ALLE LIEBEN MR JOHN

Fortsetzungsroman von Wolfgang Rill – Teil 1

Könnt ihr nicht mal aufhören zu kichern, ihr vermaledeiten kleinen Teufelchen?, schreit Mr John. Aber es hilft nichts, bewirkt eher das Gegenteil: Die Truppe dreizehnjähriger Mädchen vor ihm gluckst und prustet, gickelt und feixt noch mehr.

Better you speak English, Mr John. When you speak Thai, it is so funny!, stößt Tin schließlich zwischen zwei Lachanfällen hervor. When you try say »smoke« in Thai it sounds same very bad word! Der Lehrer vorn geht von den Blumentöpfen weg und setzt sich erst mal an sein Pult. Welches »bad word« er wieder mal mit seinem unbeholfenen Thai getroffen hat, will er gar nicht wissen.

Versuche ich nicht seit drei Jahren, euch beizubringen, dass »wie« im Englischen »like« heißt, und nicht »same«, oder gar »same, same«, denkt Mr John und lässt sie erst mal lachen. Er weiß ja, lachen hält frisch und gesund und ist eine Art Volkssport in Thailand. Nachher werden alle umso aufmerksamer zuhören, denn alle lieben Mr John.

Die wenigsten wissen, dass Mr John eigentlich Hans heißt. Dass er Dr. Hans Schillner heißt, weiß hier niemand. Bestenfalls steht es auf einem Dokument, das die Sekretärin Khun Phi in den Tiefen eines Aktenschranks versenkt hat und auf dem oben auf Englisch und Thai steht: Arbeitsgenehmigung. Das Papier liegt da schon seit vierzehn Jahren. Einige der Leute, die in der Stadtverwaltung jährlich die Genehmigung für Mr John verlängern, haben ihr mühsames Bisschen Englisch als Schüler selbst bei ihm gelernt. Was die Mädchen heute in dem luftigen Klassenzimmer sehen, ist ein hagerer alter Mann mit einem silbernen Haarkranz um die Glatze und mit einem üppigen Schnauzbart, der an den alten Albert Einstein erinnert. Ein bisschen gebeugt geht er, aber er ist nicht wie die meis­ten Farangs, also die meisten Ausländer, im Alter dick geworden. Er hat die Angewohnheit, wo er geht und steht plötzlich zu gähnen. Komme nicht dagegen an, sagt er, muss etwas mit der Atmung zu tun haben.

Nur ein Teil seiner Schüler und Schülerinnen lernt bei ihm ein brauchbares Englisch. Er selbst hat Mühe, ein verstehbares Thai zu artikulieren. Und das, obwohl er, wie gesagt, schon seit vierzehn Jahren in der kleinen Stadt ist und hier an der Satree Phung Daet School unterrichtet. Diese Sprache wehrt sich!, sagt er. Die ist ein unbesiegbarer Gegner. Zum Einkaufen- und Essengehen und für einen kleinen Jux auf der Straße reicht sein Thai immerhin aus.

Wie ist er damals in die Stadt gekommen? Das ist lange in Vergessenheit geraten. Anfangs hatte er sich einen Bungalow gemietet, wissen die älteren Leute noch, später ist er in eins der typischen Häuser im Thaistil in einer Nebenstraße gezogen, wo er heute noch wohnt. Nicht weit von der Schule in einer Häuserzeile. Unten eine Garage, die auch als Getränkelager oder Mopedwerkstatt oder Arztpraxis genutzt werden kann, über steile, geländerlose Betontreppen sind dann zwei Etagen zu erreichen, in denen es Zimmer und sehr einfache Toiletten gibt. Die Fußböden ebenfalls blanker Beton oder gefliest. Das Ganze etwa so breit wie zwei Sofas nebeneinander. Eingeklemmt ist das Haus, wie gesagt, in eine lange Reihe weiterer fünf Meter breiter Häuschen im Thaistil. Es ist so tief, dass zwei Zimmer hintereinander passen. Nachts werden die Rolltore runtergelassen, so dass jedes der Reihenhäuser eine kleine Festung ist. Nur in den elend langen Sommerferien verschwindet Mr John mit dem Bus nach Süden. Ob er nach Bangkok fährt? Ob er in seine Heimat nach England fliegt? Wenn man ihn fragt, lächelt er fein und sagt nichts. Fragt mich nicht, bedeutet dieses Lächeln, fragt mich bitte nicht.

