Der Schlangenbesuch

Meine Herzallerliebste hockte auf dem Küchentisch, als ich heimkam, und blutete wie ein abgestochenes Kalb.

"Um Gottes Willen, Schatz, was ist passiert?"

"Da!" Sie zeigte in die Küchenecke, wo, zusammengerollt, eine mindestens einen Meter lange Schlange lag. "Sie hat mich plötzlich angefallen, und als ich vor Schreck zurücksprang, habe ich mich am Küchenschrank verletzt und bin hingefallen."

"Moment."

Auf der Telefonliste mit den Notfallnummern fand ich die zuständige Stelle, die auf solche Fälle vorbereitet ist. Innerhalb von zwanzig Minuten kamen zwei Männer, die das Reptil einfingen und in einen Sack steckten.

"Ein Python", sagten sie, bevor sie gingen.

Derweil verarztete ich Nai, so gut ich konnte. Sie hatte nicht nur eine stark blutende Platzwunde am Hinterkopf und überall Abschürfungen, auch ihr rechter Arm war ausgerenkt. Wir fuhren ins Hospital, wo ein Arzt und zwei Assistenten sich ihrer annahmen.

Als wir heimkamen, schaute sie sich überall vorsichtig um. Ich versuchte, sie zu beruhigen und sagte: "Der Python greift normalerweise keine Menschen an. Er hat sich wahrscheinlich bedroht gefühlt und wollte sich verteidigen. Außerdem", fügte ich hinzu, "gelten Schlangen in Thailand als heilige Tiere, die den Lord Buddha beschützt haben."

"Ja", entgegnete sie, "aber aus jedem abgeschlagenen Schlangenkopf wachsen zwei neue hervor. Und hast du vergessen, wer die Sünde aus dem Paradies in die Welt gebracht hat?" "He", rief ich, "woher hast du denn diese Weisheiten?"

"Callolo", erwiderte sie, "wäre es dir lieber, wenn deine Frau eine dumme Kuh wäre?"

"Nein, natürlich nicht, aber ich frage mich, woher du weißt, dass eine Schlange Adam und Eva zur Sünde verführt hat? Und noch mehr wundere ich mich darüber, dass du dich in der griechischen Mythologie auszukennen scheinst."

Meine Herzallerliebste lächelte mich verschmitzt an und zeigte auf den Bücherschrank:

"Hast du daran gezweifelt, ob ich lesen kann?"

"Überhaupt nicht, Schatz, ich zweifele langsam nur daran, wer von uns beiden Thai und wer Farang ist."

"Wieso?"

"Weil du ganz offensichtlich mehr von meiner Kultur verstehst als ich von deiner."

"Aber das lässt sich doch ganz schnell ändern, Callolo."

"Und wie stellst du dir das vor, mein Schatz?"

Sie flog mir in die Arme und sagte:

Komm, Callolo, wir fahren in den Isaan. In drei Monaten mache ich aus dir einen Thai.

Dann wirst du mich auch besser verstehen."

Halb zog es mich, halb sank ich hin. Aber nach einer Woche war ich wieder in Pattaya.

Ich werde ein Farang bleiben, denn als Thai hätte ich bei meiner Herzallerliebsten garantiert nichts mehr zu melden.

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