Gold wird Kupfer

übersetzt von Dr. Christian Velder

Es waren einmal zwei Freunde. Ihre Hütten standen dicht beieinander. Die Männer waren schon lange gute Kameraden.

Die Regenzeit war gekommen, doch das Land blieb trocken, der Reis verdorrte auf dem Halm. Eine schlimme Teuerung machte den Menschen zu schaffen. Überfälle und Einbrüche waren an der Tagesordnung.

Einer der beiden Freunde wollte anderswo sein Glück versuchen. Seine Ersparnisse hatte er in einem Säckchen verwahrt, und das wollte er in diesen unsicheren Zeiten nicht mitnehmen. Im Hause mochte er das Säckchen mit Goldstücken aber auch nicht lassen, wer sollte es dort wohl schützen? Bestimmt nicht seine schwache Frau und seine kleinen Kinder.

Er brachte also das Goldsäckchen zu seinem Freund und gab es ihm zur Aufbewahrung. Er sagte, wenn er nach einer Weile nach Hause heimkehre, werde er es wieder abholen.

Viele Monate vergingen. Der Mann ließ sich nicht blicken. Der Freund, der das Säckchen in Verwahrung hatte, öffnete es und schaute hinein. Da lagen die Goldstücke ungenutzt im Dunklen, anstatt einer sinnvollen Verwendung zugeführt zu werden. Schon lange genug hatten sie in ihrem Versteck ausgeharrt, ohne auch nur das Geringste zu leisten. Der Freund wollte einen Teil der Goldstücke auf die Probe stellen und ihnen Gelegenheit geben, Gewinn abzuwerfen, zumal Schuldzinsen und Vermittlungsgebühren in diesem Falle entfielen.

Der Entschluss war gefasst, mit dem Gold kaufte der Mann Waren ein, lud sie auf seinen Ochsenkarren und fuhr los, um sie unterwegs in den Dörfern zu verkaufen. Es zeigte sich, dass er sein Handelsgut mit einem erklecklichen Gewinn an den Mann bringen konnte. Das machte ihn zufrieden und glücklich, und sein Wohlstand mehrte sich. Alle Bedenken waren schließlich verflogen. Der Freund setzte auch den Rest des Goldes um, und seine Waren gingen gut, der Gewinn war erheblich.

Während er dasaß und überlegte, wie er seine neue Barschaft am günstigsten anlegen sollte, war der andere heimgekommen. Jeden Augenblick konnte er erscheinen und sein Säckchen mit Gold zurückverlangen. Sollte der Freund es herausgeben? Nimmermehr, seine Habgier ließ es nicht zu. Von dem Golde, das er in Verwahrung genommen, konnte er sich nicht trennen. Die Übergabe war zudem ohne Zeugen erfolgt, Klage zu erheben wäre unter diesen Umständen zwecklos, der Freund besaß keine Handhabe.

Dem Betrug standen Tür und Tor offen. Statt des Goldes legte der Freund nun Kupferstücke in den Sack und achtete darauf, dass das Gewicht genau übereinstimmte. Als der andere kam, um das Säckchen abzuholen, händigte er es ihm aus, und der Empfänger nahm es arglos an. Bei der Übergabe entging ihm, dass sein ganzes Gold inzwischen zu Kupfer geworden.

Als er zu Hause war, schüttete er den Inhalt aus. Da merkte er, dass sein Gold nun wie Kupfer aussah, und es dämmerte ihm, dass sein Freund ihn betrogen. Was nützte nun alles Jammern und Klagen? Nur Scham und Schande im Angesicht der Nachbarn würde er ernten.

Er riss sich zusammen und dachte nach, wie er sein Gold vielleicht doch noch zurück erstattet bekäme. Aber es fiel ihm nichts ein. Da begab er sich zu dem Weisen Sriwichai, dessen Einsicht noch stets den Sieg davongetragen. Der Weise überlegte nicht lange, beugte sich zu seinem Besucher hinab und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Sobald der Mann alles richtig verstanden hatte, zog er sich zurück und kehrte heim.

