Ubon Ratchathani

Da die jungen Leute die Angewohnheit hatten immer leiser zu sprechen, je unsicher sie wegen der schwierigen Fremdsprache wurden, war die Unterhaltung insgesamt aber sehr anstrengend für Thomas. Oft musste er die Bedeutung des Gesagten einfach mutmassen und oft konnte er an den Reaktionen auf seine Antworten erkennen, dass er mutmasslich falsch gemutmasst hatte.

Die Thailänder waren alle Schüler einer Art Highscool und stammten offensichtlich aus wohlhabenderen Familien. Alle wollten anschliessend studieren, drei von ihnen planten sogar an ausländische Universitäten zu gehen. Das Mädchen war sehr daran interessiert etwas über Deutschland zu erfahren. Sie hatte eine Freundin die mit einem Deutschen verheiratet war und seit ein paar Jahren auch dort lebte. Die Freundin hatte bei ihren ersten Heimatbesuchen Deutschland als eine Art Paradies beschrieben. Dann wurden ihre Besuche immer seltener und schliesslich hatte sie sich gar nicht mehr gemeldet. Ob das ein schlechtes Zeichen war, oder ob ihre Freundin einfach keine Lust mehr hatte ihre ›rückschrittliche und arme Heimatstadt‹ zu besuchen, konnte das Mädchen nicht abschätzen. Auf jeden Fall hatte sie sehr übertriebene Vorstellungen von dem fremden Land und sie machte sich grosse Hoffnung dort einmal studieren zu können.

Thomas verbrachte fast drei Stunden mit den jungen Thailändern, zu denen sich nach und nach noch weitere vier Freunde gesellten. Alle hatte viel ›Sanuk ‹ miteinander und als Thomas gegen Mitternacht beschloss sein Hotel zu suchen, um sich für den nächsten, möglicherweise anstrengenden Tag auszuruhen, boten ihm die Jugendlichen an ihn mit ihren Hondas zum Hotel zu fahren. Seinen Begleitern war nach seiner wagen Beschreibung sehr schnell klar, um welches Hotel es sich handeln musste. Thomas war sehr erleichtert darüber, denn während der Fahrt durch die schöne, beleuchtete Stadt musste er feststellen, dass er das Hotel in genau entgegengesetzten Richtung gesucht hätte.

Nach einer ruhigen Nacht, in der er tief und traumlos geschlafen hatte, wurde Thomas ganz langsam von lautem Singsang eines benachbarten Tempels wach. Er schaute auf seinen Wecker und stellte fest, dass er sich bereits um 7 Uhr morgens ausgeschlafen fühlte. Als er dann gegen 7 Uhr 45 das Hotel verliess um sich einen Ort zum Frühstücken zu suchen, war er fast der einzige Mensch, der sich auf der Strasse befand. Anhand des Stadtplanes, der in seinem Reiseführer abgedruckt war, versuchte er ein dort empfohlenes Restaurant zu finden. Er ging die gleiche Strasse wie am Vorabend entlang, erkannte aber nichts so richtig wieder.

Schliesslich fand er das Restaurant und war erneut überrascht, wie urban und westlich dieses wirkte. Das Personal war sehr freundlich und er bekam ein sehr leckeres Käse-Sandwich, zwei weich gekochte Eier, gebrühten Kaffee und einen frisch gepressten Orangensaft.

Während des Frühstücks brütete er über dem Reiseführer und versuchte Informationen über den Grenzübergang in der Nähe der Stadt zu finden. Das schwach besuchte Restaurant leerte sich nach einer Weile ganz und nun wurde Thomas auch noch die restliche Aufmerksamkeit des Personals zuteil. Mit höflicher, unaufdringlicher Neugier beobachtete der Inhaber Thomas und ganz besonders dessen Recherche. Schliesslich sprach er ihn verlegen an und stellte die üblichen Fragen nach Herkunft, Ziel der Reise etc. Thomas erzählte seine eingeübte Legende und nutzte die Gelegenheit um den Wirt nach dem Grenzübergang Chong Maek zu fragen. Der Wirt erzählte, dass es dort einen kleinen Grenzposten gäbe, der den Übergang zu einem hinter der Grenze gelegenen Markt sehr unbürokratisch zulassen würde. Als er aber erfuhr, dass Thomas kein eigenes Fahrzeug besass, empfahl er ihm zum Office des ›TAT ‹ zu gehen und dort nach einem Fahrer zu fragen.

