Lung Sen macht sich Gedanken . . .

Lung Sen macht sich Gedanken . . .

Viele Leute sind der Meinung, die Strassen in Thailand wären in den Provinzen in schlechtem Zustand. Wer aber einmal in den Norden oder Nordosten gefahren ist, der weiss, wie ordentlich die Schnell- und grösseren Bundes­strassen ausgebaut sind. Lung Sen brauchte gerade mal acht Stunden, um die 740 Kilometer zu seinem Landgut zu bewältigen. Durch herrlich grüne Landschaften ging es, vorbei an vielen Attraktionen wie Phimai, grösste Khmer-Anlage Thailands im Baustil von Angkor Wat, über das Pu-Pan-Gebirge nach Sakon Nakhon.

Auf dem Landgut angekommen, herzliche Begrüssung durch Familie und Nachbarn. Es herrschte die vertraute Ruhe, und am Abend wurden Garnelen gegrillt und Nachrichten ausgetauscht. Dann ab ins Bett und bei offenen Fenstern eingeschlafen. Aber nicht lange. Gegen Mitternacht begann ein Gebell, das selbst Tote auferweckt hätte. Knurren, Beissen und Jaulen direkt vor der Haustür. Und so ging es die ganze Nacht weiter. Am Morgen klärte Gaysorn Lung Sen auf: Die Hunde haben gerade Paarungszeit. Na dann viel Spass; vier Tage ging es so laut zu in der Nacht, dann hatten die Hunde wohl zueinander gefunden.

Fast allen Thais, und auch einigen Residenten, ist die Provinz Sakon Nakhon bekannt als jene, in der Hundefleisch verzehrt wird. Genau genommen wird diese Ware aber nur in der Gemeinde Ta Rae verarbeitet und verkauft - öffentlich am Strassenrand / siehe Foto. Warum, wieso, weshalb? Nun, da muss in die Geschichte zurückgeblickt werden. Bekanntlich essen Vietnamesen seit Jahrhunderten Hundefleisch, das in Vietnam auf fast allen Märkten zu finden ist. Schon zu Zeiten der Kolonisation durch die Franzosen im 19. und 20. Jahrhundert wanderten viele Menschen aus nach Laos und Nordostthailand. Sie brachten ihre Gewohnheiten mit. Das war nicht nur der Verzehr von Hundefleisch, sondern auch das Stangenbrot Baguette, welches noch heute köstlich nach französischem Rezept in den am Mekong-Fluss liegenden Städten gebacken wird. Aber die Vietnamesen brachten auch die von den Kolonialherren übernommene Religion mit, den Katholizismus. Die Thais schauten zu, wie sich die neuen Siedler benahmen, kamen so in Berührung mit deren Lebensart und, wie so oft in der Geschichte des Landes, übernahmen sie das, was ihnen zusagte. Das war neben der Religion, Sakon Nakhon ist die grösste katholische Diözese nach Bangkok, auch das köstliche Weissbrot und eben der Verzehr von Hundefleisch.

Was ist daran falsch, fragt sich Lung Sen? Freilich hat auch er schon probiert und das Fleisch für gut befunden. Besonders aromatisch und gut schmeckend ist das getrocknete und gewürzte Fleisch, das auf dem Foto von der Decke hängt und auf dem Tisch liegt. Es erinnert - die Schweizer mögen Lung Sen verzeihen - im Geschmack an Bündnerfleisch. Gekochtes oder gebratenes Fleisch hingegen kann gar keinen Eigengeschmack entwickeln, da zu viele Gewürze und Chili den Eigengeschmack überdecken - wie bei vielen anderen Gerichten mit Fleisch im Isaan. Die Tiere, die in Ta Rae geschlachtet werden, sind keine Rassehunde oder als Haustier gehaltene Hunde. Es sind auch keine kranken, von der Räude befallenen Hunde, sondern zumeist gut genährte, aber wild auf den Strassen Thailands lebende Tiere. Sie werden in Pick-ups mit Gitterkäfigen aus den nördlichen Provinzen des Landes angeliefert. Ausserdem wird vor dem Schlachten nochmals aussortiert. Lung Sen hat sich sagen lassen, dass schwarze Hunde bevorzugt werden. Billig ist das Fleisch nicht. Ein Kilo getrocknetes Hundefleisch kostet 100 Baht, und rohes Fleisch (im Glaskasten auf dem Foto) gar 150 Baht pro Kilo. Hühner- oder Schweinfleisch wäre da billiger. Es muss auch gesagt werden, dass nicht alle Thais im Nordosten Hundefleisch verzehren. Aber durch die Emigration vieler Nordostler finden sich heute sogar in Pattaya, auf Samui oder Phuket Hunde in Bratpfannen wieder.