Am nächsten Morgen pflückte er Obst in ein Körbchen und brachte es zu seinem Freunde. Er sagte:

"Ich möchte mich bei dir dafür bedanken, dass du so gut auf mein Gold aufgepasst hast. Nun habe ich es wieder. Deshalb bringe ich dir diese Früchte, und für deinen Sohn habe ich auch etwas mitgebracht.”

So sprach er. In diesem Augenblick trat der Sohn des Freundes ein, und die Früchte wurden verteilt. Dazu gab es noch allerlei Spielzeug für den Knaben, und das war geschenkt! Das Kind freute sich über die Gaben und fragte:

"Du hast zu Haus wohl eine Menge Kinderspielzeug, nicht wahr?”

Der Mann nickte:

"Ganz recht, mein kleiner Neffe, bei mir zu Haus gibt es noch viel mehr! Wenn du es dir ansehen willst, komm doch einfach mit! Da kannst du dir aussuchen, was du haben willst, ich geb’ es dir gern.”

Gross war die Freude des Knaben ob dieser Auskunft. Vater und Mutter mochten einwenden, was sie wollten, der Kleine wiederholte nur immer wieder seine Bitte, den Oheim begleiten zu dürfen, damit sie endlich nachgeben sollten. Schliesslich nahm der Gast den Faden auf und sagte:

"Was gibt es da lange zu bedenken? Euer Kind sucht sich bei mir aus, was es haben will, und kommt damit zurück. Was ist dagegen einzuwenden? Du, mein Freund, hast mir einen grossen Dienst erwiesen, so lass mich dir doch dafür danken!”

So sprach er, und der Knabe begleitete ihn nach Haus.

Als das Kind am Abend immer noch nicht heimgekommen war, wurden die Eltern unruhig. Der Vater machte sich auf den Weg. Als er ankam, traf er den Freund im Hause an. Nicht aber seinen Sohn. In grosser Sorge fragte er:

"Geliebter Freund, wo ist mein Junge geblieben? Er ist nicht nach Hause gekommen!”

Der Freund war ganz blass geworden. Er antwortete:

"Freund, ehj, es tut mir furchtbar leid. Dein Sohn hat Obst gegessen. Dadurch hat er sich in diesen Affen hier verwandelt. Warum? Ich habe keine Ahnung.”

Mit diesen Worten gab er ihm die Leine in die Hand, die er einem Affen um den Hals gelegt. Da ahnte er, dass sein Freund es ihm heimzahlen wollte. Natürlich hatte er den Sohn irgendwo versteckt! Nur wo?

Geradenwegs ging er zur Wohnung des Weisen Sriwichai. Er bat ihn um seine Hilfe, damit der Freund ihm seinen Sohn wieder herausgäbe. Der Weise schickte Boten zu dem Manne, der den Sohn des Freundes entführt, er möge sich bei ihm einstellen. Als er da war, mussten die beiden nacheinander die Sachlage aus ihrer Sicht darlegen. Der Weise sagte nach einer Denkpause:

"Das ist eine höchst sonderbare Geschichte. Ich kann kaum glauben, was ihr mir berichtet. Aber wenn wirklich Gold sich in Kupfer zu verwandeln vermag, kann ein Kind gewiss auch zum Affen werden. Sei’s drum! Du mit der Affenleine in der Hand gib deinem Freund den Affen zurück! Und du mit dem Säckchen voll Kupfermünzen, händigt es dem Freunde aus. Morgen stellt ihr euch beide wieder ein bei mir. Wenn du Herr des Affen mir morgen nicht statt seiner den Sohn deines Freundes zuführst, bekommst du auch dein Gold nicht wieder. Und du mit dem Säckchen voll Kupfer, wenn es dir nicht gelingt, morgen früh ein Säckchen voll Gold abzuliefern, so bekommst du auch deinen Sohn nicht zurück!”

Die Freunde waren einverstanden. Der eine ging mit seinem Affen nach Hause und der andre mit seinem Kupfer. Am nächsten Morgen brachte der eine des Freundes Sohn und der andre das Gold mit. Sie vertrauten den einen und das andre dem Weisen an. Dieser übergab dem Vater sein Kind und dem Freunde sein Gold. Damit war ihr Streit geschlichtet.

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