Im Büro des ›TAT‹ arbeiteten eine junge Frau und ein Mann fortgeschrittenen Alters. Ein weiterer Mann verschwand in einem angrenzenden Büro in dem Moment, als Thomas das Office betrat. Thomas wurde sehr freundlich begrüsst und neugierig über seine Herkunft, seine Unterkunft und seine weiteren Reisepläne gefragt. Der Mann machte einige Vorschläge für Tagesausflüge, unter anderem zu einem thailändischen Tempel auf kambodschanischem Territorium, der eine aussergewöhnliche Sehenswürdigkeit sein musste. Als Thomas diese alle ausschlug war er ein wenig enttäuscht, wusste auch nicht mehr so recht, was er dem merkwürdigen Farang jetzt noch anbieten sollte. Thomas sagte, dass er einfach nur einen Fahrer suchte, der ihn zum Grenzübergang Chong Maek fahren würde.

Die junge Mitarbeiterin warf schüchtern ein, dass der Grenzübergang überhaupt keinen Besuch lohnen würde, da dort ausser ein paar Verkaufsbuden mit schlechter laotischer Ware überhaupt nichts wäre. Vielmehr gäbe es auf thailändischer Seite sehr viele einzigartige Sehenswürdigkeiten, die man von Ubon aus alle mit wenig Aufwand besichtigen könnte.

Thomas beharrte höflich auf seinem Wunsch und als die beiden Mitarbeiter merkten, dass es keinen Sinn hatte ihn umzustimmen, schlug der Mann vor, ihn persönlich nach Chong Maek zu bringen. Er ging in den hinteren Raum und bat seinen Chef ihm für den Rest des Tages Frei zu geben. Dann ging er mit Thomas zu einem in der Nähe geparkten Pick-Up und sie fuhren los.

Die Fahrt durch die bezaubernde Landschaft war ein Genuss für Thomas. Als der Fahrer nach und nach bemerkte, dass Thomas sich gerade für die ganz normalen, alltäglichen Dinge in der thailändischen Provinz begeistern konnte, fing er an immer mehr von seiner Heimat und von seinem Leben zu erzählen. Er war 56 Jahre alt und hatte zwei Kinder, die beide in Bangkok lebten und offenbar gut bezahlte Jobs hatten. Als er dies erzählte, liess er einen deutlich anklagenden Unterton vernehmen. Es missfiel ihm sehr, dass die Jugend sich immer mehr von den guten Traditionen des Familienlebens auf dem Lande verabschiedeten und nur noch materiellen Dingen nachliefen. Er selber hatte früher eine kleine aber dennoch einträgliche Farm besessen. Aber weil keines seiner Kinder daran dachte, diese Farm einmal zu übernehmen und er selber vor ein paar Jahren durch eine Krankheit geschwächt war, hatte er das Land verkauft und den Job beim ›TAT‹ angenommen. So konnte er finanziell abgesichert, aber ohne eine richtige Familie leben. Besonders verbittert war er darüber, dass er seine Enkelkinder nur bei seltenen Familienfeiern sehen konnte und an deren Aufwachsen und Entwicklung überhaupt nicht teilhaben konnte.

Nach einer kurzweiligen, unterhaltsamen Fahrt kamen sie schliesslich an dem kleinen Grenzposten an. Erst jetzt, als Thomas seinen Rucksack nahm und den Fahrer bezahlen wollte, verstand der, dass Thomas die Absicht hatte nach Laos einzureisen. Er versuchte Thomas beizubringen, dass das nicht möglich sei. Man kann in Chong Maek nur bis zu einem Markt kurz hinter der eigentlichen Grenze gehen und dort einkaufen und etwas essen. In diesem zugänglichen Grenzstreifen steht auch ein Grenz-Pavillon, in dem der ›kleine Grenzverkehr‹ der benachbarten Dörfer geregelt wird.

Thomas hatte aber die Information erhalten, dass auch Touristen dort ein Einreisevisum erhalten könnten. Nach einer kurzen Diskussion begleitete der Fahrer Thomas zu diesem Pavillon um zu übersetzen und sich selber ein Bild von der Lage zu machen. Aber er behielt recht! An eine Einreise war nicht zu denken und auch ein schüchterner Bestechungsversuch half nicht weiter.

Enttäuscht verliessen sie das Gebäude und gingen wenigstens einmal über den Markt, um ein paar Kleinigkeiten zu kaufen und etwas zu essen.