Warum stösst das den Euro­päer ab? Weil der Hund der Freund des Menschen ist. Deshalb weigerte man sich auch, Pferdefleisch zu essen, was auch heute nicht alle Europäer tun. Denn dieses Tier gilt auch als Freund. Es stösst den Muslim ab, wenn wir Schweine schlachten und deren Fleisch essen, so wie es den Inder nie in den Sinn käme, eine heilige Kuh zu töten und zu verzehren. Lung Sen wagt den Rückblick in die Nachkriegsjahre. Da wurde alles gegessen, was verzehrt werden konnte. „Ja, das war damals…”, hörte Lung Sen schon die Unken rufen. Jedes Land oder jede Religion hat ihre Sitten und Gebräuche. Wie so oft ist auch hier Toleranz angesagt. Für manche Menschen ist eben Fleisch gleich Fleisch, ob vom Schwein oder Hund, vom Hasen oder der Katze.

Ein Abstecher führte Lung Sen nach Roi Et. Eine kleine Provinzhauptstadt mit vielen Sehenswürdigkeiten in und um der Stadt gelegen. Es ist eine der saubersten Städte Thailands, die Lung Sen besucht hat, mit einem riesigen, wunderschön angelegten Park, umgeben von Wasser, auf denen Tretboote fahren und in dem sich unzäh­lige, riesige Fische tummeln.

Am noch erhaltenen alten Stadtgraben liegt das Restaurant „White Elephant”, direkt hinter dem renommierten Hotel Roi Et City. Trotz des englischen Namens ist der Restaurantbesitzer ein Deutscher, nunmehr seit zehn Jahren in Roi Et. Klaus heisst er, und mit ihm verbrachte Lung Sen einen angenehmen Abend. Auf der Speisekarte finden sich neben Thai- auch deutsche Gerichte, speziell rund um die Wurst. Mit seinem ruhigen Wesen hat Klaus es geschafft, dass die Stadt- und Provinzoberen zu seinen Stammgästen zählen. Ihm wurde vom Gouverneur gar die Ehrenbürgerschaft der Stadt Roi Et verliehen. Einer von Lung Sens Lieblingssängern aus der Jugendzeit, Donovan, feierte kürzlich hier seinen Geburtstag und gab ein kleines Konzert - ohne Vorankündigung. Wer in Roi Et weilt, sollte dort unbedingt vorbeischauen. Klaus hat viele Anekdoten auf Lager, und es wird sicher ein kurzweiliger Besuch. Geöffnet ist das Restaurant von 16 bis 1 Uhr, und wer es nicht findet, ruft Klaus an: 081-059.0060 oder 043-514.778.

Lung Sen denkt: Seltsam, irgendwie findet man in jeder Provinz des Landes einen Landsmann. Und ist dies gar ein angenehmer Gesprächspartner, erfreut es umso mehr. Kaum zu glauben, wie viele Europäer heue den Nordosten Thailands ihr Zuhause nennen. Es gibt harmonische Ehen oder nur Zusammenleben, jedoch geht auch vieles in die Brüche. Das kommt von Intoleranz, zumeist von beiden Seiten. Zitat: Wer sich nicht anpasst, den bestraft das Leben.

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