Bericht über die Schlacht am Morgarten

Bericht über die Schlacht am Morgarten

Eine Leserzuschrift erreichte die Redaktion zu Khun Resjeks Kolumne „Thailand Mon Amour – Der 1. August“ (FA17/2020):

Zu einigen Punkten von Khun Resjek möchte ich meine eigenen Erkenntnisse beisteuern. Mein Hobby ist die Geschichte der Schweiz im 14. Jh. In der Schule wurde mir über diese Zeit nicht mehr als 1315 Morgarten und 1386 Sempach vermittelt. Ich denke, den meisten Schweizern unter uns erging es nicht anders. In den letzten 15 Jahren habe ich in den Archiven von den Klöstern Einsiedeln, St. Gallen, Konstanz und weiteren Staatsarchiven in der Schweiz und Süddeutschland sowie in diversen Chroniken von Gemeinden im selben Raum Informationen zusammengetragen. Dazu kommen noch ca. ein Dutzend wissenschaftliche Abhandlungen von Historikern über einen Zeitraum zurück bis 1809. Ich habe Schlachtberichte, Verlustlisten, aufgeschriebene Erlebnisberichte etc. vom Morgartenkrieg (nebst am Morgen des 15. November 1315 bei Morgarten fanden Schlachten am Nachmittag in Stans und am Abend in Sarnen statt) studiert und bin sehr froh darüber, dass viele historische Dokumente aus dem damaligen „Deutsch“ und Latein bereits ins Altdeutsche übersetzt und ausgewertet wurden. Damit genügte mir das Lernen des Altdeutschen ohne Latein. Es ist schade, dass die einzelnen Dokumente dermaßen zerstreut in den diversen Archiven liegen. Ich habe sie daher in einigen hundert Stunden Arbeit 2017 zu einem Bericht über Morgarten zusammengefasst.

06.01.1314: Talschaft Schwyz und Kloster Einsiedeln streiten sich um die Nutzungsart der Höfe (*1). Das Kloster expandiert wirtschaftlich und will die Großviehhaltung fördern. So installiert es eigene Schweighöfe. Diese geraten schnell in Konflikt mit den umliegenden traditionellen Höfen, die Kleintierhaltung (u.a. Schafe) betreiben. Schwyzer Bauern, unter Ammann Werner Stauffer, überfallen schließlich das Kloster Einsiedeln und nehmen Mönche als Geiseln, der Abt kann sich aber nach Pfäffikon absetzen. Die Habsburger, die Schutzmacht des Klosters, stehen daher in der Pflicht gegenüber dem Kloster, etwas gegen den Frevel zu unternehmen. Auf Seiten der Schwyzer soll aber auch der hochadlige Werner von Homberg gestanden haben, der seine Erbansprüche um die Herrschaft Rapperswil und die dazugehörenden Vogteirechte in Einsiedeln gegen die Habsburger verteidigen will. Der geflohene Abt von Einsiedeln verklagt die Siedler daraufhin beim Bistum in Konstanz erfolgreich auf Kirchenbann. Die Auseinandersetzung mündet in der Schlacht bei Morgarten.

Herbst 1315: Leopold ruft im habsburgischen Stammland in Baden, Brugg und Aarau ein Heer für eine Strafaktion zusammen. Zu diesem gesellt sich der ganze Süddeutsche Adel mit Gefolge. Diese sammeln sich aus den habsburgischen Herrschaftsgebieten. D.h. aus dem Aargau, Luzern, Winterthur, Zürich und dem Thurgau. So haben, nach heutigem Verständnis, Schweizer gegen Schweizer gekämpft. Insgesamt sollen etwa 9.000 Mann, darunter 2.000 Ritter mit Gefolge, zusammengekommen sein. Die habsburgische Streitmacht teilte sich in drei Teile, so dass die Verteidiger sich nicht sicher sein konnten, wo und wann die Hauptmacht einfallen wird. Leopold zog gegen die Schwyzer, Strassberg gegen Obwalden, während die Luzerner über den Vierwaldstättersee setzten, um Stans anzugreifen. Doch auch die Eidgenossen hatten ihre Gewährsleute, die mithorchten und das Gehörte durch Meldeläufer weiterleiteten. So verblieb den Schwyzern und ihren Verbündeten genug Zeit, um auf die Truppenbewegungen der Habsburger zu reagieren. Zudem war der Zugang in die Innerschweiz gesichert. Der Renggpass, der Brünig und der Zugang über Rothenturm waren mit Mauern und Erdwällen, sogenannten Letzis, gesichert. Der Weg über den Vierwaldstättersee kam auch nicht in Frage, die wenigen möglichen Anlegestellen bei Brunnen, Buochs und Stansstad hatten Wehrungen durch Palisaden. So verblieb als letzter ungesicherter Weg der über Sattel und Morgarten.

