Die Wildente und der Wachtelkönig

übersetzt von Dr. Christian Velder

Wildenten leben am Wasser, der Wachtelkönig aber im Wald.

Unser Wachtelkönig hier dünkte sich etwas Besonderes unter den Vögeln. Ungewöhnlich klang sein Lied: ...Ku tchalat – ku tchalat – ich bin schlau – ich bin schlau...

Eines Tages trafen sich die beiden Tiere und beratschlagten. Sie wollten ihre angestammte Heimat tauschen. Der Wachtelkönig wollte im Wasser wohnen und Krebse fangen und Fische zu seiner Speise. Die Wildente dagegen ging hinüber in Wald und Feld. Sie näherte sich auch den Behausungen der Menschen: Dort pickte sie Reiskörner und Kuchenkrümel auf, welche die Bauern liegen gelassen hatten.

So waren die Tiere zufrieden und machten es sich in ihrer neuen Heimat bequem. Der Wachtelkönig konnte sich nicht lassen vor Freude und rief ein ums andere Mal: ...Ku tchalat – ku tchalat...

In dem nahen Teich gab es Fische im Überfluss. Der Waldjäger nahm seine Reuse und stellte sie dicht an der Wasseroberfläche auf. Dann legte er sich in den Hinterhalt. Da kam der Wachtelkönig. Aber ach, er besass keine Erfahrung mit dem Wasserleben, weil er immer im Walde gewohnt hatte. Er ging dem Jäger in die Falle.

Die Wildente nun, fremd im Walde, watschelte hierhin und dorthin, und sie verfing sich in den Schlingen des Jägers. Auch sie musste sterben. Die Menschen längst vergangener Zeiten haben gesagt: Wenn einer eine Krähe ist und ein Schwan sein will, so wird er zugrunde gehen ...

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Vater Li und die Feuerameisen
Der ehrwürdige Li, ein berühmter Abt, unseren Vorfahren wohlbekannt, begab sich einst auf Pilgerschaft. Er wollte in der Einsamkeit des Waldes am Fusse eines schattigen Baumes meditieren.

Als der Baum gefunden war, nahm er darunter Platz. Da hörte er ...sa...sa... allerfeinste Stimmchen, und das waren Feuerameisen, die in dem Baume wohnten und denen gerade eben das Nest zerrissen worden. Vater Li brauchte nicht lange darüber nachzusinnen: es war klar, als er sich gegen den Stamm gelehnt, hatte er mit dem Rücken die Lianen gespannt, die von den Ästen herabhingen, und dabei war das Ameisennest dort oben aufgeplatzt. Die Eier, die gerade geschlüpften Jungtiere und viele der Ameisen fielen heraus, und bald war Vater Li von den wimmelnden Tieren bedeckt.

Die Feuerameisen waren ausser sich vor Zorn. Vater Li hatte ihr Nest zerfetzt, hatte ihre Eier und Jungtiere herausgeschüttelt, das schrie nach Rache. Die Ameisen fingen an, Vater Li zu kneifen, zu beissen und zu stechen, sie schlüpften von oben und unten in sein Mönchsgewand hinein, sie krabbelten ihm über Kopf und Gesicht, einige sogar in die Ohren, so wütend waren sie auf ihn.

Vater Li beherrschte sich. Er bewahrte Ruhe. Reglos sass er da. Die Ameisen abzustreifen kam ihm nicht in den Sinn. Er war ein Freund aller Tiere, und so brachte er auch keine einzige der Ameisen in Gefahr. Er rührte sich nicht von seinem Sitzplatz, um sich anderswo niederzulassen, er blieb wie angewurzelt sitzen. Er richtete seine Gedanken auf ein einziges Ziel, ruhig zu bleiben und den Tieren mit Barmherzigkeit zu begegnen. Er sprach ein Gebet:

"Seit ich Mönch geworden, habe ich keinem Tier wehgetan. Ich habe kein Lebewesen in Not gebracht oder gar getötet. Wenn ich mich aber in einem früheren Dasein gegen Tiere versündigt, wenn ich einst Tiere gequält haben sollte, dann bitte ich euch Ameisen, dann beisst mich tot! Wenn ich euch aber keinen Harm zugefügt, wenn ich von euch niemanden in Gefahr gebracht, bitte, lasst ab von mir. Wir wollen einander fürderhin nicht mehr quälen und Schmerzen bereiten der eine dem andren. Ich bitte euch um Vergebung für das, was ich euch soeben an Leid zugefügt. Ich habe es nicht absichtlich getan. Euch in Angst und Schrecken zu versetzen lag mir fern.”

Als Vater Li sein Gebet beendet hatte, versenkte er sich in die Ruhe der Meditation. Er besänftigte seinen Sinn. Was an Unrast noch übrig geblieben sein mochte, fiel von ihm ab. Tiefster Frieden hatte ihn durchdrungen. Die feinen Stimmchen ...su...su... hatten sich verflüchtigt. Der Aufruhr hatte sich gesetzt, und Stille breitete sich aus. Die Feuerameisen, die noch eben Vater Li am ganzen Körper gestochen und gebissen, kamen in langen Zügen aus den Öffnungen seiner Kleider hervor. Nicht eine einzige blieb zurück!

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