BANGKOK: Thailand muss sich auf eine deutlich höhere Gefahr von Hitze, Dürre und Ernteausfällen einstellen. Die US-Wetter- und Ozeanografiebehörde NOAA hat offiziell bestätigt, dass sich im Juni 2026 ein El-Niño-Ereignis entwickelt hat. Klimaforscher rechnen deshalb bis ins Jahr 2027 mit erheblichen Auswirkungen auf das Wetter in Südostasien.
El Niño ist ein natürliches Klimaphänomen, das durch ungewöhnlich warme Meeresoberflächentemperaturen im zentralen und östlichen Pazifik gekennzeichnet ist. Bereits geringe Veränderungen in diesem Wettersystem können Wind- und Niederschlagsmuster weltweit beeinflussen und große Wärmemengen in die Atmosphäre abgeben. Nach Einschätzung der NOAA und der Weltorganisation für Meteorologie (WMO) erhöht El Niño die Wahrscheinlichkeit extremer Wetterereignisse, auch wenn die konkreten Auswirkungen regional unterschiedlich ausfallen.
Frühere El-Niños als Warnsignal
Meteorologen erwarten, dass sich das aktuelle Ereignis bis zum Winter 2026/27 auf der Nordhalbkugel weiter verstärkt. Wie stark El Niño letztlich ausfallen wird, lässt sich derzeit jedoch noch nicht zuverlässig vorhersagen. Frühere starke El-Niño-Phasen führten weltweit zu schweren Dürren, Überschwemmungen, Waldbränden und außergewöhnlich hohen globalen Temperaturen. Besonders die Ereignisse 1982/83, 1997/98 und 2015/16 verursachten erhebliche wirtschaftliche und ökologische Schäden.
Für Thailand warnen mehrere Klimainstitutionen vor der Möglichkeit eines besonders starken „Super El Niño“. Die Meeresoberflächentemperaturen könnten zeitweise bis zu zwei Grad Celsius über dem Durchschnitt liegen. Dadurch steigt neben extremer Hitze und längeren Trockenperioden auch das Risiko heftiger Regenfälle und Sturzfluten in einzelnen Regionen.
Milliardenschäden für die Landwirtschaft
Besonders betroffen dürfte die Landwirtschaft sein. Nach Berechnungen der Forschungseinheit Krungthai COMPASS könnten zwischen der zweiten Jahreshälfte 2026 und Mitte 2027 Schäden von mehr als 62 Milliarden Baht entstehen. Dies entspräche rund 0,31 Prozent der thailändischen Wirtschaftsleistung. Als besonders gefährdet gelten Reis, Zuckerrohr und Maniok. Allein beim Reisanbau wird ein Produktionsrückgang von 5,4 Millionen Tonnen und ein wirtschaftlicher Schaden von rund 43 Milliarden Baht erwartet. Die Zuckerrohrproduktion könnte um zwölf Millionen Tonnen sinken, während bei Maniok ein Minus von 3,1 Millionen Tonnen prognostiziert wird.
Krungthai COMPASS geht davon aus, dass die landwirtschaftliche Produktion insgesamt um durchschnittlich zehn Prozent zurückgehen könnte. Zwar dürften steigende Erzeugerpreise einen Teil der Verluste ausgleichen, dennoch wird erwartet, dass das Einkommen der Landwirte 2026 um rund acht Prozent und 2027 um weitere zwei Prozent sinkt.
Folgen für Reismühlen und Industrie
Die Auswirkungen würden sich auch auf die Lebensmittelindustrie ausweiten. Reisverarbeitungsbetriebe müssen mit deutlich geringeren Anlieferungsmengen rechnen. Während die Preise für Rohreis voraussichtlich um rund zehn Prozent steigen, lassen sich die Preise für verarbeiteten Reis aufgrund des internationalen Wettbewerbs nur begrenzt erhöhen. Dadurch geraten insbesondere die Gewinnmargen der Reismühlen unter Druck.
Hinzu kommt eine angespannte Wasserversorgung. Anfang Juni 2026 lag der nutzbare Wasserstand der Stauseen in Zentralthailand bei lediglich rund 28 Prozent und damit unter dem als kritisch geltenden Wert von 30 Prozent. Auch im Eastern Economic Corridor (EEC) wird mit möglichen Wasserengpässen gerechnet, wodurch Konkurrenz zwischen Industrie und Landwirtschaft entstehen könnte.
El Niño trifft Wirtschaft und Gesundheit
Nach Einschätzung der Experten wird El Niño die thailändische Wirtschaft nicht nur über sinkende landwirtschaftliche Einkommen belasten. Höhere Rohstoffkosten dürften die Lebensmittelpreise erhöhen, während extreme Hitze den Stromverbrauch steigen lässt. Gleichzeitig werden zunehmende Gesundheitsrisiken durch Hitzeschläge, eine höhere Waldbrandgefahr sowie eine Verschärfung der PM2,5-Luftverschmutzung erwartet.
Krungthai COMPASS empfiehlt Haushalten und Unternehmen, Wasser zu sparen, zusätzliche Wasserspeicher anzulegen, Strom effizienter zu nutzen und langfristig in Solaranlagen zu investieren. Landwirten wird geraten, wassersparende Bewässerungsverfahren einzusetzen, trockenheitsresistente Pflanzensorten anzubauen und Wettervorhersagen genau zu verfolgen. Zudem wird die Regierung aufgefordert, die Wasserinfrastruktur auszubauen, Frühwarnsysteme zu verbessern und eine umfassende Datenbank zu Klimarisiken aufzubauen, um die Widerstandsfähigkeit der Landwirtschaft langfristig zu stärken.