Von dem Elefantenprinzen

Einst gab es einen König. Er hieß Phanthumawadi und herrschte über die Stadt Djampak. Das Gesetz des Glaubens ehrte der Herr, Almosen gab er in Fülle, die Gebote befolgte er treu, und in der Meditation fand er die geistige Vollendung. Die königlichen Pflichten befolgte er zum Segen seiner Untertanen, und er fehlte nie. Die Geister alle, voran der Stadtgeist von Djampak, beschützten daher den König und sorgten dafür, dass ihm alle Gefahren fernblieben. Die Bürger der Stadt strebten dem Beispiel ihres Herrn nach, gaben Almosen, befolgten die Gebote und erfüllten ihre Pflichten stets gewissenhaft.

Vor der Stadt, im Dorfe Nampha, verzehrten sich in Armut in ihrer Hütte ein Mann und eine Frau. Sie hatten zwei Söhne. Der Ältere hieß Suriyakhat, Sonnenverschlinger, denn am Tag seiner Geburt kam Rahu, der Dämon, und verschluckte die Sonne. Der Jüngere wurde Djanthakhat genannt, Mondverschlinger, weil er in einer Nacht geboren ward, in der Rahu den Mond verschlungen hatte.

In der Nähe des Stadttores wohnte damals in ihrer Hütte die Jungfrau Hemarangsi, der Goldenstrahl. Ihr oblag die Pflicht, ihre alte Mutter zu pflegen, denn einen Vater hatte sie nicht mehr. Die Jungfrau lebte treu den Geboten und ehrte die Älteren, wie es ihre Pflicht war. Willig befolgte sie der Mutter Befehle und gehorchte gern.

Eines Tages ging Hemarangsi mit ihrer Mutter in den Wald. Gegen Mittag wurde sie durstig und kam auf der Suche nach Trinkwasser vom Pfade ab. Auf einer Fährte hatte sich im Fußabdruck eines Elefanten ein wenig Flüssigkeit gesammelt. Die Jungfrau hielt es für Wasser, es war jedoch der Urin eines großen Streifentigers. Sie trank, und das Wasser des Tigers machte sie schwanger.

Als sich ihr Zustand nicht mehr verbergen ließ, stellte ihre Mutter sie zur Rede und sprach: "Mit wem hast du buhlend dich vereinigt, dass dein Leib so widerwärtig gequollen?"

Hemarangsi antwortete: "Oh Mutter, es gibt keinen Jüngling, der meines Körpers Geheimnis berührt!"

Die Mutter lachte: "Wenn das stimmte, warum also wölbt sich dein Leib?" Die Jungfrau entgegnete: "Ich weiß es nicht! Aber nachgedacht habe ich schon und vielleicht auch den Grund gefunden!"

Und sie erzählte ihrer Mutter die Geschichte, wie sie das Wasser des Tigers aus der Fußspur eines Elefanten getrunken. Die Mutter hörte es und verstummte. Als die zehn Mondumläufe voll waren, da gebar Hemarangsi einen Sohn und gab ihm den Namen Kunchon Kuman, Elefantenprinz. Das Kind wuchs heran und wurde zu einem kräftigen Knaben. Als er sieben Jahre alt war, konnte Kunchon Kuman schon in den Wald gehen und Kräuter sammeln, Feuerholz brechen oder Früchte pflücken, um seiner Großmutter und seiner Mutter damit Freude zu bereiten.

Der Ruhm seines Namens verbreitete sich durch die ganze Stadt, und es hieß: "Draußen am Stadttor wohnt ein vaterloser Knabe namens Kunchon. Stark ist er wie ein Elefant, Schwäche und Schmerzen kennt er nicht, er ist fromm und gut. In den Wald geht er, um für seine Großmutter und seine Mutter Kräuter, Holz und wilde Früchte zu sammeln und nicht nur das, schon jetzt verrichtet er sämtliche Arbeiten der Erwachsenen mit Geschicklichkeit.

Als die ledigen Weiber in der Stadt von der Tugend des Elefantenprinzen hörten, beneideten sie Hemarangsi um ihren Sohn. Denn sie waren dumm und dachten, jedes vaterlose Kind müsse so lieb und gut werden wie Kunchon Kuman. So schlichen sie in der Stadt umher, lauerten jungen Männern auf und verstellten ihnen den Weg. Ohne Scham ließen sie sich schwängern, öffentlich, wie Hündinnen tun, und Schweine, Ziegen oder Schafe.

Als die Frauen ihre Lust befriedigt hatten, kamen sie nach einiger Zeit wieder zusammen und sprachen: "Wir haben nun keine Bleibe mehr, denn die Männer verachten uns und bleiben uns fern. Darum lasst uns aufbrechen in den Wald und uns Wohnung suchen in den Häusern einer anderen Stadt."

So sprachen sie, und als sie einig waren, führten sie einander aus der Stadt hinaus und suchten sich anderswo eine Bleibe.

Als die Frauen alle geflohen waren, verödete die Stadt. Der Regen hörte auf zu fallen, der Reis wurde teuer, und Seuchen befielen die Zurückgebliebenen. Dreierlei Gefahren suchten die Bürger heim: Teuerung bedrückte sie, Geister saugten sie aus, und Räuberbanden fielen über sie her.

übersetzt von Dr. Christian Velder
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