Schlacht am Morgarten am 15.11.1315: Der Angriff der Eidgenossen unter der Führung von Landammann Stauffer erfolgte nachts bei klarem Himmel und Mondschein auf den schmalen Wegen. Der Seespiegel des Ägerisees war damals höher als heute und die Sumpf- und Moorgebiete im Bereich Morgarten ungleich größer. Der in die Länge gezogene Tross, angeführt von Wilhelm II. Montfort von Tettnang (*2), vorne ab standesgemäß die Ritter, dahinter das Fußvolk, wurde im Hohlweg blockiert. Die Bewegungsunfähigen waren gefangen zwischen dem Sumpfgebiet auf der einen Seite und den Hängen auf der anderen Seite. Zudem fällten die Eidgenossen Bäume, so dass sie die Heerschaar in weitere kleinere Einheiten unterteilten. Während die gemeinen Fußsoldaten kaum ins Geschehen eingreifen konnten, wurden am Kopf des Trosses die Ritter mit Hellebarden, Steinwürfe auf die Pferde und Wurfgeschossen aller Art attackiert. Baumstämme, Felsbrocken und mehr. Etliche Adelsleute, darunter auch welche aus dem Thurgau, sind so ums Leben gekommen. Nicht so Vogt Heinrich IV. von Griesenberg (heutiges Amlikon), der an der Strafexpedition gegen die Eidgenossen teilnahm und knapp mit dem Leben davonkam. Heinrichs Vater war der Freiherr von Bussnang. Da Heinrich IV. auch als Berater von Leopold fungierte, war er bei den Eidgenossen verhasst. 1768 wurde am Wandbild der Tellskappelle in Küssnacht angebracht: „Hier ist Grisslers Hochmuoth vom Thäll erschossen… (*9)“. Nicht wenige vermuten hinter Grissler den Thurgauer Vogt Heinrich IV. von Griesenberg (*3). Sollte das zutreffen, wäre also Gessler (wurde erst ab dem 18. Jh. so genannt) ein Thurgauer aus Amlikon? Nicht so viel Glück wie Heinrich IV. hatte Jakob von Frauenfeld (*4b). Dieser war Hofmeister des im Jahr 1308 ermordeten Habsburgerkönig Albrecht (hieraus bildete sich der Stamm Hofmeister). Jakob von Frauenfeld fiel in der Schlacht. Das Schloss Frauenfeld steht heute noch in voller Pracht. Ebenso überlebten die drei Ritter von Bichelsee die Brüder Werner, Eberhard und Rudolf (*4a), Johann von Luterberg (*5), die Ritter Rudolf (Vater) und Pankelius (Sohn) von Landenberg-Greiffensee (*6), die Ritter Beringer von Uerikon ZH mit seinen Brüdern Konrad und Rudolf (*7) diesen Tag nicht. Alle drei Ueriker sind in Einsiedeln beerdigt worden (*7). Weitere edle Gefallene stammten aus Lamperswil (*8). Das ganze Gemetzel soll nur etwa eine Stunde gedauert haben.

Khun Ten

(*1) Quelle: Staatsarchiv Zug.
(*2) Quelle: Die Schlacht bey Morgarten vom 16ten Wintermonat 1315, von Sigmund von Wagner, 1809.
(*3) Quelle: Thurgauer Jahrbuch 1938, Ernst Herdi.
(*4a) Quelle: Seite 11/16 Eintrag 21,22,23 Die Truchessen von Bichelsee und die Dienstmannen von Landsberg von Ernst Herdi, 1938.
(*4b) Quelle: Geschichte des Kanton Thurgau, Ernst Herdi, 1943.
(*5) Quelle: Der Schweizer Familienforscher, Albert Bodmer, 1962.
(*6) Quelle: Morgenblatt für gebildete Leser, Freitag, 27. Januar 1843.
(*7) Quelle: Die alten Chroniken oder Denkwürdigkeiten der Stadt und Landschaft Zürich, Friedrich Vogel, 1845.
(*8) Quelle: Geschichte des Thurgau, J.A. Puppikofer, 1886.
(*9) Quelle: Tell und Gessler in Sage und Geschichte: Nach urkundlichen Quellen, Ernst Ludwig Rochholz, 1877.

