Doppelpass könnte Dialog fördern

Eine Leserzuschrift zur Onlinemeldung Italien protestiert gegen österreichische Südtirolplan

Um die Doppelpassaktion der österreichischen Regierung besser zu verstehen und warum sie bei vielen Südtirolern gut ankommt, ist es sinnvoll einen Blick auf die jüngere Geschichte Tirols zu werfen. Am Ende des Ersten Weltkriegs besetzte Italien den südlichen Teil Tirols bis zum Brenner und erklärte ihn gegen den Willen der ansässigen Bevölkerung zum eigenen Territorium. Viele Menschen in Österreich befanden, dass dies nicht mit dem vom amerikanischen Präsidenten Wilson proklamierten Selbstbestimmungsrecht der Völker in Einklang zu bringen sei. Doch es kam noch schlimmer. Während der faschistischen Herrschaft Mussolinis wurde Anfang der 1920er Jahre in Südtirol das Lernen der deutschen Sprache im Schulunterricht verboten. Es gab dann sogenannte Katakombenschulen. In den 1950er Jahren wurden dann viele Italiener aus Süditalien hauptsächlich im Raum Bozen angesiedelt. Das empfanden die Südtiroler als existenzielle Bedrohung und leisteten Anfang der 1960er Jahre mit spektakulären Aktionen Widerstand. Daraufhin schlug die Staatsmacht hart zu und einige gefangene Südtiroler Aktivisten starben an Folterung im Gefängnis. Um eine Ausweitung des Konfliktes zu verhindern wurde in zähen Verhandlungen das sogenannte Autonomiepaket verabschiedet. Signatarmächte sind Österreich und Italien. Allerdings gab es keine handlungsfähige neutrale Schlichtungsstelle, so wurden nicht alle Bestimmungen des Pakets eingehalten. Der Doppelpass könnte einen Dialog auf Augenhöhe der so lange vermisst wurde, durchaus befördern und den Prozess der Verständigung verbessern.

Roland Grassl

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Leserkommentare

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Joerg Obermeier 16.10.18 00:26
Völlig ohne Not!
Mir persönlich ist es völlig egal von welchem Staat mein Pass ausgestellt wird, solange Europäische Union drüber steht. Warum die österreichische Staatsregierung nun ohne jede Not das Fass in Südtirol und Trento aufmacht lässt sich wohl nur mit der ideologischen Verblendung der dort mitregierenden Faschisten erklären.
Johann Riedlberger 12.10.18 16:09
Früher oder später
wird die EU das gleich Schicksal wie alle anderen multinationalen Konstrukte vorher ereilen. Ich hoffen nur dass es einigermaßen friedlich geht wie bei der Sowjetunion, und nicht so wie in Jugoslawien.
mar rio 12.10.18 13:43
alle EU Bürger nur noch einen Einheitspass hätten
Da kenne ich eine Menge von Leuten, die den sofort beantragen würden, mich eingeschlossen. Dann noch eine gemeinsamme Finanz-, Außen- und Verteidigungspolitik und die EU hätte sich ihren Namen verdient. Ewig gestriege Nationalisten wird es immer geben, die dürfen aber trotzdem mitmachen.
Horst Heinrich 12.10.18 13:27
Doppelpass für Südtirol
Ich denke das ein spaltender Doppelpass für Südtirol nicht im Sinne der EU wäre. Am liebsten wäre es Jean-Claude Junker heute schon wenn alle EU Bürger nur noch einen Einheitspass hätten auf dem dann stehen würde: "Citizenship of the European Union", basta. Das würde Brüssel nebenbei so manchen Ärger mit querliegenden Staaten ersparen und entspräche im Endeffekt auch der Meinung unserer Bundesregierung, nur hält man sich damit noch etwas bedeckt da die Zeit noch nicht reif ist.
mar rio 12.10.18 13:26
Eine merkwürdige Widergabe der Geschichte!
Das wichtigste scheit zu fehlen, sonst würden die Italiener ja auch nicht als die Bösen dastehen. Es gibt dazu die Abmachung der Alliierten (Russland, Frankreich, UK und Italien) von 1915 und den Vertrag von Saint-Germain 1918. Und wer hatte den 1. WK nochmal angefangen?