Ukraine meldet Erfolge

​Russische Atomdrohungen zeigen Wirkung

Foto: epa/Security Service Of Ukraine
Foto: epa/Security Service Of Ukraine

KIEW/MOSKAU/CHISINAU: Angesichts der russischen Drohungen wächst im Westen die Angst vor einem Atomschlag. Die Ukraine verkündet derweil eigene Erfolge auf dem Schlachtfeld.

Einen Tag nach der russischen Annexion von Teilen der Ukraine hallen die Drohungen aus Moskau zum Einsatz von Atomwaffen nach. Verteidigungsministerin Christine Lambrecht (SPD) warnte vor einer Lähmung des Westens. Mychajlo Podoljak, ein Berater des ukrainischen Präsidentenbüros, hält es für vorstellbar, dass Russland tatsächlich Atomwaffen einsetzen könnte. Unterdessen verkündete die Ukraine weitere Erfolge der eigenen Offensive. Sie kesselte in der Stadt Lyman im Gebiet Donezk nach eigenen Angaben rund 5000 russische Soldaten ein. Das war zunächst nicht unabhängig zu überprüfen.

Der russische Präsident Wladimir Putin hatte am Freitag - dem 219. Tag des Krieges - die ukrainischen Gebiete Donezk Luhansk, Cherson und Saporischschja für annektiert erklärt. International wird dieser völkerrechtswidrige Schritt nicht anerkannt. Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg nannte das Vorgehen Putins die schwerste Eskalation seit Beginn der Invasion am 24. Februar.

In der Region Charkiw wurden am Samstag nach ukrainischen Angaben 20 Menschen beim Beschuss einer zivilen Autokolonne nahe der Stadt Kupjansk getötet. Zu dem Fall gab es zunächst keine Informationen aus Moskau. Erst am Freitag waren bei einem Raketenangriff auf einen zivilen Autokonvoi in der südukrainischen Stadt Saporischschja nach ukrainischen Angaben 30 Menschen getötet worden.

Lambrecht: Von Putins Atomdrohungen nicht lähmen lassen

Verteidigungsministerin Lambrecht sagte bei einem Besuch in Moldau, die russischen Atomdrohungen würden von der Bundesregierung ernst genommen und sehr besorgt beobachtet. «Da gilt es, sehr aufmerksam zu sein. Aber da gilt es auch, sich von solchen Drohungen nicht lähmen zu lassen.» Sie ergänzte: «Das darf nicht dazu führen, dass man nachlässig in der Unterstützung für die Ukraine wird.»

Präsidentenberater Podoljak sagte der «Bild» (Samstag) zu möglichen Atomwaffeneinsätzen: «Angesichts der inneren Panik in der Russischen Föderation und der zunehmenden militärischen Niederlagen steigt das Risiko dafür.» Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sagte, Befürchtungen eines russischen Atomschlags sollte nicht nachgegeben werden.

Putin hatte erst vergangene Woche mit Blick auf die Mobilmachung von 300.000 Reservisten für den Krieg gesagt: «Wenn die territoriale Integrität unseres Landes bedroht wird, werden wir zum Schutz Russlands und unseres Volkes unbedingt alle zur Verfügung stehenden Mittel nutzen. Das ist kein Bluff.»

Ukraine: 5000 russische Soldaten in Lyman eingekesselt

In der strategisch wichtigen Stadt Lyman deutet sich die nächste Niederlage für die russischen Truppen an. Die ukrainischen Truppen kesselten dort nach eigenen Angaben rund 5000 russische Soldaten ein. Eine solche Zahl an eingekesselten Russen habe es überhaupt noch nicht gegeben in dem Krieg, sagte der ukrainische Verwaltungschef für Luhansk, Serhij Hajdaj. Es seien fast alle Zugänge blockiert. Westliche Militärexperten gehen davon aus, dass Lyman in den nächsten Tagen komplett befreit wird.

«Sie haben jetzt drei Handlungsmöglichkeiten: Entweder können sie versuchen auszubrechen oder sie ergeben sich. Oder sie sterben alle zusammen. Da sind von ihnen etwa 5000, eine genaue Zahl gibt es nicht», teilte Hajdaj mit.

Region Charkiw: 20 Zivilisten bei Beschuss einer Autokolonne getötet

Die ukrainischen Behörden warfen der russischen Armee vor, beim Beschuss einer zivilen Autokolonne nahe der Stadt Kupjansk 20 Menschen getötet zu haben. Die Zivilisten hätten versucht, sich vor russischen Angriffen in Sicherheit zu bringen, teilte der ukrainische Gebietsgouverneur Oleh Sinegubow mit. «Das ist eine Grausamkeit, die keine Rechtfertigung hat.» Die Angaben zu den Toten seien vorläufig.

Zurückhaltung zu Nato-Beitritt der Ukraine

Als Reaktion auf die russische Annexion hatte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am Freitag gesagt, dass er bei der Allianz in Brüssel einen Antrag auf beschleunigte Aufnahme stellen werde. Ministerin Lambrecht äußerte sich zurückhaltend zu dem Plan. Ein Nato-Beitritt sei an bestimmte Voraussetzungen gebunden. Die Frage werde nun im Kreis der 30 Nato-Staaten beraten.

Auch die USA sehen derzeit kein beschleunigtes Aufnahmeverfahren. Das Verfahren in Brüssel sollte zu einer anderen Zeit aufgegriffen werden, sagte der Nationale Sicherheitsberater im Weißen Haus, Jake Sullivan, in Washington. Die EU- und Nato-Staaten Estland, Lettland und Litauen äußerten sich dagegen positiv. Eine der Voraussetzungen für einen Nato-Beitritt ist üblicherweise, dass der Beitrittskandidat nicht in internationale Konflikte verwickelt ist.

Chef von AKW Saporischschja von russischer Seite festgenommen

Der Chef des von russischen Truppen besetzten ukrainischen Atomkraftwerks Saporischschja, Ihor Muraschow, wurde festgenommen. Russische Behörden informierten die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) am Samstag, dass der Generaldirektor des größten europäischen Kernkraftwerks «vorübergehend festgenommen wurde, um Fragen zu beantworten», wie ein IAEA-Sprecher in Wien am Samstag sagte. Nach ukrainischen Angaben wurde Muraschow von Moskauer Truppen entführt. Der Präsident der ukrainischen Betreibergesellschaft Enerhoatom, Petro Kotin, teilte mit, dass der Kraftwerks-Chef am Vortag von einer russischen Patrouille am AKW-Standort Enerhodar auf der Straße gestoppt, aus dem Auto gezerrt und mit verbundenen Augen an einen unbekannten Ort gebracht worden sei. Russland hält das AKW seit Anfang März besetzt.

London: Moskau setzt Abwehrraketen in Bodenoffensive ein

Nach Einschätzung britischer Geheimdienste setzt Moskau bei seiner Bodenoffensive in der Ukraine mittlerweile Abwehrraketen ein, die eigentlich für den Abschuss von Flugzeugen oder anderen Geschossen bestimmt sind. Die Geheimdienste werten den Einsatz einer solchen Rakete als Zeichen russischer Munitionsengpässe, da diese Waffen als strategisch wertvoll und nur in begrenzter Zahl vorhanden gelten.

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