Die im Magazin veröffentlichten Leserbriefe geben nicht die Meinung der Redaktion wieder. DER FARANG behält sich darüber hinaus Sinn wahrende Kürzungen vor. Es werden nur Leserbriefe mit Namensnennung veröffentlicht!

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Norbert Kurt Leupi 07.09.20 16:37
Geschichte / Khun TEN
Kleine Korrektur : Bundesrat Hans-Peter Tschudi , auch " Vater der AHV genannt " wurde in Basel geboren , ist Bürger von Basel und ist wegen dem Vater auch Bürger von Schwanden ( Kt.Glarus ) !
Khun Ten 07.09.20 15:13
Geschichte 14. Jh.
@ Rene Amiguet:
Danke für Ihren Beitrag. Aber die Zeitspanne die ich beackere ist das 14. Jh. Natürlich haben wir Kappel, Grandson, Murten und Nancy ua. auch im Unterricht behandelt. Diese sind aber 16. resp. 15. Jh. Leider sind aus dem 14. Jh. die Hungersnöte, Heuschreckenplagen, Dürre- oder Überflutungsperioden, Basel 1356, die Pest und vieles mehr aus dem Geschichtsunterricht herausgefallen. Da gibt es vieles wieder zu entdecken. Ich bin Khun Resjek dankbar für seine steile Vorlage, die er mir mit seiner 1. Augustkolumne gemacht hat.
Übrigens könnte Sie die Geschichte der AHV interessieren. Das liegt nicht soweit zurück. Wäre aber auch ein spannendes Gebiet, zu erfahren, wir BR. Tschudi, aus Glarus, damals für sein Anliegen gekämpft hat. Von seinem Engagement profitieren wir heute noch, alle und täglich, wenn die AHV-Rente kommt oder kommen wird.
Darum ist das Wissen über historische Ereignisse wichtig. Man wird dankbarer dafür, was man hat und würdigt die Dinge mehr. So, wie Sie selber sagen: Wir Schweizer sind wahrhaftig privilegiert. Danke Schweiz! In diesem Sinne einen schönen Tag. Khun Ten
Rene Amiguet 06.09.20 14:37
Welche Schule?
Ich ging in Zürich Altstetten in die Pimarschule. Uns wurde im Geschichts Unterricht wesentlich mehr als 1315 Morgarten und 1386 Sempach vermittelt. Da waren auch noch Kappel, Grandson, Murten, Nancy usw. in welche die Schweizer immer siegreich verwickelt waren. Der Sinn davon war einzig und allein immer, uns zu vermitteln was wir Schweizer für Helden waren. Wir Schüler wurden so richtig getrimmt, unendlich stolz zu sein dass wir Schweizer sind. Heute bin ich deswegen gar nicht mehr so stolz, aber trotzdem dankbar das für uns Alte mit der AHV etc. recht gut gesorgt wird wenn wir im Ausland leben. Wir Schweizer sind wahrhaftig privilegiert. Danke Schweiz!
Mark Weil 06.09.20 14:22
@W.Stevens
ich glaube nicht, dass Sie dabei wären. Dazu benötigt man etwas mehr als Niveaulosigkeit. Wieso haben Sie den Leserbrief überhaupt angeklickt? Nur, um sich darüber abfällig zu äußern?
joe bachmann 06.09.20 10:43
respektlos
@wilfried
soll man dann deinen beitrag ebenfalls so respektlos mit "aha.... und nun?" kommentieren?

ich jedenfalls danke khun ten für diese geschichtslektion.
btw, im weiler griesenberg gibt es noch eine original "trülle" (zu deutsch, einen pranger) an einem sehr schönen alten haus.