streichhölzer.“ Ich eilte zum nächsten 7-Eleven-Markt.
„Thank you very much. My name is Eireen.“ Ich ergreife ihre Hand, die sie mir entgegenstreckt. „Where you come from?“ „From Scotland. Aber ich spreche auch Deutsch. Mein Vater stammt aus Köln.“
Sie lädt mich ein, mich neben sie auf das Badetuch zu setzen und klappt ihren PC zu. „Ich habe gerade einen Auftrag abgeschlossen,“ sagt sie. Ich schaue sie fragend an.
„Ich bin Freelancerin. Die Arbeiten, die andere im Home-Office erledigen, kann ich überall auf der Welt ausführen, ohne dass meine Auftraggeber wissen, wo ich mich gerade befinde.“
Mein Blick verrät ihr meine Bewunderung. Deshalb ergänzt sie: „Auf diese Weise lerne ich viele Länder kennen und verdiene nebenbei meinen Lebensunterhalt.“
„Großartig“ sage ich, und vielleicht liegt auch ein wenig Neid in meiner Stimme. „Welche Chancen die Technik der jungen Generation bietet. An solche Möglichkeiten habe ich in meiner Jugend nicht einmal zu träumen gewagt. Und wo schläfst du?“
Sie lächelt: „Es gibt in allen zivilisierten Ländern Unterkünfte für Freelancer, wo man sich mit Gleichgesinnten treffen und austauschen kann. Manchmal schlafe ich in einfachen Gästehäusern.“
„Und immer allein?“
„Meistens“
„Hast du keine Angst?“
„Nein, wovor sollte ich Angst haben?“ „Für ein so hübsches junges Mädchen sollte es Gründe genug geben.“
„Ich kann schon auf mich aufpassen. Im Notfall habe ich diese Waffe.“ Sie zeigt mir eine kleine Dose Pfefferspray, „Hoffentlich musst du es nie anwenden.“
Mit lautem Krachen braust ein Motorrad vorbei. Ich verstehe nicht, was Eireen sagt. Mir entfährt das Wort „Idiot“ für diesen rücksichtslosen Zeitgenossen. Dann frage ich sie, wie lange sie sich schon in Thailand, in Pattaya aufhält.
„Seit gestern.“
„Dann hast du ja noch nichts von der Stadt gesehen. Wenn du magst, zeige ich dir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten.“ „Das ist sehr nett von dir. Aber vorher möchte ich mich etwas erfrischen und umziehen.“
„Okay. Ich warte hier auf dich.“ Nach zwanzig Minuten ist sie wieder da: Jeans, eine weiße Bluse, Turnschuhe.
„Auf geht’s.“
Ein sehr sympathisches, patentes und gut aussehendes Mädchen, denke ich. „Wie alt bist du, Eireen?“ Sie schaut mich verschmitzt an. „Rate mal.“ Ich schätze sie auf zweiundzwanzig Jahre.
„Falsch. Gestern bin ich neunundzwanzig Jahre alt geworden.“ „Kaum zu glauben. Herzlichen Glückwunsch nachträglich.“
Wir machen uns auf den Weg. Erste Adresse ist der Big Buddha auf dem Pattaya Hill, wo wir die Ansicht über die weite Bucht bis zum Horizont genießen. In der Ferne ein kleiner Punkt im gleißenden Sonnenlicht: Das „Heiligtum der Wahrheit“, ein hölzernes Bauwerk, das wir später auch noch besichtigen werden. Aber zuerst lade ich Eireen in ein Café am Berg ein. Ihr Blick gleitet versonnen über das Meer. „Wie lange wirst du in Pattaya bleiben?“ „Morgen fahre ich mit einem Boot von Bangkok nach Ayutthaya.“
„Ein Tagesausflug?“
„Ja, ich bin eine digitale Nomadin. Mich hält es nirgendwo lange. Dort treffe ich eine Freundin, mit der ich nach nach Vientiane in Laos reisen werde und von dort aus über den Mekong nach Kambodscha.“ „Darf ich dich fragen, wie du das alles finanzierst?“
„Kein Problem. Meine Auftraggeber überweisen mein Honorar auf mein Konto in Schottland, und mit meiner Kreditkarte kann ich von jedem Automaten Geld abheben.“ „Brauchst du denn keine Arbeitsgenehmigung in den jeweiligen Ländern?“
Eireen lacht. „Wer wollte mir nachweisen, dass ich hier für Geld arbeite?“ „Mir scheint, du hast wirklich einen idealen Job. Ich kann dich dazu nur beglückwünschen.“
Wir besichtigen den Haupttempel der Stadt, den Wat Chai Mongkhon in der South Pattaya Road und Mini-Siam, bevor wir zum „Sanctuary of Truth“ fahren, dem größten hölzernen Bauwerk Thailands, das ohne einen einzigen Nagel errichtet wurde. Über Koh Larn versinkt langsam in einem prächtigen Feuerzauber die Sonne.
„Schade, ich hätte dir so gerne noch das Riesen-Aquarium gezeigt und Nong Nooch Village, den wunderschönen Orchideenpark, aber die liegen etwas außerhalb, und dafür braucht man auch einen ganzen Tag.“
Eireen strahlt mich an: „Die besuchen wir das nächste Mal.“ Ich überlege, ob ich sie zum Abendessen einladen soll, doch sie kommt mir zuvor: „Ich möchte mich bei dir dafür bedanken, dass du dir soviel Zeit für mich genommen hast.“ Und dann entführt sie mich in ein kleines Bistro in der Soi Yamato. Während sie noch die Speisekarte studiert, entdecke ich den goldenen Buddha-Anhänger, der bisher von ihrer Bluse bedeckt war.
„Bist du Buddhistin?“
Sie schüttelt den Kopf: „Ich bin alles und nichts, ein Freigeist. Ich habe mir aus allen Religionen und Philosophien das Passende für mich ausgesucht. Ich versuche, die Tugenden aus der Bergpredigt ebenso zu befolgen wie die moralischen Gebote Buddhas oder des Lao Tse. Die Betonung liegt bei: ich versuche.“
Das gefällt mir. „Dann kannst du kein schlechter Mensch sein.“ Wir genießen in bester Stimmung unser Dinner und trinken dazu eine Karaffe Weißwein. Dann verabschieden wir uns: „Alles Gute für Dich, Eireen. Es war mir ein großes Vergnügen, dich kennengelernt zu haben.“
Sie antwortet: „Auch für dich alles Gute und nochmals herzlichen Dank. Ach, wie heißt du eigentlich?“
Ich drücke ihre Hand: „Behalte mich einfach in Erinnerung als einen alten Mann, der es sehr genossen hat, einer so liebenswerten jungen Frau etwas von seiner Wahlheimat zeigen zu dürfen.“ Sie lächelt, winkt und ist fort.