Der Besuch der Brüder bei den Eltern

Der Besuch der Brüder bei den Eltern
Der Besuch der Brüder bei den Eltern

Auf ihrer Fahrt über das Meer hatten die Brüder Glück: Keinerlei Gefahren mussten sie erdulden, so gross war die Kraft ihrer Tugend. Oh Wunder, da kamen Barken, geschnitten aus siebenerlei Edelsteinen. Goldne und silberne Boote kamen, sieben von jeder Art. Die folgten dem Schiff der beiden Brüder. Anderen Kaufleuten schienen die wundersamen Dschunken zu gehören. Ohne Schwierigkeiten segelte der Geleitzug auf geradem Wege zur Mündung des Yamuna-Flusses. Von hier aus, das wusste Suriyakhat, brauchten sie nur der Strömung entgegen zu rudern, um nach Djampak zu gelangen. Also sprach er zum Steuermann: "Das ist die Mündung des Yamuna-Flussen. Djampak liegt an seinem Oberlauf. Daher musst du jetzt unser Schiff in den Fluss hineinsteuern."

So sprach Suriyakhat und legte die Hände zusammen, um den Geistern die Ehre zu erweisen. Er betete: "Ich will meiner Eltern Verdienste belohnen. Lasst also mein Schiff nicht in die Irre gehen auf seinem Wege!"

Da fuhr das Schiff ohne weiteres Zutun geradewegs hinein in des Stromes Mündung und hielt nicht eher an, als bis sie im Hafen waren. Die Schiffer brauchten nur noch Anker zu werfen. Die strahlenden Geisterbarken aber verschwanden.

Am Hafen gab es einen Markt. Dort sassen die Marktfrauen inmitten ihrer Waren. Feine Kleider hielten sie feil und silberne und goldne Gerätschaften. Auch Lebensmittel gab es, Früchte und Blumen. Die Gebrüder setzten sich an Deck ihres Schiffes nieder, blickten über den Markt hin und warteten, ob sie wohl ihre Eltern zu Gesicht bekommen würden. Die Marktfrauen konnten ihre Blicke nicht von den beiden Jünglingen wenden, und eine sagte es der anderen: "Seht doch nur die beiden jungen Kaufleute!"

Mit den Fingern wiesen sie zum Schiff und mit den Lippen flüsterten sie einander zu, und jedermann ergötzte der Jünglinge Anblick.

Plötzlich waren die ins Elend gefallenen Eltern der Brüder da! Wilde Früchte brachten sie und Zehrwurzeln, um sie auf dem Markt zu verkaufen. Suriyakhat erkannte sie zuerst und sprach zu Djanthakhat: "Oh Bruder, sieh doch nur! Der Grossvater und die Grossmutter dort, das sind unsere Eltern! Wir wollen still sein und uns nicht verraten, denn unsere Mutter hat eine allzu angriffslustige Art. Wenn sie uns erkennt, wird ihr alter Zorn wieder aufbrechen. Sie wird uns schelten und fortjagen. Dann müssten wir uns schämen."

So flüsterte Suriyakhat und verstummte. Am Abend kamen die Eltern zur Anlegestelle herab, um wie gewöhnlich zu baden. Da sahen sie die beiden Brüder aus der Nähe und dachten an ihre Söhne. Sie wateten herbei und fragten: "Woher kommt ihr?"

"Wir kommen aus der Stadt Kasi."

"Was habt ihr zu verkaufen?"

"Nur Bambus! Etwas andres führen wir nicht! Aber unsere Bambusstangen wollen wir euch wohlfeil geben, wenn ihr etwas besitzt, sie dagegen einzutauschen!"

"Seht, alle unsere Habe ist zerronnen. Nichts mehr besitzen wir zum Tausch!"

So sprachen die beiden Alten und kehrten nach Hause zurück. Sie betrachteten ihre Hütte und sahen, wie hinfällig sie war. Da sprachen sie: "Morgen werden wir aufs Feld gehen und zwei oder drei Wassermelonen pflücken. Die könnten wir gegen ein wenig Bambus eintauschen."

Am nächsten Morgen eilten die beiden Alten aufs Feld und pflückten vier Melonen, vier Röhren Bambus wollten sie dagegen eintauschen. Als ihnen die Bambuspfähle ausgehändigt waren, brachten sie sie nicht vom Boden hoch. Da heuerten die beiden Brüder Lastträger an, die den beiden Alten die Pfähle nach Hause tragen mussten. Natürlich hegten die Alten keinen Argwohn, dass die Röhren gefüllt sein könnten. Sie liessen sie also irgendwo im Freien ablegen.

