ALLE LIEBEN MR JOHN

Fortsetzungsroman von Wolfgang Rill – Teil 10

(Fortsetzung von FA16/2022)

Also Alfred. Es vergehen noch ein paar Wochen, bis er wirklich kommt. John manipuliert noch einige Male, frischt die Nachrichten, die Phoo schickt, etwas auf, erweitert sie, wird manchmal sogar vielversprechend. I hug you! I kiss you! Alfred aus Deutschland wird immer zutraulicher, gibt preis, dass er kein reicher Mann sei, aber doch etwas Geld habe. Auch, dass er mal verheiratet war und geschieden ist und dass er sich jetzt im Ruhestand langweilt und gern eine junge Frau um sich hätte. Viel erzählt er von einem Garten beim Haus, in dem er Blumen und Gemüse pflanzt und Obstbäume hat. Außerdem schreibt er fast jeden Tag, was er sich zu Mittag gekocht hat. Meistens Schnitzel oder Schweinebraten. Offenbar hat er im Netz ein Kochbuch auf Englisch gefunden. Trotzdem scheint es Mr John, als stimme bei der Sache irgendetwas nicht. Aber er kommt nicht drauf.

Phoo kommt öfter bei John vorbei. Sie halten an Dienstag und Donnerstag ihre privaten Englischstunden ab. Nebenher beschäftigt John außer der Schule noch etwas anderes, aber das erzählt er ihr nicht.

Und dann rückt der erhoffte und gefürchtete Tag näher. Geh auf keinen Fall am ersten Abend mit ihm ins Bett, weist John seinen Schützling an. Sag, du musst das Kind deiner Freundin betreuen. Wenn er nett ist, am zweiten Abend vielleicht. Halte trotzdem immer noch Abstand, so gut es geht. Aber was rede ich. Frauen wissen viel besser, wie man so etwas macht.

Sie steigt gegen Mittag in den Bus. Es gibt tatsächlich eine entfernte Verwandte in der Nähe von Khon Kaen, wo sie ein, zwei Nächte schlafen kann. Am nächsten Nachmittag wird man sich in der Stadt begegnen. Treffpunkt ist das Foyer des Hotels Tassanee, in dem er per Internet gebucht hat. John findet ausgerechnet das Hotel des Mannes als Treffpunkt nicht gut, aber Phoo hat nichts dagegen. Er ist selber fast so aufgeregt wie Phoo, als er sie beim Busbahnhof verabschiedet. Das Geld für die Reise hin und zurück hat er ihr zugesteckt. Er umarmt sie und drückt sie. Viel Glück, Phoo! Dass er kein gutes Gefühl bei der Sache hat, sagt er ihr nicht. Nein, kein gutes Gefühl.

* * *

Und das schlechte Gefühl bestätigt sich. Das allerdings erst nach drei qualvollen Tagen, in denen er fast nichts von ihr hört. Nur einmal kommt eine SMS:

Keine Sorge, es geht mir gut. Ich erzähle später, was passiert.

John ist wirklich etwas nervös in dieser Zeit. Frau Kim, seine Haushälterin, fragt besorgt, ob sie ihm Tee machen oder etwas in der Apotheke holen soll, wenn er unruhig im Haus hin und her tigert. Abends helfen nur ein paar Gläser Rotwein, von dem er sonst höchstens am Wochenende eins trinkt. In der Schule wirkt er unkonzentriert, gähnt noch häufiger und muss öfter fragen: Sorry – what did you say?

Dann ist sie wieder da. Donnerstag, ihr üblicher Tag für die Englischstunde. An der Art, wie sie die Treppe hochkommt und das Zimmer betritt, merkt John schon, dass es schiefgegangen sein muss.

Setz dich erst mal, Phoo. Natürlich bin ich neugierig, aber erzähl mir nur, was du erzählen willst. Was dir peinlich ist, lass weg.

Die Aufforderung ist überflüssig. Nach ein paar stockenden Ansätzen berichtet ihm seine ehemalige Schülerin mit Schmerz und Wut in der Stimme recht genau und sehr ehrlich, wie es in Khon Kaen war.

Was John ihrem aufgeregten Englisch mit Thai vermischt entnimmt, geht etwa so: Sie erscheint sorgfältig geschminkt und in einem blassgelben Kostüm mit weißer Bluse fast pünktlich in der Lobby des Hotels. Nur eine Viertelstunde Verspätung erlaubt sie sich, weniger wäre peinlich. Es ist ein großes, aber nicht sehr teures, schon etwas abgewohntes Hotel mit einem langen Empfangsschalter und einer Bar im Parterre. Die Bar hat auch ein paar Tische im Freien unter Bäumen im Schatten. An einem dieser Tische sitzt eine Gruppe von Männern vor ein paar Flaschen Bier.

Das ist sie!, hört sie einen der Männer auf Englisch rufen. Das muss sie sein! Die anderen Männer lachen und sagen etwas in fremder Sprache. Der Mann, der gerufen hat, steht auf und kommt auf sie zu. Für ihre Verhältnisse ist er groß, weit über 1,70 Meter. Auch hat er noch fast alle Haare. Mäßiger Bauch, weißes T-Shirt mit I love Thailand-Aufdruck. Auf dem linken Oberarm eine Schlange an einer Stange als Tattoo. Khaki Bermudashorts. Nachgemachte Crogs als Sandalen. Leichte Bierfahne.

Sie stehen sich gegenüber, sehen sich in die Augen. You are so beautiful, you must be Phoo, sülzt er. Sie kann es nicht leugnen. You must be Alfred, antwortet sie. Das ist also der Alfred, dem sie schon mehrmals geschrieben hat: I love you. Wenigstens stinkt er nicht, sondern riecht unter dem Bier nach einem angenehmen Rasierwasser. Lass und zuerst was trinken, sagt er und deutet auf einen Tisch, weit weg von der Gruppe der anderen. Sie folgt ihm schüchtern.

Dass sie einfach naam plao bestellt, also kühles Wasser, wie sie es gewohnt ist, lässt er nicht zu. Er ordert für sie einen Cocktail mit viel Frucht und nur ganz wenig Alkohol. Das Gespräch verläuft schleppend bis gar nicht.

I am happy that you are here, sagt er.

I am happy, too, sagt sie.

Sie sehen sich in die Augen. Sie stoßen mit ihren Gläsern an.

Chog dee, sagt sie. Das heißt auf Thai cheers!

Prost, sagt er, das heißt cheers auf Deutsch.

Sie wirft einen Blick zu den Kerlen am anderen Tisch. Alles Männer über sechzig. Zwei dicke, ein magerer. Einer mit Glatze, einer mit schütteren langen Haaren wie früher die Hippies. Alle mit Tattoos.

Ach, das sind Freunde, sagt er. Alles Deutsche. Habe ich zufällig hier getroffen.

(Fortsetzung in Ausgabe FA18/2022)

Über den Autor

Wolfgang Rill wurde in Fulda geboren. Heute lebt er zeitweise wieder dort, vorwiegend aber in Thailand. Seit dreißig Jahren schreibt er Geschichten und veranstaltet Schreibrunden für Interessierte. Seine Bücher sind bei Amazon unter „Wolfgang Rill“ bestellbar oder beim Autor erhältlich. „Alle lieben Mr. John“ ist sein siebter Roman.

Kontakt: wrill@t-online.de

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