KOH SAMUI: Jannarong Poonsawat (35) ist gebürtiger Samuianer und seit April mit mehreren Hilfsteams auf seiner Insel unterwegs. Der Mitarbeiter der Gemeinde Koh Samui und gleichzeitig Freiwilliger des lokalen Roten Kreuzes hat seither Tausende mit Nahrung versorgt. Als er am 14. September in Chaweng eine Arbeiter-Kolonie hinter dem berühmten Reggae Pub aufsuchte, traute er kaum seinen Augen: zwei Drittel der Familien haben ihre Häuser verlassen und damit auch auf Nimmerwiedersehen Thailands drittgrößte Urlaubsinsel.

Der Exodus auf Koh Samui ist fast unbemerkt gelaufen. Die typischen thailändischen Transport-Lkw rückten an und packten alles auf, was einen transportablen Hausstand ausmacht. Möbel, Matratzen, Kleidung, Kochgeräte – und oft auch das verbliebene Kleinmotorrad. Vom im Golf von Thailand gelegenen Inselarchipel geht es über 1.000 Kilometer hinauf in den Isaan, Thailands Reiskammer im Nordosten. Die meisten der Arbeiter, die oft Jahrzehnte auf Koh Samui oder Koh Phangan verbracht hatten, stammen aus den Provinzen Udon Thani, Khon Kaen oder Nakhon Ratchasima.
Sie arbeiteten in den vielen Hotels, Restaurants, als Fahrer für Tourunternehmer oder im Wassersport-Geschäft. Im Süden Thailands ließ sich mehr Geld verdienen als im Nordosten. Die meisten machten so viel Geld, dass sie noch ihre Zuhause verbliebenen Angehörigen versorgen konnten. Die fleißigen Arbeitsbienen der Urlaubsgebiete, seit jeher oft aus dem Isaan stammend, trugen maßgeblich zum Aufschwung ganzer touristischer Regionen bei.

Dass für sie als letzte im Glied einer langen Kette nun die Lichter ausgehen, ist für alle bitter. Koh Samui verliert gute Arbeitskräfte und insbesondere auch Stabilisatoren regionaler Kaufkraft. Sie aßen in den Garküchen, versorgten sich in den unzähligen Frischmärkten mit Nahrung, sie gaben an den freien Sonntagen ihr Geld in Vergnügungslokalen aus und beim Shopping in den Einkaufszentren.
Dass die Touristen seit März nicht mehr nach Thailand und damit auch nicht mehr auf die südlichen Urlaubsinseln gelassen werden, hat für eine Schockstarre gesorgt und für viele Berichte in Medien weltweit. Über das Schicksal der armen Thais aus dem Isaan liest man selten etwas. An diesem Montag, 14. September 2020, kann man sich bildlich vorstellen, welche Auswirkungen die Covid-Krise in Thailands Arbeitsschicht nach sich zieht. Verlassene Hütten, fast schon Geisterdörfer, nur wenige Minuten von den Traumständen und Luxusresorts entfernt.

Der Palat, das ist ein gemeindlicher Kontaktbeamter für die Bevölkerung, zeigt sich bei der Nahrungsverteilung mit Jannarong Poonsawat, den alle nur „Noom“ rufen, erschüttert: „Dass schon so viele dieser Leute gegangen sind und weitere folgen werden, das wird auch unsere Insel langfristig hart treffen“, sagt er. Es sei ein Signal des Abgesangs und der Untergang einer Kultur. „Ohne Tourismus wird Koh Samui zurückfallen in die Steinzeit“, drückt er es drastisch aus.
Nach fünf Monaten des Wartens auf Besserung hat Koh Samuis Arbeiterklasse die Hoffnung begraben. Dass ihre eigene Landesregierung ausländische Touristen generell aussperrte und erst jetzt zaghaft und ohne Mut beginnt, über Lockerungen nachzudenken, sehen sie kritisch. „Was hilft uns ein Covid freies Land, wenn wir keine Arbeit mehr haben und kein Geld zum Leben“, sagt Worawit Chaisan, der aus Udon Thani stammt und seit 1998 auf Koh Samui als Markthelfer gearbeitet hatte. Weil immer weniger Menschen auf dem Laem-Din-Markt in Chaweng einkaufen gingen, hat auch er seit Juli die Arbeit verloren.

Jannarong Poonsawat ist froh, dass er mit einer deutsch-Schweizerischen Hilfsgruppe seit April regelmäßig arme Menschen auf Koh Samui versorgen konnte. Durch rund zwei Millionen Baht Spenden aus der Bundesrepublik und dem Eidgenössischen sind fünf Monate lang zumindest ein paar Tausend Thais und Burmesen vor dem Allerschlimmsten bewahrt worden.
Nun gehe auch den europäischen Helfern langsam das Geld und die Luft aus“, sieht Khun Noom schwere Zeiten auf Koh Samui zukommen. „Wenn sich nicht bald etwas ändert, laufen wir in eine Katastrophe hinein…“