CHIANG MAI: Eveline Willi lebt seit 2010 mit ihrem Mann in Chiang Mai und engagiert sich seit vielen Jahren in der Schweizer Gemeinschaft in Nordthailand. Die gebürtige Schweizerin verbrachte bereits seit den 1980er Jahren einen großen Teil ihres Lebens in Asien und war unter anderem als Eventorganisatorin, Englischlehrerin und Übersetzerin tätig. Heute steht sie als Präsidentin des Arbeitskomitees der Foundation for the Education of Rural Children (FERC) an der Spitze einer Stiftung, die benachteiligten Jugendlichen in Nordthailand den Schulabschluss ermöglicht. Im Interview spricht sie über ihre Motivation, die Arbeit von FERC und die Bedeutung von Bildung für junge Menschen in ländlichen Regionen Thailands. Durch das Interview führte Björn Jahner
Viele Schweizer in Thailand kennen Sie noch aus Ihrer Zeit als Präsidentin der Swiss Lanna Society. Wie sind Sie zu FERC gekommen?
Schon während meiner Zeit im Vorstand der Swiss Lanna Society hatte ich zu verschiedenen sehr wertvollen Stiftungen hier in Nordthailand Kontakt. FERC hat mich als ehemalige Sprachlehrerin sehr interessiert, da diese Stiftung Jugendliche finanziell unterstützt, um ihnen einen Schulabschluss zu ermöglichen. Und seit ein paar Monaten bin ich Präsidentin des Arbeits-Komitees von FERC, wo wir in einem Team von sieben sehr motivierten Mitgliedern die Geschicke der Stiftung lenken.
FERC unterstützt Jugendliche aus einkommensschwachen Familien in Nordthailand. Wie würden Sie die aktuelle Bildungssituation in den ländlichen Regionen beschreiben?

Wir unterstützen potentielle Jugendliche in den 34 Staatsschulen der Provinz Chiang Mai, damit sie die Klassen 10 bis 12 abschließen können. Das benötigen sie, wenn sie eine weitergehende Ausbildung anstreben, oder auch, wenn sie eine Arbeit beginnen möchten. Die Jugendlichen werden mit Hilfe des zuständigen Ministeriums und dem Vorschlag der Staatsschulen ausgewählt. Die Schule ist ein wichtiger Teil im Leben dieser jungen Menschen. Sie fördert den Zusammenhalt und das soziale Gefüge einer Gegend und gibt neben dem Abschluss auch einen moralischen Halt. Ich bin immer wieder erstaunt, was für Leistungen diese Jugendlichen erbringen, obwohl das Schulsystem sich doch sehr von dem unterscheidet, was wir gewohnt sind.
Obwohl die Schulbildung in Thailand offiziell bis zum Alter von 15 Jahren kostenlos ist, brechen viele Jugendliche ihre Ausbildung danach ab. Woran liegt das?
Die Sekundar-Oberstufen Schulen sind an zentralen Lagen. Für viele Schüler, vor allem in ländlichen und bergigen Gebieten, bedeutet das lange Schulwege, Transport- oder sogar Übernachtungskosten. Vielen Familien können diese Kosten nicht bezahlen und ihre Kinder müssen die Schule verlassen und irgendeine Tätigkeit aufnehmen.
FERC konzentriert sich seit einigen Jahren auf die Förderung von Schülern im Sekundarbereich. Warum fiel die Entscheidung, den Schwerpunkt auf diesen Bereich zu legen?
Weil der Staat nach der Klasse 9 die Schulen nur noch beschränkt unterstützt und viele Schüler die Oberstufe aus finanziellen Gründen nicht abschließen können, die für eine weitergehende Ausbildung Voraussetzung ist.
Geschichten wie jene von Mintra, die Krankenschwester werden möchte, oder von Kul, der inzwischen an der Universität studiert, zeigen den langfristigen Nutzen der Stipendien. Gibt es Schicksale, die Sie persönlich besonders bewegt haben?
Alle Schüler sind uns wichtig, aber es gibt auch immer wieder Schicksale, die speziell berührend sind. Wir haben Schüler, die keine Thai-Staatsbürgerschaft haben und deshalb auch keine staatlichen Stipendien für die Universitäts-Ausbildung erhalten werden. Da berührt diese Hoffnungslosigkeit. Oder Jugendliche, die aus gesundheitlichen, familiären Gründen die Ausbildung abbrechen müssen. Berührt bin ich auch immer wieder von der überwältigenden Dankbarkeit der Schüler, die wir bei Schulbesuchen und Anlässen zum Schulabschluss erleben dürfen.
Wenn Sie auf Ihre bisherigen Jahre bei FERC zurückblicken: Was hat Sie persönlich am meisten überrascht oder beeindruckt?
Die Motivation der Jugendlichen ist für mich immer wieder beeindruckend. Obwohl sie aus sehr schwierigen finanziellen und familiären Umständen kommen, zeigen sie uns, dass sie etwas aus ihrem Leben machen. Wir können miterleben, dass sie voller Enthusiasmus ihre Ziele verfolgen und oft auch erreichen.
Was haben Sie durch die Arbeit mit den Jugendlichen über Thailand gelernt, das Ihnen zuvor nicht bewusst war?
Sehr viele Jugendliche hier sind viel zielorientierter als ich das in Europa erlebt habe. Sie haben eine Vision für ihre Zukunft und sind sich im Klaren, dass sie viel leisten müssen, um sich und ihre Familie unterstützen zu können, was in ländlichen Gegenden immer noch üblich ist.
|
