«Politiken»: Trump und Infantino bedrohen Integrität der WM
KOPENHAGEN: Zur Aufhebung der Rot-Sperre des US-Nationalspielers Folarin Balogun nach einem Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino meint die liberale dänische Tageszeitung «Politiken»:
«Die Mission war erfolgreich: Die FIFA hob die Sperre am Sonntag auf. Für den Aufmerksamkeit suchenden Narzissten im Weißen Haus war der Erfolg perfekt - nun spricht die ganze Welt über die WM - und über Trump. Er hat sich zu einem externen Spieler mit enormem Einfluss gemacht.
Aber für die WM und den Fußball selbst ist es eine schwere Niederlage. Mit ihrem nachträglichen Eingreifen setzt sich die FIFA sowohl über ihre eigenen Regeln als auch über den Respekt gegenüber den Entscheidungen auf dem Spielfeld hinweg - und missachtet die Fairplay-Erwartung, die das große Publikum, das die Weltmeisterschaft verfolgt, zu Recht hat. (...)
Auch wenn die «Bromance» zwischen Trump und Infantino bekannt ist, ist es erschütternd, dass die FIFA dem politischen Druck nicht standgehalten hat. Wenn Schiedsrichterentscheidungen durch politischen Druck beeinflusst werden können, ist die Integrität der Weltmeisterschaft durch Infantino und Co. ernsthaft bedroht.»
«The Telegraph»: Infantino sollte zurücktreten
LONDON: Zur Aufhebung der Rot-Sperre des US-Nationalspielers Folarin Balogun nach einem Gespräch zwischen den Präsidenten der USA und der FIFA meint die britische Zeitung «The Telegraph» am Dienstag:
«Es wurde keine nachvollziehbare Erklärung für diesen Schritt gegeben. US-Präsident Donald Trump prahlte offen mit seinem Einfluss und dankte der FIFA dafür, dass sie «ein großes Unrecht wiedergutgemacht» habe. (...) Diese WM war bislang ein großartiges Turnier mit ausverkauften Stadien, hervorragendem Fußball und mehreren Überraschungen - nicht zuletzt das Ausscheiden Brasiliens gegen die Norweger. Doch dieser Skandal droht zu überschatten, was ein herausragender Erfolg für Amerika sein könnte. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat den Ruf einer Organisation weiter geschwächt, die bereits unter seinem Vorgänger Sepp Blatter zum Inbegriff von Korruption geworden war. Er sollte zurücktreten.»
«de Volkskrant»: Die FIFA ist eine korrupte Organisation
AMSTERDAM: Zur Aufhebung der Rot-Sperre des US-Nationalspielers Folarin Balogun nach einem Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino meint die niederländische Zeitung «de Volkskrant» am Dienstag:
«Diese Vorgehensweise ist besonders schmerzlich, da die Disziplinarkommission der FIFA in erster Linie dazu da ist, Fairplay zu gewährleisten. Dass die Kommission dem Druck von Infantino nachgegeben hat, zeigt einmal mehr, dass die FIFA eine korrupte Organisation ist. (...)
Trump hat vor den Augen der ganzen Welt gezeigt, dass ihn auch im Fußball Spielregeln nicht interessieren. Hochmütig und ohne jegliche Scham übt er das Recht des Stärkeren aus. Und auch im Fußball gibt es leider bislang niemanden, der ihm in die Quere kommt.
Es bleibt zu hoffen, dass es vielen Verbänden nun reicht. Der europäische Fußballverband UEFA hat bereits in beispiellos scharfen Worten erklärt, dass die FIFA eine «rote Linie» überschritten habe. (...) Sollte sich herausstellen, dass Gianni Infantino tatsächlich direkt daran beteiligt war, ist er als Präsident der FIFA nicht mehr tragbar.»
«NZZ»: Politische Eingriffe im Fußball sind brandgefährlich
ZÜRICH: Die «Neue Zürcher Zeitung» kommentiert am Dienstag die Aufhebung der Rot-Sperre des US-Nationalspielers Folarin Balogun nach einem Telefongespräch zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino:
«Der Eindruck, Regelauslegungen könnten an einer WM von der Regierung des Gastgeberlandes beeinflusst werden, ist für den Fußball brandgefährlich. Das Spiel basiert auf der Annahme, dass für sämtliche Mannschaften dieselben Regeln gelten. Es lebt von der Illusion, dass Entscheide über Foul und Abseits, als so ungerecht sie empfunden werden mögen, in den Stadien fallen. Oder - schon das ist für Puristen ein schmerzhaftes Zugeständnis - in den Kellerräumen der Videoschiedsrichter. Aber sicher nicht im Weißen Haus. (...)
