Über dem Golf von Siam geht die Sonne unter und verabschiedet sich mit einem spektakulären Feuerwerk, wie nur die Natur es zustande bringt. Die letzten Mauersegler flitzen mit artistischen Wendungen an meinem Balkon in der 27. Etage vorbei. Kurz darauf ist es stockdunkel.
Am Horizont haben die Fischer die starken Halogenlampen auf ihren Booten entzündet, um damit die Tintenfische an die Oberfläche zu locken. In den Hochhäusern ringsum leuchten tausend Lichter auf. Nah am Strand hat eine Segeljacht den Anker ausgeworfen und dümpelt gemächlich auf den seichten Wellen. An Bord feiert eine kleine Gesellschaft. Leise Musikfetzen und fröhliches Gelächter wehen zu mir herüber.
Wie eine Schar Glühwürmchen erhellen immer mehr Sterne das Firmament. Ich versuche vergeblich einige Sternenbilder zu erkennen. Ist das der „Große Wagen?“ Zumindest der Abendstern ist unübersehbar. Der zunehmende Mond segelt wie ein Kahn durch den klaren Nachthimmel. Ich denke an das Abendlied von Matthias Claudius: „…Seht ihr den Mond da stehen? Er ist nur halb zu sehen und ist doch rund und schön. So sind wohl manche Sachen, die wir getrost verlachen, weil unsere Augen sie nicht sehn...“
Ja, wir sehen so vieles nicht oder verschließen bewusst unsere Augen, um uns nicht hineinziehen zu lassen in das Leiden und die Sorgen anderer Menschen. Ich denke, ich sollte mich wieder einmal im Waisenhaus sehen lassen oder im Education-Center von Human Help Network, wo Hilfe jederzeit erwünscht ist und gebraucht wird.
An der Decke über mir lauert ein Gecko bewegungslos auf Beute. Wer jetzt wohl außerdem irgendwo in der Stadt auf Beute lauert? Jeden Tag kann ich Berichte darüber in den Medien sehen oder lesen.
Ich zünde eine Kerze an und gieße mir ein Glas Chardonnay ein. Ein leichter Wind bewegt die Blätter der Palmen auf dem Dach des Nachbar-Condos. In den erleuchteten Fenstern darunter erkenne ich Menschen, die sich bewegen, Menschen aus aller Welt, die – wie ich – aus kälteren Gegenden hierhergekommen sind, um sich von der Sonne verwöhnen zu lassen.
Plötzlich eine Explosion, ein riesiger Knall. Alle Fenster gegenüber erlöschen.
Die schöne Abendstimmung ist dahin. Hunde jaulen. Bis der Strom zurückkehrt kann es dauern. Ich träume vor mich hin und werde erst wieder wach, als auf einmal alle Fenster hell aufleuchten. Hinter mir liegen, immer griffbereit, Gedichtbände aus unterschiedlichen Zeiten.
Blind greife ich zu und halte Friedrich Hölderlin in den Händen.
Menschenbeifall.
„Ist nicht heilig mein Herz, schöneren Lebens voll, seit ich liebe?
Warum achtetet ihr mich mehr, als ich stolzer und wilder, wortreicher und leerer war? Ach, der Menge gefällt, was auf den Marktplatz taugt, und es ehret der Knecht nur den Gewaltsamen. An das Göttliche glauben die allein, die es selber sind.“
Und mit Hölderlin begebe ich mich zur Ruhe. Gute Nacht.