Es war gerade erst Mittag. Thomas war niedergeschlagen und wusste nicht so recht wie es nun weiter gehen sollte. Der Fahrer bemerkte das und ohne Fragen nach dem Grund für die Reise nach Laos zu stellen schlug er Thomas vor, ihn mit dem Auto nach Mukdahan zu fahren. Mukdahan war die nächste grosse Stadt in Richtung Norden und hier gab es eine Möglichkeit über den Mekong in die laotische Stadt Savannakhet überzusetzen. Der Fahrer wollte für die etwa 170 Kilometer lange Strecke 1000 Baht haben, was für ihn bestimmt sehr viel Geld war, für Thomas jedoch ein völlig angemessener Preis. Also willigte er ein und sie brachen gleich nach dem Essen auf

Wat Pho, Massage und eine lange Reise

Dr. Grünzel sass auf dem Rücksitz des alten Lexus und liess sich von Khun Duan zum Wat Pho chauffieren. Er hatte sich jeweils die aktuelle Ausgabe von ›Bangkok Post‹ und ›The Nation‹ gekauft und versuchte sich ein wenig in die Tagespolitik Thailands einzulesen. Insgeheim fürchtete er aber irgendetwas über seinen Sohn Florian in den englischsprachigen thailändischen Zeitungen zu finden. Das würde nämlich mit ziemlich grosser Wahrscheinlichkeit bedeuten, dass eher früher als später auch etwas davon nach Deutschland durchsickern würde. Aber zu seiner grossen Erleichterung fand er in keiner der beiden Gazetten etwas Derartiges. Khun Duan parkte den Wagen in einer kleineren Seitenstrasse neben dem Tempel und begleitete Grünzel hinein. Er löste zwei Eintritts-Tickets und führte Grünzel direkt durch den grossen Tempelhof zu den Massage-Räumen. Da es noch früh am Morgen war brauchten sie noch nicht einmal lange zu warten bis Grünzel an der Reihe war. Während der sich entkleidete und auf die Massageliege legte, nahm sich Khun Duan für die Dauer der Behandlung frei, um in den Tempel zu gehen und dem Buddha seinen Respekt zu zeigen und ein paar Räucherstäbchen und Lotusblumen zu stiften.

Gut zwei Stunden später wusste Dr. Grünzel was der Anwalt gemeint hatte, als er ihn zum Wat Pho schickte. Er hatte den Eindruck als ob gerade einmal eine viertel Stunde vergangen war, fühlte sich aber so, als ob er fünf Stunden lang in der Sonne geschlafen hätte. Seine Haut spannte am ganzen Körper, aber seine Glieder und seine Muskeln waren völlig locker, entspannt und leicht. Fantastisch! Er fühlte sich wie neu geboren.

Auf dem Weg zum Wagen kamen sie an einem für Bangkok ungewöhnlichen, kleinen Cafe vorbei. Grünzel blieb stehen und warf einen neugierigen Blick in den zur Strasse hin offenen Raum.

»Komm wir nehmen einen Kaffee.« sagte er zu Khun Duan und bedeutete ihn auf einem zierlichen Metallstuhl an einem der beiden Tische, die sich vor dem Cafe auf dem Bürgersteig befanden, Platz zu nehmen. Er selber ging in das Cafe und rief die Bedienung, eine etwa 35 jährige, gross gewachsene Thailänderin, an den Tisch.

Grünzel bestellte einen Capuccino und Duan einen grünen Tee. Die Getränke waren ausgezeichnet! Grünzel rührte eine Weile in seinem Kaffee herum und blickte nachdenklich vor sich hin. Er zögerte einen Moment und sagte dann halb zu seinem Fahrer und halb zu sich selbst: »Ich komme so nicht weiter, das dauert alles viel zu lange!«

Duan sah ihn fragend an.

»Der Rechtsanwalt ist ein Bandit, ich vertraue ihm nicht! Ich habe nicht die Zeit auf seine Spielchen einzugehen, ich muss selber etwas unternehmen.«

Khun Duan konnte sich nicht recht einen Reim aus dem Gesagten machen. Dr. Grünzel war gerade einmal zwei Tage in Thailand und schon wurde er ungeduldig. Was waren das für komische Menschen aus Deutschland, die immerzu durch die Gegend hetzten und nie Zeit hatten.

Dann kam Grünzel zur Sache: »Duan, Du kennst Dich aus hier in Thailand. Du musst mich zu diesem verdammten Gefängnis in Khon Kaen fahren in dem mein Sohn schmort. Wir müssen einen Weg finden, wie wir ihn da herausboxen können.«

Duan war überrascht über diese Worte. Der Deutsche hatte ›wir‹ gesagt. Das war eine unerwartete Vertraulichkeit, nahm ihn aber auch in gewisser Weise in Verantwortung und legte ihn ungefragt auf eine Position fest. So etwas mögen Thailänder überhaupt nicht gerne und ein Chauffeur, der zwei Tage zuvor noch in durchgewetztem Anzug für einen Hungerlohn Hotelgäste zum Flughafen gebracht hatte, war mit so viel Veränderung in seinem gleichförmigen, aber vertrauten Leben absolut überfordert. Und Thailänder hassen es, sich überfordert zu fühlen!

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