Eigentlich weiß die FIFA genau, was bei Interventionen von außen auf dem Spiel steht. In aller Regel schreiten die Regelhüter des Fußballs in derartigen Fällen rigoros ein. Vor wenigen Tagen sperrten sie den nationalen Verband Nepals wegen «Einmischungen durch Dritte». Im Februar traf es jenen von Kongo-Brazzaville, Grund war «ein besonders schwerwiegender Fall unzulässiger Einflussnahme Dritter».
Der Korruptionsskandal von 2015 stürzte die FIFA in eine tiefe Krise. Bisher schien es, als hätten die Funktionäre auf dem Zürichberg daraus die richtigen Schlüsse gezogen: Sie sind bemüht, den Eindruck der Bestechlichkeit zu vermeiden. Die USA in einem Sanktionsentscheid derart plump zu bevorzugen, stellt die erzielten Fortschritte infrage.»
«La Repubblica»: Infantino hat die Kontrolle verloren
ROM: Zur umstrittenen Entscheidung der FIFA, die Sperre von US-Stürmer Folarin Balogun zur Bewährung auszusetzen, schreibt die italienische Zeitung «La Repubblica» am Dienstag:
«(FIFA-Chef Gianni) Infantino hat die Kontrolle über die Situation verloren - vielleicht unvermeidlich. Denn die enge Symbiose mit (US-Präsident Donald) Trump bringt zwar große Vorteile, aber auch unberechenbare Risiken mit sich, die sich nicht mit einem lockeren Spruch oder einer Mitteilung entschärfen lassen. Dabei setzt er auf die zeitlose Magie des Fußballs und auf die Stärke einer Organisation, die mit dieser Weltmeisterschaft mehr als zehn Milliarden Euro einnehmen wird, die anschließend wieder investiert werden sollen.
Damit das Turnier überhaupt gelingen konnte, musste Infantino häufiger im Weißen Haus vorsprechen als mancher Staatschef. Dabei lächelte er gezwungen über Trumps Ausfälle gegen andere Gastgeberländer - etwa dessen Bemerkung: «Sollen wir wegen des Drogenhandels einfach Mexiko bombardieren?» - oder über dessen Zweifel an einzelnen Austragungsorten, nachdem Seattle eine demokratische Bürgermeisterin gewählt hatte. Hinzu kamen die ständig wechselnden politischen Entwicklungen rund um den Iran.»
«Wall Street Journal»: Beste US-Elf, doch Trump überschattet alles
NEW YORK: Zum Telefonat zwischen US-Präsident Donald Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino und dem Wirbel um die Rot-Sperre für US-Stürmer Folarin Balogun schreibt das «Wall Street Journal» am Dienstag:
«Es gibt keine Kontroverse, in die sich dieser Präsident nicht einmischen würde - ob zum Guten oder zum Schlechten. (...) Nach Trumps Anruf setzte das Disziplinarkomitee der FIFA die Rote Karte für ein Jahr aus, wenn auch ohne nähere Begründung. (...). Infantino sagte am Montag, dass weder er noch Trump Einfluss auf das Disziplinarkomitee genommen hätten. (.)
Aber die Einmischung Trumps wird nun das sein, woran sich die meisten Menschen erinnern werden (...). Schade ist, dass dies mit Abstand die beste US-amerikanische Herren-Nationalmannschaft in der WM-Geschichte ist. (...) Außerdem hat diese Weltmeisterschaft den angereisten Fußballfans aus aller Welt die freundliche, bodenständige Seite der Amerikaner gezeigt, von der sie in der internationalen Presse nichts erfahren. Das war eine ermutigende Demonstration amerikanischer «Soft Power».
Ach, leider hat Trumps Einmischung dafür gesorgt, dass sich die ganze Geschichte nur noch um ihn dreht. Ganz gleich, ob die US-Mannschaft am Montagabend gewonnen oder verloren hat (dieser Artikel ging vor dem Spiel in den Druck), die Spieler hätten Trumps Einmischung nicht gebraucht.»