Seit die Mädchen denken können, die hier vor ihm sitzen, ist Mr John allein und gehört zum Inventar der Stadt. Jeder kennt ihn in dem kleinen Städtchen Phung Daet, einer recht gesichtslosen Ortschaft an einer der großen Straßen, die die Zentren miteinander verbinden. Nach Westen erstre­cken sich flache Reisfelder, hier und da unterbrochen durch ein Wäldchen von »Rubber Trees«, also Kautschukbäumen. Kleine Flüsse und Kanäle durchziehen diesen Landstrich, der gar nicht mehr so langweilig wirkt, wenn man seine Sträßchen und Feldwege mit dem Motorroller durchfährt. Nicht weit weg gibt es einen kleinen See, zu dem die Kinder zum Baden laufen, wenn sie Mr Johns Unterricht schwänzen. Nach Osten schieben sich Hügel an das Städtchen heran, die nach hinten immer höher werden. In der Ferne, dort, wo die laotische Grenze ist, können sie schon als richtige Berge gelten. Viele davon haben bizarre Formen, wie es sie in Europa kaum mal gibt. Manchmal kann man auf den Hügelkuppen ein wenig der Hitze entkommen, die ab März die Ebene knechtet und die erst im Juli oder August nachlässt. Die Bewohner des Städtchens, etwa dreißigtausend an der Zahl, sind die Hitze gewohnt.

Mr John ist meist in seiner Schule zu finden. Er hat einen eigenen Klassenraum, was nur wenigen Lehrern vergönnt ist. Die Schüler kommen zu ihm, er muss sie nicht in ihren Klassen aufsuchen. Das wäre auch schwer möglich, da die ganze Batterie von Materialien und Maschinerien, die er angesammelt hat, nicht mehr transportabel ist. An der Seitenwand bei der Tür stapeln sich Hunderte Plakate, Kopien von Arbeitsbögen, Arbeitshefte, Zeitungen, Zeitschriften auf durchhängenden Regalbrettern. An der Rückwand gibt es eine große weiße Fläche, auf die der Beamer öfter mal einen Film projiziert, wenn Mr John anderweitig beschäftigt ist. Darunter weitere Regale. Vorn beim Pult hat Mr John sein Büro. Ein Geviert von Schultischen und einem Schreibtisch. Ein leibhaftiger Kopierer steht da, natürlich auch ein Computer mit einem opulenten Drucker. Zentrale elektronische Teile sind ausbaubar. Diese deponiert Mr John übers Wochenende oder in den Ferien im großen Safe der Schule, damit sich Diebstähle nicht lohnen. Papier, Bürogeräte, Stempel überall. Für die Schüler, öfter mal an die fünfzig, bleibt da wenig Platz. Achtunddreißig Glückliche können auf Bänken sitzen und erwischen eins der kleinen Pulte, der Rest sitzt auf dem Boden und lehnt sich irgendwo an. Das ist nicht schlimm, denn nur wenige der Schüler kommen aus Häusern, in denen es einen Tisch gibt. Thailand ist gerade erst dabei, Tische als Mobiliar zu entdecken, und Baumärkte und Möbelverkäufer machen gute Geschäfte.

(Fortsetzung in Ausgabe FA09/2022)

Über den Autor

Wolfgang Rill wurde in Fulda geboren. Heute lebt er zeitweise wieder dort, vorwiegend aber in Thailand. Seit dreißig Jahren schreibt er Geschichten und veranstaltet Schreibrunden für Interessierte. Seine Bücher sind bei Amazon unter „Wolfgang Rill“ bestellbar oder beim Autor erhältlich. „Alle lieben Mr. John“ ist sein siebter Roman.

Kontakt: wrill@t-online.de

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