Komiker gegen «Schokozar» und «Gasprinzessin»

Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine und Kandidat für die Wahlen 2019, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung in Chmilnyk. Foto: Emilio Morenatti/Ap/dpa
Petro Poroschenko, Präsident der Ukraine und Kandidat für die Wahlen 2019, spricht bei einer Wahlkampfkundgebung in Chmilnyk. Foto: Emilio Morenatti/Ap/dpa

KIEW (dpa) - Die Ukrainer stehen vor einer schwierigen Präsidentschaftswahl mit einer Rekordzahl an Bewerbern. Amtsinhaber Petro Poroschenko droht eine Niederlage. Viel beliebter ist einer, der den Präsidenten bisher nur in einer beliebten Comedy-Serie gespielt hat.

Ein Komiker fordert in der Ukraine bei der Präsidentenwahl Amtsinhaber Petro Poroschenko heraus. Doch ist in dem Krisenland, das in die EU strebt, die Auswahl mit 39 Kandidaten diesmal so groß wie nie. 80 Zentimeter Länge misst der Stimmzettel. Zwei Hauptthemen prägen den Wahlkampf: die Armut und der Krieg mit den aus Russland unterstützten Separatisten im ostukrainischen Donbass. Sollten die 30 Millionen Wahlberechtigten an diesem Sonntag (31. März) keinem die absolute Mehrheit verschaffen, kommt es am Ostersonntag (21. April) zu einer Stichwahl. Wer sind die aus dem Bewerberfeld herausragenden Protagonisten?

PETRO POROSCHENKO:

Der 53 Jahre als Amtsinhaber wird nicht wegen seiner Körperfülle scherzhaft auch «Schokozar» genannt. Er hat es vielmehr mit einem Süßwarenimperium zu einem Vermögen gebracht. Zwar hatte der Oligarch nach seiner ersten Wahl 2014, als er im ersten Wahlgang mit knapp 55 Prozent gewann, versprochen, seine Geschäfte aufzugeben. Doch sieht er sich nun dem Vorwurf ausgesetzt, die Zahl der «Roshen»-Läden noch deutlich erhöht zu haben. Die Basis der Holding im westukrainischen Winnyzja legte schon Poroschenkos Vater, ein Funktionär der Kommunistischen Partei in der Sowjetunion.

Poroschenko, Vater von vier Kindern und verheiratet, droht eine Niederlage bei der Wahl. Aus Sicht vieler Ukrainer hat er die Erwartungen nach den prowestlichen Protesten in Kiew und dem Sturz von Präsident Viktor Janukowitsch nicht erfüllt. Zwar gibt es nun visafreies Reisen in die EU. Aber vielen fehlt dafür das Geld.

Poroschenkos Wahlkampflosung «Armee, Sprache, Glaube» zeigt auch, wo die Probleme liegen: Der Krieg im Osten des Landes ist - anders als zum Amtsantritt versprochen- nicht beendet. Auch dass er die extrem verbreitete russische Sprache samt der an Moskau orientierten Kirche massiv zurückdrängen will, bringt ihm nicht nur Zustimmung ein.

Im politischen Geschäft zeigt sich der im südukrainischen Bolgrad bei Odessa geborene Poroschenko wandlungsfähig. Einst Mitgründer der inzwischen zerfallenen moskaufreundlichen Partei der Regionen, vertritt er heute einen strikt antirussischen Kurs. Sein Ziel ist ein EU- und Nato-Beitritt. «Weg von Moskau» ist die Devise des ausgebildeten Juristen, der für verschiedene Parteien im Parlament saß und auch schon als Außen- und Wirtschaftsminister arbeitete.

WLADIMIR SELENSKI:

Der 41 Jahre alte Schauspieler, der in der Comedy-Serie «Sluha narodu» - auf Deutsch: «Diener des Volkes» - schon den Präsidenten gespielt hat, ist als Neuling auch Hoffnungsträger vieler junger Ukrainer. Der politische Quereinsteiger mit der rauchig-warmen und durchdringenden Stimme beherrscht die Spielarten von staatstragend bis bodenständig meisterhaft. Seit der jungenhafte sportliche Mann, Vater von zwei Kindern, in der Silvesternacht seine Kandidatur ankündigte, bekommt er für seine Rolle noch mehr Applaus. In Umfragen lässt der «Clown aus Krywyj Rih», (Stadt in der Südukraine) wie er sich selbstironisch in seinen Wahlkampfspots bezeichnet, alle anderen hinter sich.

Begonnen hat der ausgebildete Jurist mit einer studentischen Humoristentruppe. Mehrere Jahre lebten sie in der russischen Hauptstadt Moskau, traten in anderen Ex-Sowjetrepubliken auf. Anders als Poroschenko will Selenski auf Russland zugehen. Der Medienstar, der seit 2003 durch eine Samstagabendshow führt, kann sich einen russischsprachigen Fernsehkanal vorstellen und setzt sich überhaupt für Freiheit der Sprachwahl ein. Auch er steht für einen EU-Kurs. Einen Nato-Beitritt will er aber über ein Referendum ausloten lassen.

Kritiker halten Selenski für eine Marionette des Oligarchen Igor Kolomoiski, auf dessen Fernsehsender «1+1» seine Show läuft. Aber wofür er politisch steht und ob er außer dem Schauspiel auch auf der Bühne des Lebens als echter Präsident im - nach dem eurasischen Russland - flächenmäßig größten Land Europas Regie führen kann, müsste er erst noch zeigen.

JULIA TIMOSCHENKO:

Im dritten Anlauf will die 58-jährige Veteranin der ukrainischen Politik endlich zur ersten Präsidentin des Landes gewählt werden. In ihrer Heimatstadt Dnepropetrowsk (heute Dnipro) stieg sie über Beziehungen in den russisch-ukrainischen Gashandel ein. Ein Millionenvermögen und ihr Lebensstil brachten ihr den Spitznamen «Gasprinzessin» ein. Zweimal war sie Regierungschefin, mischte immer vorne mit, vor allem aber wurde sie - damals noch mit dem geflochtenen Haarkranz - 2014 zu dem Gesicht der prowestlichen Orangenen Revolution.

Überworfen hat sich Timoschenko mit vielen in der Politik - auch mit Poroschenko, den sie im Fall eines Wahlsieges ins Gefängnis bringen will. Dort saß sie selbst schon. 2011 wurde sie in einem politisch motivierten Prozess zu sieben Jahren Gefängnis verurteilt. Sie musste sich gegen den Vorwurf wehren, sie habe sich von Russland über den Tisch ziehen lassen und zu teure Gasverträge abgeschlossen. Es war schon ihr zweiter Gefängnisaufenthalt nach Vorwürfen der Steuerhinterziehung im Jahre 2001.

Im Februar 2014 kam die Politikerin nach dem Sturz ihres Widersachses Viktor Janukowitsch wieder frei. Die Mutter einer Tochter verlor jedoch bei den vorgezogenen Wahlen gegen Petro Poroschenko. Seit Herbst 2014 steht sie der mit 20 Abgeordneten kleinsten Parlamentsfraktion ihrer Vaterlandspartei vor. Sie kämpft für ein Comeback. In Umfragen liefert sie sich mit dem Amtsinhaber ein Kopf-an-Kopf-Rennen um den Einzug in die Stichwahl. Dem übrigen Feld der weiteren gut 30 Bewerber werden kaum Chancen ausgerechnet.

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