Am nächsten Morgen machten die beiden Brüder sich auf den Weg zu ihrem Heimatdorf Nampha. Wenn sie zum Hause eines Mannes kamen, der ihnen einstmals Gutes erwiesen hatte, so legten sie die Hände zusammen zum Gruss. Manch einer erkannte sie wieder, viele aber auch nicht. Einige fragten: "Wo kommt ihr zwei her?"

Dann erzählten sie ihre Geschichte, doch nur unter einer Bedingung, niemand dürfe ihren Eltern ein Wort davon sagen. "Lasst uns beide erst gehen", sprachen sie, "dann mögt ihr es den Eltern sagen!"

Jedem gaben sie von ihrem Bambus ein Rohr. Dann verabschiedeten sie sich wieder und gingen auf ihr Schiff.

Unter den Männern, denen die Gebrüder einen Bambuspfahl geschenkt, gab es einen, der ihn aufspaltete, um nachzusehen, was wohl darin wäre. Silber, Gold und Edelsteine aller Art fand er zu seiner Verwunderung. Da hielt es ihn nicht, er eilte zu den Eltern der Jünglinge hinüber und fragte: "Ihr Alten, wisst ihr denn nicht, dass eure Söhne heimgekehrt sind?"

"Wie sollen wir das wissen?"

"Oh ihr Einfältigen! Die beiden jungen Kaufleute sind niemand andres als Suriyakhat und Djanthakhat, eure Söhne! Sie haben jedem von uns eine Bambusröhre gegeben. Drum eilt, ihr Alten, Grossvater und Grossmutter, und spaltet die Bambuspfähle, die sie euch gegeben. Seht nach, der eine wird sein voller Edelsteine, der andre voll Gold und voll Silber!"

Die beiden Alten spalteten also ihre Bambusröhren, um nachzuschauen, und entdeckten Reichtümer über Reichtümer, wie jener Mann vorausgesagt. Da freuten sie sich und riefen: "Ach! Unsere Söhne sind in die Fremde gezogen und haben Schätze gewonnen, unermessliche und Dienstleute ohne Zahl. Morgen werden wir zu unserer Söhne Schiff gehen, und mit fürstlichen Speisen werden sie uns bewirten, königlich werden sie uns kleiden."

Unterdessen ratschlagten die beiden Brüder: "Seit dem Tage, an dem wir Kasi verlassen, sind drei Monate vergangen. Es ist höchste Zeit, dass wir zurückkehren! Darum mögen die Kaufleute, unsere Begleiter, sich zur Abreise rüsten!"

Am frühen Morgen setzten die Eltern der beiden Jünglinge sich in ihr Boot und ruderten zum Hafen. Da sahen sie, wie das Schiff ihrer Söhne sich gerade in Bewegung setzte. Sie strengten sich an und versuchten, das Schiff einzuholen. Aber der Abstand vergrösserte sich mehr und mehr. Da riefen sie laut über das Wasser hin: "Ihr, die ihr unsere Söhne seid, oh kommt doch zurück und nehmt eure Eltern mit! Warum habt ihr uns denn nicht verraten, wer ihr seid?"

"Weil ihr uns keine Liebe entgegengebracht!"

Bis aufs offene Meer folgten die Eltern dem Schiff ihrer Söhne. Dann erst liessen sie von der Verfolgung ab.

übersetzt von Dr. Christian Velder

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Unsere Dorfgeschichten sind dem hübsch illustrierten Buch "Der Reiche und das Waisenkind" entnommen, herausgegeben von Christian Velder (Foto). Der deutsche Philologe mit Wohnsitz in Chiang Mai hat über viele Jahre thailändische Volkserzählungen übersetzt und gesammelt. Das Buch mit 120 Geschichten kostet 680 Baht. Velders Buch "Der Richter Hase und seine Gefährten" enthält reich illustrierte Volkserzählungen. Der kleine und zerbrechliche Hase gilt in Südostasien als ein Tier von Klugheit und List. Das Buch kostet 480 Baht. Beide Bücher sind in Pattaya erhältlich in den Buchläden DK an der Soi Post Office und der Central Road, in den Bookazine-Geschäften in der Royal Garden Plaza und im Central Festival Center/Big C, bei Amigo Tailor an der Soi Diamond, im Restaurant Braustube an der Naklua Road sowie in der FARANG-Geschäftsstelle an der Thepprasit Road.

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